«Die Brücke»

June 27, 2008
Franz Kafkas Geburtstag jährt sich am 3. Juli zum 125. Mal. Anlässlich des Widerspruchs, dass seine Texte zu Lebzeiten schier unverkäuflich waren, er aber tiefere Einblicke ins menschliche Wesen bis heute gewährt als seine gefeierten Zeitgenossen, eine kleine Überlegung zum Motiv der Weite und der Tiefe.
<strong>Franz Kafka </strong>&laquo;Ohne einzust&uuml;rzen kann keine einmal errichtete Br&uuml;cke aufh&ouml;ren, Br&uuml;cke zu sein&raquo;

von Katarina Holländer

Das geht niemals über Bodenbach hinaus», soll Franz Werfel gesagt haben, nachdem Max Brod ihm Kafka zu lesen gegeben hatte. Bodenbach, das heutige D?ecín, am Rande der pittoresken «Böhmischen Schweiz» gelegen, bezeichnete die Grenze zum Deutschen Reich und somit gewissermassen den Rand der Provinz von Prag aus gesehen. Prag, das war der Kessel, in dem die später als «Prager deutsche Literatur» mit einem Label versehene Reflexion einer zumeist jüdischen Befindlichkeit, die im Umbruch begriffen war, heiss gekocht und in Worten angerichtet wurde. Es war auch ein (bisweilen bewusster) Abgesang.

Die meisten der Schriftsteller, die zum «Prager Kreis» gezählt werden – den als Genie geltenden, nicht immer der Bescheidenheit frönenden Franz Werfel eingeschlossen –, sind heute nur einer kleinen Leserschaft bekannt. Ab und zu wird einer wiederentdeckt. In den letzten Jahren kam diese Gunst etwa Leo Perutz zu, der allerdings schon als Jugendlicher nach Wien kam und somit diesem Kreis nicht direkt zugerechnet wird. Und der neben Franz Kafka später berühmteste deutschsprachige Autor jener Zeit, der in Prag aufwuchs, der Dichter Rainer Maria Rilke, wird im breiteren Bewusstsein kaum zu den «Pragern» gezählt. Überhaupt war die deutsche Kultur in Prag schon stark im Schwinden, als Kafka sie mit seiner Prosa zu ihrem späten Höhepunkt trieb.

Bröckelnder Lehm

Es war eine Übergangszeit, und wie sehr die ersten europäischen Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts eine Endzeit waren, zeigte sich mit unvordenklicher Radikalität erst im Rückblick. «Ich war steif und kalt, ich war eine Brücke, über einem Abgrund lag ich», beginnt Kafka eine seiner kurzen Erzählungen, «Die Brücke». Da ist ein Abgrund offen, klafft. Das, was ihn überspannt, bekommt hier Stimme. Es hat seine Schwungkraft verloren, die Elastizität eingebüsst. Ein Ich schildert sich fast in Leichenstarre, nur die Stimme noch agil. Schon im ersten Satz ist die Gegend als unwirtlich erkennbar. «Diesseits waren die Fussspitzen, jenseits die Hände eingebohrt, in bröckelndem Lehm habe ich mich festgebissen.» So geht der Bericht weiter. Ist dieses Ich ein Gegenstand? Woher dann seine Stimme? Ist Ich ein Mensch? Wer sonst hätte «Fussspitzen»? Oder doch eine Bestie, die sich in Lehm «festbeissen» kann? «Die Schöße meines Rockes wehten zu meinen Seiten», erfahren wir. Das ist ein zivilisiertes, eingekleidetes Wesen, es hat wehende Rockschösse: Das Bild zerfällt. Ein solches Ich kennen wir nicht. Ist es ein Alptraum? Ist es eine phantastische Vision? «In der Tiefe lärmte der eisige Forellenbach.» Ein Stück Idylle wird herbeizitiert, der fröhlich hüpfende Forellenbach, Schuberts Kammermusik hebt schon an, aber nein, dieser Forellenbach ist eisig, und er macht keine Wassermusik und keine Kleine Nachtmusik. Er lärmt banal und lästig wie Strassenlärm. Banal ist er, lästig wie Strassenlärm. So etwas, ein solch unbeschreibliches Wesen in solch gegnerischer Gegend und solch zivilisiert-unmenschlicher Lage, dafür hat man keinen Begriff.

Kafka schenkt dieser Unerhörtheit in nur vier Sätzen ein Bild, das sich einprägt. Es präsentiert sich als ein Ausschnitt einer Biographie. Ein Ich berichtet von seiner Vergangenheit, von seiner Lage, von seiner Anspannung. Zugleich scheint das gar keine Ich-Erzählung zu sein, sondern eine Landschaftsbeschreibung. «Kein Tourist verirrte sich zu dieser unwegsamen Höhe, die Brücke war in den Karten noch nicht eingezeichnet.» Wir sind angekommen bei diesem Ich: Es ist eine unvermessene Gegend. Was den alltäglichen und dennoch tiefgreifenden Abgrund überbrückt, ist jenes festgebissene, überspannte Individuum ohne Zugehörigkeit, dem Bewegungsoptionen abhanden kommen. Es liegt wie ein zu verzeichnender Fund da; nur kann es sich selber nicht als Fund, als Neuentdeckung wahrnehmen, es ist vielmehr wie ein Kranker einem Ende nahe. «So lag ich und wartete; ich mußte warten.»

