Des Designers Gespür für Zeitgeist
Weil in seiner Kindheit während der sechziger Jahre in Israel in hitzigen Basketballspielen so viele Brillen zu Bruch gingen, soll Ezri Tarazi den Entschluss gefasst haben, später einmal Gestelle zu bauen, die einer leidenschaftlichen Partie standhalten. Jahrzehnte später war es so weit: Ezri Eyes, so der Name seiner Brillenkollektion, verbindet zeitgemässe und zugleich klassische Ästhetik mit Funktionalität und Haltbarkeit: ultraleicht und unzerbrechlich dank eines Materials aus sandwichartig verarbeiteten, mehrschichtigen Holz- und Kohlenstofffasern – für 1000 Dollar in limitierter Auflage erhältlich.
Aus Tarazis Designwerkstatt stammt auch eine Vase, die einer Wassermelone naturgetreu nachgebildet ist, zudem gab er im Auftrag von Kunden wie Airwell, Beko, Magink, Sagitta, Applied Materials, Sonarics und Microsoft bereits Klimaanlagen, Digitalradios, Waschmaschinen, Chanukkaleuchtern und sogar medizinischem Zubehör für Diabetiker und Kollageninjektionsnadeln ein ansprechendes Äusseres. Doch in den letzten ein, zwei Jahren machte Ezri Tarazi, einer der führenden Industriedesigner und Design-Theoretiker und Leiter des Master-Programms in Industriedesign an der Bezalel-Akademie für Kunst und Design in Jerusalem, insbesondere mit seinen spektakulären Möbelentwürfen Furore. Sein Projekt Per Capita umfasst ein Konvolut von Möbel-Prototypen, die, so der Designer, «Komplexität, Materie, Ablösung und Neorealismus» in sich vereinen.
Möbel mit einer Message
Ezri Tarazi, 1962 in Jerusalem geboren, gründete sein Studio 1996 in Shoham, nachdem er eine Reihe von Designprojekten in der Firma Bezalel R&D Company realisiert hatte. Von 1998 bis 2001 war er Partner bei IDEO Israel, Ableger des legendären Designbüros in Palo Alto. Zwischen 1996 und 2004 leitete Tarazi zudem den Studiengang Industriedesign und Industriemanagement an der Bezalel-Akademie, einer der international führenden Design-schmieden. 2004 gründete Tarazi das Israel Design Center, bereits zwei Jahre zuvor war er von der israelischen Regierung für seine Verdienste als Designer und Designtheoretiker ausgezeichnet worden sowie für sein unermüdliches Vermitteln zwischen den Kreativen und der Wirtschaft. In diesem Jahr wurden Ezri Tarazis Werke im Rahmen von Einzelausstellungen in Basel und in Berlin gezeigt, 2007 in Istanbul sowie ein weiteres Mal in Israel, wo er seit Langem grosse Anerkennung geniesst. In der Designhochburg Mailand wie auch in Kopenhagen waren Arbeiten Tarazis ebenfalls bereits mehrfach zu sehen und wurden auch in Frankfurt, Saint-Étienne, Prag, New York und Rio de Janeiro mit grossem Erfolg präsentiert. Vor wenigen Wochen erst, im September, wurden Tarazi-Arbeiten in Wien gezeigt, und vom 6. bis zum 31. Oktober war er im Rahmen der Israel Design Show bei der ASA 25 in Marseille vertreten.
Mittlerweile besonders bekannt ist Ezri Tarazi, der 2000 vom «New York Times Magazine» für sein besonderes Zeitgeist-Gespür als «Designer des Jahres» ausgezeichnet wurde, durch seine ungewöhnlichen Entwürfe für Stühle und zwei besondere Tische. Sein schlichter, grauer «Exta»-Stuhl ist der erste Stuhl in der Designgeschichte, der aus einem Stück Aluminium gepresst wurde. Für einen anderen Entwurf umwickelte Tarazi hochkant gestellte Zylinder aus aufgerollten Zeitungen und verband sie zu einem Sessel. Und 2007 sorgte in Istanbul sein «Search Table», mit dem er die Internet-Revolution visualisierte, für Aufsehen: Der Aluminiumtisch, dessen Name auf die Suchmaschine Google anspielt, ist bedruckt mit den ersten 100 Trefferbildern, die nach Eingabe des Suchwortes «Tisch» auf dem Bildschirm erschienen. Die eng zusammengeschobenen Bilder überlappen sich willkürlich, der Natur des Internets als dem kollektiven Gedächtnis der Menschheit, seiner Unüberschaubarkeit und der Macht der Suchmaschine als einem nicht hierarchischen Instrument mit eigenen, völlig neuen Selektionsmechanismen entsprechend.
Schiere Vielfalt konzentriert sich auf engem Raum, wie auch Ezra Tarazis Möbel symbolisch einen Querschnitt möglicher Auslegungen des Objekts, des Suchwortes Tisch, in sich vereint. Sein Entwurf ist quasi die Essenz der Vielfalt, der ultimative Tisch der Tische. Wiederholt griff der Designer in seiner Arbeit Phänomene des Zeitgeschehens auf. Sitzfläche und Rückenteil seines Armlehnstuhls «DeFocus» fertigte Ezri Tarazi aus Teilen von Bannern, die auf Strassen nach Jerusalem zu sehen waren und die durch ihre Schreibweise auf den zweiten «Fokus» der Stadt Jerusalem – Yerushalayim – aufmerksam machen sollen. Der Bezug des 2007 kreierten Sofas «Crowded» besteht aus aneinandergenähten Stoffstücken von internationalen Landesfahnen, die zusammen ein so buntes wie chaotisches Ganzes ergeben.
Geste der Hoffnung
Immer wieder integriert Tarazi politische und soziale Themen sowie die konkrete physische Umwelt in seine Konzepte. Bereits 2003 kreierte der Designer für die führende italienische Manufaktur Edra den Tisch «New Baghdad Table». Dessen Oberfläche besteht aus Tausenden von industriell gefertigten Aluminiumprofilen, die, zu einer strukturierten Fläche zusammengeschweisst, ein Abbild der Landkarte der irakischen Hauptstadt ergeben. Die sehr unterschiedlich geformten Aluteile können als mystische Ideogramme aufgefasst werden: Die Einzelteile haben individuelle, sehr divergierende Formen – Identitäten –, zusammen ergeben sie ein vielgestaltiges, aber letztlich harmonisches Ganzes, den Tisch. Das Objekt zeigt, so der Designer, dass «es mehr als eine Wahrheit gibt und dass Wahrheiten koexistieren können». Tarazis Tisch als Tafel soll die Dimensionen der Gastfreundschaft im biblischen Sinne symbolisieren, die gebietet, den Fremden, Ausgestossenen an unseren Tisch zu bitten und unser Mahl mit ihm zu teilen. «Das Projekt ist eine Geste der Hoffnung; der Hoffnung, dass aus dem Chaos etwas Aussergewöhnliches entstehen möge.» Dass es Harmonie in der Disharmonie gibt. Doch zwischen den vielen Patchwork-Teilen dieses Landkarten-Tisches klaffen Lücken – und werfen Schatten auf den Boden. Spätestens mit seinem spektakulären Bagdad-Tisch aber beschritt der Israeli einen neuen Weg im internationalen Industriedesign und damit auch in seiner eigenen Karriere. Seine vielfältigen Ideen gibt Ezri Tarazi seit Langem in Publikationen und als Professor an seine Studenten weiter. Ob Ezri Tarazi bei seinem vielfältigen Engagement noch Zeit zum Basketballspielen hat, ist indes nicht bekannt.