Deutschtum oder Bärenhäuterei

December 7, 2009
Die deutschsprachigen Schriftsteller in Los Angeles, die Exilschriftsteller, identifizierten sich nicht als Juden oder Christen, sondern als Angehörige einer gemeinsamen Kultur. Gleichwohl finden sich in ihrem Werk und ihren Äusserungen ganz unterschiedliche Positionen zum Schicksal der Juden in den dreissiger und vierziger Jahren.
ARNOLD SCHÖNBERG 1944 IN LOS ANGELES Der Kompononist befasste sich bereits 1933 eindringlich mit der Frage des Überlebens der europäischen Juden

Von Ehrhard Bahr

In seiner mehrbändigen Geschichte Kaliforniens mit dem Titel «Americans and the California Dream» hat der amerikanische Historiker Kevin Starr in dem Band über den Zweiten Weltkrieg zwei Kapitel den deutschsprachigen Exilschriftstellern in Los Angeles gewidmet.

Es handelte sich um eine Gruppe von 30 bis 40 namhaften Schriftstellern und Drehbuchautoren, die zu den rund 10 000 Hitlerflüchtlingen gehörten, die in den dreissiger und vierziger Jahren in Südkalifornien Zuflucht fanden. Rund 80 Prozent von ihnen waren jüdisch, 13 Prozent protestantisch und sieben Prozent katholisch. Die jüdischen Flüchtlinge fanden einen Zusammenhalt im Jewish Club of 1933 und bildeten die Leserschaft des aufbau an der Westküste. Kevin Starr hat in diesem Zusammenhang die Frage nach dem Verhältnis von Christen und Juden gestellt, die sich im Exil in Los Angeles zusammengefunden hatten. So habe Lion Feuchtwanger bewegt, wie eine deutsch-jüdische Kultur weiterbestehen könne, während Thomas Mann über dämonische Triebe gegrübelt habe, die in dem faustischen Zentrum der deutschen Seele lauerten. Und Franz Werfel habe gefragt, wie Christen und Juden nach Auschwitz wieder zueinanderfinden könnten.

Berufliche Solidarität

Merkwürdigerweise hat Kevin Starr keine Quellenangaben für diese Fragen vorgelegt, auf jeden Fall nicht für Werfel und Feuchtwanger. Für Thomas Mann war die Frage leicht zu beantworten, da sie im Zentrum nicht nur seines «Doktor Faustus»-Romans, sondern auch seiner Rede über «Deutschland und die Deutschen» von 1945 stand. Er sprach damals davon, dass «Deutschland buchstäblich der Teufel holt». Ein Grund dafür, dass es keine expliziten Antworten von Feuchtwanger und Werfel gibt, ist wahrscheinlich die Tatsache, dass die Exilschriftsteller sich nicht als Juden oder Christen identifizierten. Falls sie in Opposition zueinander standen, waren dafür andere Gründe anzuführen. Alfred Döblin hegte einen nahezu pathologischen Hass auf Thomas Mann, womöglich aus Neid auf dessen Nobelpreis. Bertolt Brecht verachtete Mann wegen seiner politisch konservativen Einstellung und fühlte sich in seinen irreligiösen Gefühlen von Döblins Bekehrung zum Katholizismus verletzt. Und Arnold Schönberg stritt sich mit Thomas Mann um die unerlaubte Verwendung seines geistigen Eigentums, nämlich der Zwölftonmusik, in «Doktor Faustus».

Doch im Übrigen bestand eine berufliche Solidarität unter den deutschsprachigen Exilschriftstellern, die Unterschiede in der religiösen und kulturellen Herkunft überbrückte. Ein Beispiel dafür ist Thomas Manns Leserbrief an die «Neue Zürcher Zeitung» vom 3. Februar 1936, in dem er gegen einen Artikel des Literaturkritikers Eduard Korrodi protestierte, der behauptet hatte, dass nur einige jüdische Romanautoren Deutschland verlassen hätten, während die Mehrheit der deutschen Lyriker und Dramatiker in Deutschland geblieben sei. Mann berichtigte diesen offensichtlichen Fehler und führte die Namen von 15 nicht jüdischen Lyrikern und Dramatikern auf, die ins Exil gegangen waren. Mann zählte die Komponente des Jüdischen zum wesentlichen Bestandteil der deutschen Literatur, ohne sie «wäre Deutschtum nicht Deutschtum, sondern eine weltunbrauchbare Bärenhäuterei». Dieser Leserbrief hatte Thomas Manns Ausbürgerung im Dezember 1936 zur Folge, doch der Schriftsteller hatte zu diesem Zeitpunkt bereits einen tschechischen Pass erhalten.