Das Warten über dem Abgrund

Und dann lässt Kafka einen Satz folgen, den man sich auch durchaus als einen gelungenen Anfangssatz vorstellen kann: «Ohne einzustürzen kann keine einmal errichtete Brücke aufhören, Brücke zu sein.» Dieses Ich wartet also darauf, entdeckt und zertrümmert zu werden, auch wenn dann die Möglichkeit des Ganges auf die andere Seite, der Rückkehr auch, zunichte gemacht sein wird. Es beobachtet sich, wie es von kalter Starre erfasst wird, wie es gegen das Wehen, den Abgrund, das Bröckeln nichts anders unternehmen kann, als selber zu dessen Bestandteil zu werden. Kafkas Sehnsucht nach Veränderung kann keine Verwandlung gelingen sehen, die unerlässliche Verwandlung rettet nicht, sondern ist endgültiges Urteil. So lautet sein zeitgeschichtlicher Befund. Dieses Ich hat die Funktion, zu überbrücken, aber das Überbrücken stellt den Sinn seines einsamen Angebots in Frage. Es gäbe eine ungeheure Möglichkeit, eine einmalige Chance, den Riss in der Zeit zu überqueren, statt alles an ihm enden zu lassen. Doch wer wagte es, in so abweisende Gegend zu kommen, diese Möglichkeit zu entdecken? Nicht einmal diejenigen, die für den professionellen Überblick über die Möglichkeiten zuständig sind, die Kartografen, haben diesen Weg entdeckt. Es gilt zu warten, ob noch jemand die Kraft findet, hierhin hochzusteigen. Er wird erwartet. Doch es bröckelt schon.

Als eines Sommerabends dann endlich Schritte zu hören sind, starke männliche Schritte, da wallt in der Brücke ihr Seelenwunsch auf: «Zu mir, zu mir», wispert die einsame Gestalt den Sucher oder Besucher zu sich heran. Ihre Stunde ist gekommen. «Strecke dich, Brücke, setze dich in Stand, geländerloser Balken, halte den dir Anvertrauten», stachelt das brüchige Ich, sich selber entrückt im Moment, in dem es sich zu bewähren hat, an. Ohne solche Peitschenhiebe scheint es sich nicht zuzutrauen, seine Funktion – ruhig dazuliegen, zu tragen, übersetzen zu lassen – zu erfüllen, ja förmlich zu bestehen. Mehr noch: Es steht zu befürchten, dass auch der Mannesschritt, der sich nähert, nicht sicher ist, ob das, was hier zu schaffen wäre, überlebt werden kann. Die Ängste projizieren sich in dieser Verdichtung hin und her wie im Blitzesgewitter. «Die Unsicherheit seines Schrittes gleiche unmerklich aus, schwankt er aber, dann gib dich zu erkennen und wie ein Berggott schleudere ihn ins Land.»

Diese Welt ging nicht über Bodenbach hinaus. Sie wuchs in die Höhe und in die Tiefe und besprach die Endpunkte der Achse, um die sich auch Bodenbach dreht.
Tödliche Erkenntnis Nur mit sicherem Schritt wird der Boden sicher sein. Nur wenn man die Bodenlosigkeit als Bedingung des Bodens nicht beachtet, wenn man übersieht, wie gefährlich diese Passage ist, nur leichtfertig festen Schrittes, die gespenstisch wehenden Rockschösse als Guckindieluft ignorierend, wäre eine Möglichkeit des Übergangs denkbar. Unsicherheit, der Lage angemessen, zieht schon in den Abgrund. Ein zweifelndes Schwanken im Vorsatz, diese Brücke zu überqueren, die alleine das Werk des Übergangs nicht leisten, sondern nur ermöglichen kann, ist verheerend. Und da zeigt sich, dass dieses Ich, halb Tier, halb Werk, und halb hinhorchender Schriftsteller, alles entscheidet; in seiner hilflosen Lage ist der Wille zur Überwindung der Gott der Entscheidung. Er hört etwas kommen, aber sieht nicht, was. Er ist blind. Liegt als Brücke bereit. Dienend und mächtig.

Was nun folgt, ist das finale Liebesspiel. «Er kam, mit der Eisenspitze seines Stockes beklopfte er mich, dann hob er mit ihr meine Rockschöße und ordnete sie auf mir. In mein buschiges Haar fuhr er mit der Spitze und ließ sie, wahrscheinlich wild umherblickend, lange drin liegen. Dann aber – gerade träumte ich ihm nach über Berg und Tal – sprang er mit beiden Füßen mir mitten auf den Leib. Ich erschauerte in wildem Schmerz, gänzlich unwissend. Wer war es? Ein Kind? Ein Traum? Ein Wegelagerer? Ein Selbstmörder? Ein Versucher? Ein Vernichter? Und ich drehte mich um, ihn zu sehen. – Brücke dreht sich um! Ich war noch nicht umgedreht, da stürzte ich schon, ich stürzte, und schon war ich zerrissen und aufgespießt von den zugespitzten Kieseln, die mich immer so friedlich aus dem rasenden Wasser angestarrt hatten.»

Was kam, war unglaublich. Warum würde einer eine hilflos ausgestreckte Brücke, ihres Zeichens Gott der Gegend, malträtieren? Was kam, war, als man es endlich sehen zu können meinte, das Ende.