Dialog in der Sackgasse?
Kurz vor dem Papst-Besuch in Israel nimmt die vorliegende Ausgabe die Affäre um den Holocaust-Leugner Bischof Richard Williamson und seine Gesinnungsgenossen zum Anlass, über das christlich-jüdische Verhältnis hinaus grundlegende Fragen etwa zu Staat und Religion zu diskutieren. So erläutert der katholische Theologieprofessor Peter Hünermann die ideologischen Positionen der Pius-Brüder und anderer ultrakonservativer Katholiken. Er kommt zu dem Befund, der Papst scheue vor der in jeder Generation notwendigen Neuauslegung des Glaubens für die jeweiligen Gegebenheiten zurück, da er befürchte, «die Substanz des Glaubens könne verloren gehen». Hünermann hält diese Position für inakzeptabel.
Ein völlig entgegengesetzter Umgang mit soziopolitischen Realitäten ist in den USA zu entdecken. Wie Mark J. Pelavin vom Washingtoner Lobby-Büro des Reformjudentums erklärt, ist es in Amerika staatlichen Institutionen strikt untersagt, Einfluss auf die Angelegenheiten der Religionen zu nehmen. Aber jede Glaubensrichtung in den USA ist mit einer Dependance in Washington vertreten, um ihre Anliegen und Werte in die politische Entscheidungsfindung einzubringen. Pelavin macht deutlich, dass sich dabei speziell kleinere Religionsgemeinschaften wie die jüdische permanent in einem multilateralen Dialog engagieren, um sachdienliche Koalitionen zu schmieden oder Widerstände zu überwinden. Der erfahrene Praktiker Pelavin lässt keine Zweifel daran, dass die päpstliche Geste an die Pius-Brüder nicht nur unter den Mitgliedern seiner Bewegung einen Schock ausgelöst hat, sondern auch unter den amerikanischen Katholiken. Wenn Hünermann am Ende seines Gesprächs erklärt, der Geist Gottes wirke von der Basis her, und dazu aufruft, von unten wieder aufzubauen, was durch den Vatikan eingerissen worden sei, dann reflektiert er auch die Realitäten in den USA: Dort wird der Dialog nicht nur in den Säulenhallen des Kapitols gepflegt, sondern überall im Land.
Deutliche Worte der Kritik an Benedikt XVI. findet auch der Theologe Michael Meier. Er erinnert an die Verwurzelung der Pius-Brüder in der antisemitischen Action française, wirft aber auch ein Schlaglicht auf die akademische Karriere des ehemaligen Kardinals Ratzinger. Dabei hätten «nazifreundliche und antisemitische Mentoren» eine bedeutsame Rolle gespielt. Meiers Beitrag macht deutlich, dass der Satz «… denn sie wissen nicht, was sie tun», zumal für die doktrinären Entscheidungen des Vatikans, nicht gilt.
Papst Benedikt wird sich in Israel all diesen Fragen ebenso stellen müssen, wie er die Wiedereinführung der Juden missionierenden Karfreitagsliturgie – die in den Augen vieler hinter die Beschlüsse des Zweiten Vatikanischen Konzils gehen – vor einem Jahr erklären muss. Und die nächste Zerreissprobe steht mit der geplanten Seligsprechung von Papst Pius XII. bereits bevor. ●