Eine gemeinsame Front

Juden und Christen unter den Exilschriftstellern brauchten nach 1945 nicht erneut zusammenzufinden. Als Berufsautoren und als Zeugen des Völkermords an den Juden in Europa bildeten sie eine gemeinsame Front. Um 1940 war es offensichtlich geworden, dass der Antisemitismus zum Zentralprogramm der Nazipolitik gehörte und dass die Nazi-Regierung dieses Programm ohne Rücksicht auf die internationale Kritik durchführen würde. Bei der Diskussion der europäischen Krise konnte man sich nicht mehr auf den militärischen Eroberungskrieg beschränken, sondern musste sich auch mit dem Völkermord an den europäischen Juden befassen. Manche der Exilschriftsteller, wie zum Beispiel Lion Feuchtwanger, Heinrich Mann und Franz Werfel, hatten sich nur im letzten Augenblick aus dem besetzten Frankreich retten können. Zahlreiche Nachrichten von Selbstmord oder Auslieferung durch die Vichy-Regierung und Deportation nach Osteuropa drangen durch. Die tragische Geschichte von Walter Benjamins Selbstmord an der französisch-spanischen Grenze erschütterte seine Freunde und Bekannten.

Das Problem, das Kevin Starr aufgeworfen hatte, war eine Neuauflage der Diskussion zur Judenfrage, wie sie zum ersten Mal von Bruno Bauer und Karl Marx 1843/1844 formuliert worden war, diesmal unter den Bedingungen von 1933 bis 1945. Die indivduellen Reaktionen reichten von beredtem Schweigen bis zu öffentlichen Protesten und lassen sich zum Teil aus Biografie und Karriere der einzelnen Schriftsteller erklären. Es seien hier Bertolt Brecht, Alfred Döblin, Franz Werfel, Arnold Schönberg, Max Horkheimer, Theodor W. Adorno, Lion Feuchtwanger und Thomas Mann als Beispiele ausgewählt. Mit Ausnahme von Brecht und Mann stammten alle aus jüdischen Familien, doch einige waren aus der jüdischen Gemeinde ausgetreten, wie zum Beispiel Werfel, oder waren konvertiert, wie Döblin und Schönberg. Mann und Brecht waren mit Frauen aus jüdischen Familien verheiratet.

Ansichten von Brecht

Brechts Beiträge zur Diskussion stammten zum grössten Teil aus der Zeit seines Exils in Dänemark während der dreissiger Jahre. Dazu gehören «Die jüdische Frau» aus dem Zyklus «Furcht und Elend des Dritten Reiches» und die «Ballade von der ‹Judenhure› Marie Sanders», die beide gegen die Nürnberger Rassengesetze gerichtet waren. Während seines kalifornischen Exils hat sich Brecht selten zur Judenfrage geäussert, mit Ausnahme von drei Gedichten zur Erinnerung an Walter Benjamin. Wie man seinem Drama «Die Rundköpfe und die Spitzköpfe», einer Bearbeitung von William Shakespeares «Mass für Mass» von 1934, entnehmen kann, hielt Brecht den Antisemitismus für eine Taktik der Nazi-Regierung, um von ihrer Strategie zur Zerschlagung der Arbeiterklasse abzulenken. Diese Auffassung entsprach der Politik der Komintern von 1933. In diesem Zusammenhang ist es von Bedeutung, dass Brecht den Zionismus für eine Art jüdischen Faschismus hielt, wie man Walter Benjamins «Versuchen über Brecht» entnehmen kann. Doch diese Aussage stammt ebenfalls aus den dreissiger Jahren. In den vierziger Jahren erwähnte Brecht die deutschen Konzentrationslager in dem Aufsatz «The other Germany», einem seiner wenigen Texte auf Englisch, doch als Häftlinge erwähnte er keine Juden, sondern nur Vertreter des «anderen Deutschlands», Widerstandskämpfer, die von Hitler zu «Kriegsgefangenen» in ihrem eigenen Lande
gemacht worden waren. Wie Brecht argumentierte, hielt Hitler ganze
Armeen in den Konzentrationslagern gefangen, und er erwähnte dabei die Zahl von 200 000, indem er hinzufügte: «mehr Deutsche als die Russen in Stalingrad gefangennahmen».

