Dialog durch Taten

April 2, 2009
Editorial von Yves Kugelmann

Authentisch. «Trotz allem glaube ich immer noch, daß die Menschen tief in ihrem Herzen gut sind.» Dieser Satz aus Anne Franks Tagebuch ist seit letzter Woche erstmals auch in Arabisch, Farsi und bald auch in Türkisch zu lesen. Was unspektakulär klingen mag, soll bald nachhaltig Wirkung im Umgang mit der Geschichte zeitigen und könnte auch neues Signal gerade an die Kirchenverantwortlichen sein, die – wie die letzten Wochen zeigten – in den eigenen Reihen die Leugnung und Relativierung der Schoah noch längst nicht bewältigt haben.

Leugnung und Instrumentalisierung. Die Schlagzeilen gingen Anfang der Woche um die Welt: Nachdem ein palästinensisches Jugendorchester aus Jenin vor Holocaustüberlebenden in Israel musizierte, wurde das Orchester nach seiner Rückkehr von der palästinensischen Obrigkeit aufgelöst. In den letzten Jahren ist die Holocaust-Leugnung zusehends Bestandteil antiisraelischer Propaganda in arabischen Ländern und oft Identifikationspunkt für das Schicksal der Palästinenser geworden. Vergleiche zwischen Nationalsozialismus und israelischer Armee, Auschwitz und Gaza, NS-Tyrannei und Besatzung haben Hochkonjunktur. Zugleich ist die Schoah innerhalb der jüdischen Organisationen in den letzten Jahren zusehends als politisch instrumentalisiertes Druckmittel missbraucht worden. Anstatt der Erinnerung gegen das Vergessen, dem Kampf gegen die Relativierung und der Wahrung der Integrität von Geschichte und Opfern haben jüdische Funktionäre und israelische Politiker die Schoah in den vergangenen Jahren schamlos für politische Zwecke missbraucht. Sie zelebrieren wiederum eine Verpolitisierung der Schoah, die andernorts dankbar mit anderen Vorzeichen aufgenommen wird.

Wunderlampe gegen Unwahrheit. Endlich setzen sich nun jüdische und muslimische Repräsentanten zusammen gegen Leugnung und Instrumentalisierung ein. Letzte Woche lancierten über 200 Persönlichkeiten – darunter die Holocaustüberlebenden Simone Veil oder Serge Klarseld – aus Politik, Kultur und Gesellschaft das Projekt Aladdin, welches erstmals Holocaust-Literatur übersetzt und auf einem Webportal frei zugänglich macht. Erstmals soll nun fernab von Ideolo¬gien und Propaganda die Holocaust-Wahrheit mittels Büchern mit Unterstützung von muslimischen Offiziellen eingebracht werden. Erstmals sind nun etwa Anne Franks Tagebuch oder die Literatur von Primo Levi in arabischen Ländern erhältlich. Erstmals portieren an vorderster Front führende muslimische Politiker und Geistliche die Erinnerung an die Schoah gegen jegliche Leugnung oder Relativerung nicht nur gegen aussen, sondern wollen diese auch innerhalb ihrer Gesellschaften implementieren. Erstmals haben jüdische und muslimische Persönlichkeiten offen gegenseitige Perspektiven und Verletzungen formuliert. Was in Deutschland zu einem veritablen Skandal geführt hätte, weil jüdische Funktionäre einen solchen unsanktionierten Anlass nie hätten durchgehen lassen, führte letzte Woche in Paris zu einem wichtigen Ereignis der Worte, das konkrete Taten zur Folge haben wird.
 
Entpolitisierung. Symptomatisch war die Absenz israelischer Offizieller oder Ansprachen, denen vielleicht die eindringlichen Worte der Holocaustlebenden Simone Veil programmatischer Leitfaden hätten werden können, als sie dazu aufgerufen hat, auch den eigenen Blick für andere Schicksale zu öffnen.

Authentisch. «Trotz allem glaube ich immer noch, dass die Menschen tief in ihrem Herzen gut sind.» Dieser Glaube wird nun auch die Herzen arabischer Kinder berühren können.