Die Alten vom Berge

Von Andreas Schneitter, October 4, 2010
Als in Israel noch eine jüdische Königsherrschaft existierte, da waren sie schon da: die kaukasischen Bergjuden. Seit rund 2500 Jahren versuchen sie, ihre jüdische Identität nach der Sitte der Väter zu bewahren. Und im muslimischen Aserbaidschan ein globales Vorbild für das friedliche Zusammenleben von Muslimen und Juden zu sein.
«UNSERE VORFAHREN SIND SEIT 2500 JAHREN HIER» Boris Simanduev, Vorsteher der jüdischen Gemeinde, in der Synagoge von Krasnaja Sloboda

In der Mitte von Quba, im nördlichen Aserbaidschan, 50 Kilometer entfernt von der russischen Grenze, sickert ein Fluss durch sein breites, geröllverstopftes Bett. Plastikmüll weht umher, die Sonne brennt, es riecht nach trockener Erde und gärendem Obst. Auf beiden Seiten der Brücke sitzen Männer unter den Bäumen am Wegrand und warten, dass der Tag vorbeigeht, und nach dem Tag die Woche, die Monate, die Jahre.
Über Quba am südlichen Fuss des Kaukasus, 22 000 Einwohner, Obstanbau, Teppichknüpfereien, vier Moscheen, gibt es nicht viel zu sagen, könnte man meinen. Aber hört man den Einwohnern zu, Boris Simanduev auf der Nordseite des Flusses oder Gazimov Azidadeh auf der Südseite, dann sagen sie: «Von uns kann die Welt was lernen.»

«Juden und Muslime sind Brüder»

Die Welt – gemeint ist damit vor allem der Nahe Osten. Aserbaidschan ist ein muslimisches Land, in dem rund 30 000 Juden rechtlich und sozial völlig gleichgestellt leben. Ganz besonders gilt das für Quba. Boris Simanduev, religiöses Oberhaupt der jüdischen Gemeinde Qubas, sagt: «Juden und Muslime sind Brüder. Wir laden gerne Israeli und Palästinenser zu uns ein, damit sie sehen, wie wir hier seit Jahrhunderten in Frieden leben.» Und Gazimov Azidadeh, langjähriger Vorsteher einer der vier islamischen Gemeinden und in den sowjetischen siebziger und achtziger Jahren der einzige Muezzin Qubas, der seine Tätigkeiten ausüben durfte, erwidert: «Es gibt einen Spruch hier, der sagt: Wünschst du dir eine Kuh, dann wünsch dem Nachbarn zwei, so kommt mehr Milch ins Dorf.»
Von oben betrachtet, von den Hügeln, die Quba umgehen, sieht das Idyll etwas anders aus. Der Fluss, der das Städtchen teilt, teilt auch die Religionen. Das Viertel auf der Nordseite heisst Krasnaja Sloboda, «die rote Siedlung», aber bevor die Rote Armee 1920 hier einmarschierte und Aserbaidschan der Sowjetunion eingliederte, hiess das Viertel Evrejskaja Sloboda – «die jüdische Siedlung». Manche sagen heute: das letzte Stetl.
Dieses jüdische Viertel gibt es seit 270 Jahren, seit die Juhuri, wie sich die Einwohner selbst nennen, herunterkamen von den Höhen des Kaukasus und an dessen südlichem Fuss Schutz suchten vor Räuberhorden: 13 jüdische Gemeinden insgesamt, und Fatali Khan, der Herrscher des Khanats Quba, wies ihnen Land zu, wo sie bleiben konnten unter seinem Schutz. Seither ist sie dort, die stabilste jüdische Gemeinde Aserbaidschans. Zu ihrer grössten Zeit im 20. Jahrhundert zählte sie rund 18 000 Leute. Heute ist nicht einmal ein Viertel davon geblieben. Dass man sie heute ausserhalb Aserbaidschans «Bergjuden» nennt, haben sie den Russen zu verdanken, als Gesandte des Zaren im 19. Jahrhundert hierher kamen, um die Minderheiten im Kaukasus zu registrieren. Weil die Leute in dieser jüdischen Siedlung zwar zur Synagoge gingen, die Thora lasen und den Schabbat ehrten, sonst aber so ganz andere Bräuche, Sprachen und soziale Umgangsformen hatten als die aschkenasischen Gemeinden, die man in Moskau kannte, und den sie umgebenden Bergvölkern in einigem glichen, wurden sie gesondert eingeordnet: als Bergjuden.