Schönbergs Voraussicht

Auf der anderen Seite dieses  Spektrums von Aussagen befand sich die zionistische Position von Arnold Schönberg. Nach seiner Entlassung von der Preussischen Akademie der Künste in Berlin war er in Paris offiziell zum Judentum zurückgekehrt und befasste sich bereits 1933 eindringlich mit der Frage des Überlebens der europäischen Juden angesichts der drohenden Gefahr der Vernichtung. Er entwarf ein Vier-Punkte-Programm zur Errettung der europäischen Juden, das einzig dasteht in seiner Voraussicht des Holocaust. Das Programm lag 1938 auf Englisch vor und ist jetzt in einer deutschen Rückübersetzung zugänglich. Schönberg sprach davon, dass sieben Millionen emigrieren müssten: «Gibt es Raum in der Welt für nahezu 7 000 000 Menschen? Sind sie zur Verdammnis verurteilt? Werden sie ausgelöscht werden? Ausgehungert? Geschlachtet?» Schönberg hielt den Kampf gegen den Antisemitismus für aussichtslos und forderte dagegen die Gründung einer jüdischen Einheitspartei, die Einstimmigkeit des Judentums und die Errichtung eines unabhängigen jüdischen Staates. Er erklärte, dass es nur einen Weg gäbe, «das Judentum zu retten: ein Land zu erhalten, in das die Juden emigrieren können». Schönbergs Oratorium «A Survivor from Warsaw» von 1947 ist die tragische Antwort darauf, dass damals niemand auf seine Warnung gehört hatte.

Döblins Bekehrung

Alfred Döblins Hauptwerk im Exil war der vierteilige Roman «November 1918», der die Geschichte der zum Scheitern verurteilten Revolution in Berlin thematisiert. Döblin schrieb den letzten Band in Los Angeles. Sein Titel «Karl und Rosa» verweist auf den Mord an Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg während des Spartakus-Aufstands im Januar 1919. Die historische Handlung wird ergänzt um den fiktiven Lebenslauf des Gymnasiallehrers Friedrich Becker, dessen Erlösung von zentraler Bedeutung für den Roman ist und Döblins Bekehrung zum Katholizimus reflektiert. Döblin und seine Frau hatten sich von der jüdischen Gemeinde distanziert, doch auf seiner Polenreise 1925 hatte der Schriftsteller sich wieder mit seiner jüdischen Herkunft identifiziert. Im Exil in Frankreich hatte er sich der Freiland-Bewegung angeschlossen, die sich für die Emigration europäischer Juden nach Übersee einsetzte. Er schrieb eine Reihe von Artikeln für die Freiland-Bewegung und ver-
öffentlichte zwei Schriften mit den Titeln «Jüdische Erneuerung» und «Flucht und Sammlung des Judenvolks». Doch die traumatischen Erfahrungen seiner Flucht aus Frankreich bewirkten seine Bekehrung zum Katholizismus in Los Angeles. Er gab seine religiöse Wendung anlässlich seines 65. Geburtstags 1943 bekannt, doch hielt er seine Bekehrung geheim, weil er seine jüdischen Freunde nicht enttäuschen wollte.         ●

Ehrhard Bahr ist Professor Emeritus für germanische Sprachen an der University of California, Los Angeles. Er hat mit «Weimar on the Pacific. German Exile Culture in Los Angeles and the Crisis of Modernism» jüngst ein grundlegendes Werk über die Künstler und Intellektuellen aus dem deutschen Sprachraum im kalifornischen Exil vorgelegt.