Die Ausgrenzung des Geistes
Von Martin Dreyfus
Die bevorstehenden Feiern zum 60. Jahrestag der Ausrufung des Staates Israel am 8. Mai drohen in Vergessenheit geraten zu lassen, dass sich nur zwei Tage später der Jahrestag zum 75. Male jährt, an welchen zu erinnern durchaus gerechtfertigt ist.
Als am 10. Mai 1933 in zahlreichen Universitätsstädten Deutschlands die den nationalsozialistischen Studentenverbänden angehörenden Studierenden mit der breitwilligen Beihilfe zahlreicher national gesinnter Hochschuldozenten, von denen wohl viele «ihre Stunde» endlich für gekommen hielten, die Bücher der namhaftesten deutschen Autoren unter markigen Reden in die Feuer warfen, hatte der «Auszug des Geistes», von welchem später gesprochen wurde, und damit der Beginn der Epoche deutscher Literatur im Exil längst seinen Anfang genommen.
Erich Kästner, der wohl als einer der wenigen (wenn nicht gar als einziger) Betroffenen, deren Bücher verbrannt wurden, diesem «Anlass» in Berlin beiwohnte, hat dem beschämenden Schauspiel 25 Jahre später eine knappe Beschreibung «Bei der Verbrennung meiner Bücher» gewidmet, die noch heute, 75 Jahre nach dem Ereignis und 50 Jahre nach ihrer Niederschrift von 1958, lesens- und bedenkenswert bleibt und – wenn auch durchaus nebst anderem – zu seinen wichtigen literarischen Zeugnissen gehört: «Ich stand vor der Universität, eingekeilt zwischen Studenten in SA-Uniform, den Blüten der Nation, sah unsere Bücher in die zuckenden Flammen fliegen und hörte die schmalzigen Tiraden des kleinen abgefeimten Lügners (Joseph Goebbels, Anm. d. Red.). Begräbniswetter hing über der Stadt. Der Kopf der zerschlagenen Büste Magnus Hirschfelds stak auf einer langen Stange, die, hoch über der stummen Menschenmenge hin und her schwankte. Es war widerlich.»
Zwar war dieser würdelosen Inszenierung vor allem deutschnationaler Universitätslehrer bereits der Boykott jüdischer Geschäfte vom 1. April 1933 vorangegangen – mit der Bücherverbrennung erreichte die Hetze allerdings zumindest eine zusätzliche gesellschaftliche Schicht und Dimension. Wenn auch an den meisten (durchaus nicht allen) Orten die nationalsozialistischen (Studenten-)Verbände, sich als die Wort- und Rädelsführer betätigten, beteiligten sich an den Aktionen weit mehr als bisher weder organisierte oder als nationalistisch in Erscheinung getretene Mitglieder vor allem aus dem universitären Bereich.
Beginn der Literatur im Exil
Nur drei Tage später, am 13. Mai 1933, publizierte das Organ des Börsenvereins des deutschen Buchhandels – damals wie heute die Standesorganisation der Deutschen Buchhändler und Verleger – eine Liste mit zwölf Autoren, deren Werke dem deutschen Volke nicht mehr zugemutet werden könnten: Lion Feuchtwanger, Ernst Glaeser (der 1939 aus dem Exil in der Schweiz nach Deutschland zurückkehrte), Arthur Holitscher (heute beinahe vergessen, 1941 im Exil in Genf verstorben), Alfred Kerr, Egon Erwin Kisch, Emil Ludwig, Heinrich Mann, Ernst Ottwalt (der wie manch andere Emigranten später in der Sowjetunion zu Tode kam), Theodor Plivier, Erich Maria Remarque, Kurt Tucholsky und Arnold Zweig.
Von diesen zwölf Autoren wurde die Hälfte im Verlag Gustav Kiepenheuer verlegt. Schneller als bei anderen Verlagen – wie etwa bei S. Fischer oder bei Rowohlt, der noch 1935 Mascha Kaléko (in zwei Auflagen notabene) herausbringen konnte, änderte sich die Situation bei Kiepenheuer. Seine drei Lektoren Hermann Kesten, Walter Landauer und Fritz Helmuth Landshoff – wobei letzterer auch finanziell am Verlag beteiligt war – verliessen als Juden Deutschland.