Ein verlorener Stamm?

Woher sie kommen, ist ethnogenetisch nicht endgültig gesichert. Gemäss ihrer eigenen Legende gehören sie zu den zehn verlorenen Stämmen Israels. Stichhaltiger ist folgende These: Nach dem Ende des babylonischen Exils, als das babylonische Reich von den Persern erobert und den Israeliten die Rückkehr nach Jerusalem erlaubt war, hat sich eine Gruppe abgesondert und ist via Persien in den zerklüfteten Kaukasus gewandert, der Schutz bot vor Verfolgung und Zwangskonversion, als das persische Reich später von der islamischen Streitmacht der Araber bezwungen wurde. Die Isolation führte jedoch auch zu einem langen Unterbruch der Kontakte mit anderen jüdischen Gemeinden und zu einer kulturellen Vermischung mit der grossen Zahl verschiedener Völker im Kaukasus – ohne die eigene religiöse Tradition oder die Sprache, das dem persischen Farsi verwandte Tat, zu verlieren. So hat Boris Simanduev nicht unrecht, wenn er sagt: «Unsere Vorfahren sind seit 2500 Jahren in dieser Region.»
Die amerikanische Anthropologin Sascha Goluboff, die mehrere Forschungen über die Bergjuden veröffentlich hat, räumt der These eine hohe Plausibilität ein. Aber: «Das Wissen um die eigene Herkunft ist höchstwahrscheinlich importiert.» Goluboff erzählt die Geschichte eines französischen Reporters, der in den neunziger Jahren, kurz nach dem Ende der Sowjetunion, Krasnaja Sloboda besucht hatte und dem damaligen Gemeindevorsteher begeistert erzählte, hier existiere das Judentum noch nach Art und Weise der biblischen Väter – eine patriarchalische Gesellschaft, die meistens von der Landwirtschaft lebt und der geistigen Tradition des Judentums unkundig sei. «Solche Positionen sind von der Gemeinde interessiert aufgenommen worden», sagt Goluboff, «da sie die eigene kulturelle Identität, die während der Sowjetzeit nur schlecht konserviert werden konnte, stärkten.»

Sichtbarer Wohlstand aus dem Ausland

Seit dem Ende der Sowjetunion hat sich viel geändert in Krasnaja Sloboda. Bereits in den siebziger Jahren begann eine erste Auswanderungswelle kaukasischer Juden aus dem heutigen Aserbaidschan, Georgien und der russischen Teilrepubliken Dagestan und Kabardino-Balkarien, in der Mehrheit nach Israel. In den frühen neunziger Jahren, als die Reisefreiheit vollends gewährleistet war, hat sich dieser Trend noch verstärkt.
Davon profitiert Krasnaja Sloboda sichtbar: Durch die engen Strassen des Viertels quetschen sich schwere Autos, BMW, Hummer und Cabrios. Viele Häuser sind pompös in neorömischem Stil renoviert, mit Rundbögen, Säulen und grossen Innenhöfen, in grellem Rot oder Gelb gestrichen. Aus den USA kam das Geld für ein neues Gemeindezentrum, in dem Kinder die Thora lesen lernen. Und die grosse Synagoge, die nahe beim Fluss das Viertel überragt und von sechs Kuppeln gekrönt wird, wurde vor zehn Jahren mittels privater Spenden von Bergjuden aus Israel renoviert.

