Die Autoemanzipation der anderen Juden
Die siebziger Jahre. Der Eiserne Vorhang war dicht, aber nicht unüberwindbar. Informationen über die Situation der Juden in der damaligen Sowjetunion drangen in den Westen. Judentum im Untergrund. Judentum zum Teil unter Lebensgefahr. Gefängnis, Hausarrest oder Arbeitslager, die Angst vor den Geheimdiensten, staatlicher Willkür und Bedrohung durch triefenden Antisemitismus.
Im Westen starteten Aktionen für die Jüdinnen und Juden in Russland. Tausende Pakete mit nötigen Lebensmitteln, jüdischen Schriften, Schabbatkerzen oder Gebetsbüchern wurden monatlich per Post gen Osten versandt. Jugendbünde schrieben Briefe an die Brüder und Schwestern im kommunistischen Gefängnis. Jüdische Organisationen, allen voran der World Jewish Congress, starteten diplomatische Offensiven zur Befreiung der Juden in der Sowjetunion, damit diese ihren Glauben frei leben oder auswandern können. Doch im Land ohne Religion war Religion tabu – die jüdische sowieso.
Es war die Zeit, als ein gewisser Natan Sharansky zum Anführer einer Bewegung avancierte, die der sowjetischen Obrigkeit mit offenen Worten entgegentrat. Jener Sharansky, der dann 25 Jahre später nach Israel auswanderte und heute Minister im Kabinett von Netanyahu ist. Es war die Zeit der Refusniks, der Abgelehnten. Unentwegt stellten sie Anträge auf Ausreise und Emigration, die notorisch bis auf wenige Ausnahmen abgelehnt wurden. Im Westen wurden sie als mutige Helden verehrt und bekannt. Es war die Zeit, da Juli Edelstein, Ida Nudel und andere zu Identifikationsfiguren der jüdischen Gemeinschaft ausserhalb der Sowjetunion avancierten.
Teil eines grossen Programms
Es waren die Jahre, da in Europa und den USA Tausende von Menschen vor den russischen Botschaften mit Kundgebungen auf das Schicksal der Juden in Russland aufmerksam machten, jene Zeit, die vielen nostalgische Gefühle einflösst, auch deshalb, weil nach dem Fall der Mauer alles so anders kam, als man für die Jüdinnen und Juden in der ehemaligen Sowjetunion erhofft hatte. Doch diese emanzipierten sich zu Recht schnell und liessen sich nicht einbinden in das, was Programmisten geplant hatten. Rasch wanderten die russischen Juden nach Deutschland, in die USA oder nach Israel aus. Sie zogen in die freie Welt, und diese wollte die Freiheiten so nicht gelten lassen. Die russischen Juden waren Teil eines grossen Programms: Wiederaufbau jüdischer Gemeinden in Europa, allen voran Deutschland.
Aber russische Juden wollten oft nicht Religion, sondern Kapitalismus, Freiheit, Säkularismus. Sie wollten oft nicht Gemeinschaft, sondern Individualität. Sie wollten nicht fremde, sondern die eigene Identität. Das Bild, das viele von den unterdrückten Juden der Sowjetunion hatten, blieb dominanter als die Realität. Da kamen selbstbewusste, gut ausgebildete, hoch begabte Menschen und traten in den Wettbewerb mit jenen, die Jahrzehnte für die Befreiung gekämpft hatten. Ein Kulturvolk mit einer jüdischen Tradition, die im Westen in Vergessenheit geriet oder ausgeklammert wurde.
Die russischen Juden veränderten das Land
In Israel wurden sie speditiv aufgenommen, und wo nötig waren Rabbiner zur Stelle, die noch die nötigen jüdischen Papiere oder Übertritte besorgten. Für Israel und der Jewish Agency angegliederte Hilfswerke waren die russischen Juden Teil zionistischer Verwirklichung. Und Israel schaffte, was wenige für möglich hielten: Innerhalb von zehn Jahren machten mehr als eine Million Russen Alija und wurden integriert oder eben auch nicht. Die russischen Juden veränderten das Land und die Politik nachhaltig, avancierten zur eigenen Grösse, die Ansprüche stellt.
Heute, über 20 Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs und des Sowjetregime, ist bei vielen die Ernüchterung gekommen. In Deutschland leben zu viele russische Juden von der Sozialhilfe, in Israel haben sie in den Augen vieler einen zu eigenen Weg gewählt, in Russland hat der Kapitalismus das Prioritätengemenge durcheinandergebracht. Mit der russischen Alija haben sich Mehrheiten neu definiert. Dass sich damit Alteingesessene schwertun, ist nachvollziehbar, doch nicht sehr zukunftsgerichtet. Denn das jüdische Leben in Europa wird sich weiter wandeln, es wird vielfältiger, freier, offener. Nichts anderes schwebte der Avantgarde von einst vor. Nun klingt Leon Pinskers Mahnruf an seine Stammgenossen nach: Sie sind ausgewandert, haben sich autoemanzipiert. Jetzt muss zusammenwachsen, was für die einen nicht und für die anderen seit jeher zusammengehört. ●