Der weltweite Siegeszug eines Pulvers

Eric Breitinger, September 3, 2010
Heute werden weltweit jährlich 110 000 Tonnen künstliches Vitamin C hergestellt. Der Historiker Beat Bächi beschreibt in seiner Studie, wie die Erfindung Tadeus Reichsteins zum Blockbuster, die kriselnde Firma F. Hoffmann-La Roche AG am Rheinknie zum Grosskonzern und der Chemiker wohlhabend wurde.
TADEUS REICHSTEIN Medizinnobelpreisträger und Entdecker der künstlichen Herstellung von Vitamin C.

 

Als der Zürcher Chemiker Tadeus Reichstein 1933 sein Patent zur künstlichen Herstellung von Vitamin C anbot, war die Basler Arzneimittelfirma F. Hoffmann-La Roche AG skeptisch: «Erwachsenen dürfte genügend
Vitamin C mit frischem Gemüse und Obst zukommen», sagte der Forschungschef des Unternehmens. Medizinischen Nutzen bringe der synthetische Stoff
keinen. Angesichts eines aktuellen Umsatzeinbruchs kaufte die Firma das Patent trotzdem.
Tadeus Reichstein kam mit acht Jahren in die Schweiz. Seine Familie war 1905 vor den antijüdischen Pogromen aus Polen geflohen. Sein Vater kaufte wenig später ein Haus am Zürichberg. Reichstein studierte an der ETH Chemie und promovierte 1922. Danach entwickelte er für eine Nahrungsmittelfirma unter anderem einen Kunstkaffee, den die Migros ab 1931 als «Kaffee Zaun» vermarktete. Da war Reichstein schon an die ETH zurückgekehrt, wo er sich habilitierte.1938 kehrte er als Leiter des Pharmazeutischen Instituts an die Universität Basel zurück. Sein Weggang von der ETH stand laut Bächi jedoch «nicht direkt mit antisemitischen Tendenzen in Zusammenhang».

Ertragreiches Patent

Anfang der vierziger Jahre erwog Reichstein die Emigration in die USA, doch er blieb und unterstützte jüdische Flüchtlinge. Zugleich profitierte er von der kriegsgedingten Nachfrage nach künstlichem Vitamin C. Einer der Hauptabnehmer war die deutsche Wehrmacht, die sich von der Vitaminabgabe an ihre Soldaten eine Stärkung des «Volkskörpers» versprach. Die Einkünfte aus dem Vitamin-C-Patent liess sich Reichstein sicherheitshalber auf eine Bank in New York transferieren. Allein 1942 waren es 452 577 Franken. 1950 bekam der Chemiker den Medizinnobelpreis für Entdeckungen an den Hormonen der Nebennierenrinde, ihrer Struktur und ihrer biologischen Wirkungen.
Bächis Studie ist nicht die erste zur Geschichte des Vitamins C. Bisher dominierten allerdings wissenschafts- und kulturhistorische Ansätze. Bächi beleuchtet erstmals die Perspektive der Produzenten. Er zeigt auf, wie Reichsteins Verfahren die Voraussetzungen dafür schuf, künstliches Vitamin C in grossen Mengen herzustellen.

Ohne bewiesenen Nutzen

Die uneingeschränkte Verfügbarkeit wiederum veranlasste die F. Hoffmann-La Roche AG, neue Absatzmärkte zu schaffen. Die Werbeabteilung wusste gemäss der firmeninternen Sprachregelung, wie man «Hokuspokus» machen musste, um Arzneimitteln «eine neue Krankheit anzudichten». Im Fall von Vitamin C behauptete die Firma ohne jeden Beleg, dass die Einnahme die Leistungsfähigkeit steigere. Das war ein genialer PR-Trick, denn nun kamen Gesunde wie Kranke als Käufer in Frage. 2002 verkaufte Weltmarktführer Roche die Vitaminsparte an die holländische Pharmafirma Koninklijke DSM. Heute produzieren DSM und andere Hersteller weltweit jährlich 110 000 Tonnen Vitamin C. Es dient hauptsächlich als Nahrungsmittelzusatz. Bis jetzt konnte keine Studie einen medizinischen Nutzen des Pulvers nachweisen.
Bächi hatte als erster Forscher Zugang zu Reichsteins Nachlass. Zudem konnte er Quellen aus dem Firmenarchiv auswerten. Über das Resultat seiner Forschungen hatte Roche, wie Bächi der «Basler Zeitung» sagte, «dann wohl nicht alle Freude». Kein Wunder, letztlich zeigt seine detailreiche, gut lesbare Studie, wie Pharmakonzerne Anwendungen für medizinisch nutzlose Produkte (er-)finden. Aber sie macht auch deutlich, wie stark ein Zürcher Chemiker mit polnisch-jüdischen Wurzeln die Geschicke von Roche beeinflusste.

Beat Bächi: Vitamin C für alle! Pharmazeutische Produktion, Vermarktung und Gesundheitspolitik (1933–1953). Chronos Verlag, Zürich 2009.