Spätestens mit diesen Ereignissen begann jene Epoche der deutschen Literatur im Exil, die sich nach 1938/39 um österreichische und «pragerdeutsche» Autoren, aber auch um Autorinnen und Autoren aus den im Krieg besetzten Ländern erweiterte. Diese Epoche hielt weit über das Ende des Zweiten Weltkriegs an und hinterlässt bis heute im Werk etwa von Autoren, die noch als Kinder oder Jugendliche ihr Vaterland und ihre Muttersprache verlassen mussten (die beiden Lyriker Tuvia Rübner oder Franz Wurm mögen hier genannt sein), ihre Spuren bis in die Gegenwartsliteratur.
Die neuen Machthaber beschränkten sich allerdings in keiner Weise darauf, die Werke (damals bereits) emigrierter Autoren zu verbieten. Sie machten mit Verboten auch vor einem anerkannten deutschen Klassiker wie Gotthold Ephraim Lessing mit seinen die Menschenwürde verteidigenden Theaterstücken «Die Juden» – ein wenig gespieltes und bekanntes Stück – oder «Nathan der Weise», das zum eisernen Bestand deutscher Bildung gehörte, nicht Halt. Andererseits durften «Emilia Galotti» und «Minna von Barnhelm» während des ganzen Zweiten Weltkriegs aufgeführt werden. Lessings Namensvetter, der Philosoph und Schriftsteller Theodor Lessing, dessen Familie sich aus Zuneigung zu Gotthold Ephraim Lessing den Familiennamen zugelegt hatte, wurde im August 1933 in Marienbad (wohin er geflohen war) eines der ersten prominenten Mordopfer der Nazis.
Andenken an bedeutsame Autoren
«Dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen» wird Heinrich Heine bis heute oft zitiert. Viele – auch Intellektuelle – wollten es 1933 kaum wahrhaben, konnten es sich wohl auch nicht vorstellen, vielen Menschen verbot oder verschloss sich – aus unterschiedlichsten Gründen – die (rechtzeitige) Möglichkeit zur Emigration. Wenige, wie etwa der Dichter Alfred Mombert (dank dem Winterthurer Mäzen und Dichter Hans Reinhardt) oder die Lyrikerin Nelly Sachs (dank Sigrid Undset), konnten spät nach Norwegen oder in die Schweiz gerettet werden. Mombert starb allerdings wenige Wochen nach seiner Ankunft und seinem 70. Geburtstag in der Schweiz. Viele, deren Werk heute kaum noch in Erinnerung sind, waren in den Konzentrationslagern der Nationalsozialisten umgebracht worden.
Den Büchern von Horst Bienek «Septemberlicht» und «Zeit ohne Glocken» etwa verdanken wir wenigstens die Erinnerung an den Dichter Arthur Silbergleit, und der Schriftsteller und Publizist Karl Otten, der mit dem Buch «Torquemadas Schatten» neben Arthur Koestler und Alfred Kantorowicz eines der wichtigsten literarischen Bücher dieser Zeit über den Spanischen Bürgerkrieg geschrieben hat, überlieferte als erster die Schriften der Dichter Gertrud Kolmar, Paul Kornfeld, Ernst Blass, Arno Nadel (einer der «vergessensten» wie auch bedeutenden Lyriker deutscher Sprache vor 1933 und gleichzeitig Erforscher und Bewahrer synagogaler Musik). Ebenso bewahrte Otten die Gedichte des damaligen Kulturattachés bei der tschechischen Botschaft in Berlin, Camill Hofmann, vor dem Vergessen, der neben eigener Lyrik vor allem die bekannten Gespräche Karel ?Capeks mit Thomas Garrigue Masaryk, dem tschechischen Staatspräsidenten der Zwischenkriegszeit ins Deutsche, und die Werke Stefan Zweigs und anderer Autoren in die tschechische Sprache übersetzte.
Vielen Autorinnen und Autoren gelangte die Flucht oder Emigration. Die deutsche Literatur und deren Protagonisten verbreiteten sich weltweit. Exemplarisches Beispiel war wohl der Dichter Karl Wolfskehl, der sich nach Stationen in der Schweiz und Italien nach Neuseeland zurückzog: «An Erdballs letztem Inselriff», wie Titel und Anfangszeile eines seiner Gedichte aus der Fremde lauten, wo er 1948 bevor eine Rückkehr nach Europa möglich wurde, als exilierter deutscher Dichter verstarb. Während zum 50. Jahrestag 1983 sowohl der Börsenverein des Deutschen Buchhandels wie zahlreiche Verlage unter anderem ganze Dokumentationen zu den «verbrannten», den ins Exil geretteten und den wiederaufgelegten Büchern oder deren Autorinnen und Autoren vorlegten, rückt das Interesse an diesem Tag heute, 75 Jahre später, offenbar in den Hintergrund.