Weder orthodox noch liberal

Nicht Schritt gehalten mit der materiellen Verbesserung hat der soziale Fortschritt: Sowohl in der Synagoge wie auch im Gemeindezentrum sieht man nur Männer und Knaben. Auch auf der Strasse trifft man keine Frauen an. «Für Frauen war das Beten bei uns nie nötig», sagt Boris Simanduev, «das hat sich nicht geändert.» Überhaupt sei das Interesse, über die eigene Religion nachzudenken, eher gering. Liberal? Orthodox? Da schüttelt er nur den Kopf und antwortet: «Wir sind religiös.» Während er im Vorraum der Synagoge sitzt und die Fotos offizieller Besuche zeigt und vom Staatspräsidenten Ilham Aliyev erzählt, der hier gesagt haben soll, Juden seien «meine Freunde, die Bergjuden aber meine Brüder», von Delegationen aus Israel, den USA und Frankreich, wird der Klang seiner Sätze immer gleichförmiger und mechanischer, als habe er sie schon Dutzende Male aufgesagt. Seit 17 Jahren steht er der Gemeinde vor, 17 Jahre, in denen nicht nur sein Land Aserbaidschan dank Öl und Gas wohlhabend geworden ist, sondern auch seine Gemeinde. Denn ein Bergjude, sagt Simanduev, kehre jedes Jahr wieder in seine Heimat zurück, auch wenn er seine Geschäfte mittlerweile im Ausland erledige. Und wenn er heimkehrt, bringt er Geld mit. Geld, das nach siebzig Jahren verordneten Kollektivismus vor allem in den Familien bleibt. Während die Häuser grösser und farbiger werden, bleiben die Strassen löchrig, der Fluss verschmutzt, und die Stromleitungen hängen fahrig in der Luft.

Jenseits des Flusses

Drüben, auf der anderen Seite des Flusses, im muslimischen Teil Qubas, sind die grösser gewordenen Häuser und Autos der jüdischen Familien nicht unbemerkt geblieben. Neidische Sprüche sollen schon gefallen sein, erzählt man. Davon will Gazimov Azidadeh, der langjährige Muezzin, jedoch nichts wissen. Er erinnert an den blutigen Krieg mit Armenien um die Region Berg-Karabach in den frühen neunziger Jahren, in dessen Verlauf immer mehr Flüchtlinge ins Umland der Hauptstadt Baku strömten und die schwache medizinische Infrastruktur des jungen Staates schnell zusammenbrach. Azidadeh war Mitglied der aserbaidschanischen Volksfront, einer Gruppierung, die sich stark für die Unabhängigkeit einsetzte. Gerne erinnert er sich an den Tag, als im lokalen Krankenhaus zur Blutspende für die Verletzten aufgerufen wurde, «und unsere jüdischen Mitbürger zuvorderst bei den Spendern standen».
Vor allem die ältere Generation, fügt er an, könne diese Journalistenfragen nach möglichen Störungen in der Harmonie zwischen Juden und Muslimen in Quba langsam nicht mehr hören, schliesslich habe man die Schrecken des sowjetischen Atheismus zusammen erlebt. So was verbinde. Und dann beginnt er zu strahlen, als ihm ein besonders passender Beleg für die «jahrhundertelange Freundschaft» einfällt: Während des islamischen Trauermonats Muharram verzichten die Juden auf Hochzeiten.
So leben die Juden konfliktfrei im muslimischen Aserbaidschan; oder doch eher die Muslime mit ihnen. Vielleicht ist es neben der jahrhundertelangen Koexistenz auch der noch nicht vergessene, weil verlorene Krieg mit Armenien um Karabach, der die beiden Religionsgruppen eint im Gedenken an den gemeinsamen Feind. Und so sagt auch Boris Simanduev, er habe in jedem Krieg mit Israel gelitten und für die Brüder seines Glaubens gebetet, aber wenn man ihn fragt, wie er sich denn selbst bezeichnen würde, als Bergjude oder Mizrachim, sagt er schroff: «als Aserbaidschaner».    ●

Andreas Schneitter ist Journalist und lebt in Basel.