«Der weibliche Sokrates»

Interview Yves Kugelmann, July 8, 2010
Vor zehn Jahren starb Jeanne Hersch. Nächste Woche erinnert eine Feier anlässlich ihres 100. Geburtstags an die Genfer Philosophin. Die Basler Philosophin und Mitglied der Jeanne-Hersch-Gesellschaft Annemarie Pieper im Gespräch über Jeanne Herschs Leben, Bedeutung und Werk.
JEANNE HERSCH Eine der bedeutendsten Denkerinnen des 20. Jahrhunderts

TACHLES: Jeanne Hersch war die bedeutendste Schweizer Philosophin. Doch bereits zehn Jahre nach ihrem Tod ist sie in Vergessenheit geraten. Weshalb?

ANNEMARIE PIEPER: Ihre Themen und Texte sind nach wie vor aktuell. Aber sie ging eben unters Volk, hielt Vorträge und war beim Aufkommen von politischen, erziehungswissenschaftlichen und anderen Problemen präsent. Wenn diese persönliche Präsenz, aber auch ein Werk fehlt, gerät man relativ schnell in Vergessenheit. Ausserdem waren ihre sämtlichen Schriften binnen kurzer Zeit vergriffen und wurden nicht mehr aufgelegt. Es kommen verschiedene Faktoren zusammen.

Was ist Elementares von Jeanne Hersch geblieben – auch für die Zukunft?

Das auch heute noch Wichtige ist für mich, dass sie, wenn sie ihre Ideologiekritik formulierte, immer darauf hinwies, dass wir uns durch grosse Ideen, durch Vorstellungen von einem Paradies sehr leicht in die Irre führen lassen. Das kann sehr schnell ins Totalitäre umschlagen und man vergisst, dass man eigentlich im Hier und Jetzt Dinge, zugeschnitten auf Raum- und Zeitbedingungen, umsetzen muss.

Hätte der von ihr formulierte demokratische Sozialismus heute noch Gültigkeit?

Ja, unter dem Stichwort «soziale Gerechtigkeit». Demokratie ist ja immer noch die Grundlage von Menschen, die ihre Probleme einvernehmlich und auf Konsensbasis lösen wollen. Jeanne Herschs Anliegen der sozialen Gerechtigkeit ist in unserer Zeit des Ökonomismus genauso aktuell wie damals.

War aus Sicht von Jeanne Hersch das Ethos in jedem Menschen vorhanden, und worin sah sie es, von der Religion losgelöst, begründet?

Wenn man zeigen kann, dass quer durch alle Zeiten und Völker ein bestimmtes Grundverständnis von Menschsein da ist, man nicht einfach willkürlich jemanden umbringen oder ihm Schmerz zufügen kann, dann hat man schon etwas wie eine Zwischenmenschlichkeit, die man auch völlig ohne Gottesbegriff formulieren kann, eine Art von Humanität, die wir uns gegenseitig schulden. Dieses heute allgemeine Gedankengut kommt vom Humanismus und der von der Existenzphilosophie her, der Jeanne Hersch zuzurechnen ist.

Jeanne Hersch hat sich nie gescheut, sich in Debatten einzumischen. Was würde sie heute wohl zur Minarett-Debatte sagen?

Sie hat ja gesagt: «Demokratie ja, aber das heisst nicht, dass das Volk immer Recht hat.» Ich bin ganz sicher, dass sie das Minarett-Verbot abgelehnt hätte – ja, es hätte sie auf die Palme gebracht, obwohl sie keine in einem institutionellen Sinn Gläubige war.

Glaubte sie an Gott?

Nein, wie Jaspers hat sie den Gottesbegriff der Hochkirchen abgelehnt. Jeanne Hersch war als Jüdin nicht in einem religiösen Sinn erzogen worden; sie war völlig frei.

Als Frau hatte Jeanne Hersch es, obwohl erfolgreich, zu ihrer Zeit schwer. Empfand sie diesen ständigen Kampf als Gesellschaftsphilosophin als belastend?

Als sie schon über 70 war, war sie manchmal sehr müde. Ich habe es unglaublich bewundert, dass sie da immer noch zu brennenden Problemen Stellung genommen und sich voll und ganz engagiert hat.

Sie ist dabei aber alleine geblieben; die Universität hielt sich zurück, und es folgte keine grosse philosophische Debatte.

Das ist auch heute noch so. Akademische Philosophen werden sehr schnell der «Populärwissenschaft» bezichtigt. Aber das ist der einzige Vorteil, den man dabei als Frau hat: Man ist sowieso Exot unter lauter Männern, die dann sagen: «Ist ja okay, ist ja eine Frau.» Toleriert wird heute allerdings, dass akademische Philosophen Einsitz in Ethikkommissionen nehmen, Politikberatung machen. Aber die eigentliche Philosophie hat ihren Sitz immer noch an den Universitäten, obwohl man seit Jostein Gaarders «Sofies Welt» gesehen hat, wie sich die Leute darauf stürzen.

Diesbezüglich war Jeanne Hersch aber wohl französisch geprägt, denn in Frankreich findet die philosophische Debatte ja noch öffentlich statt.

Ja, und die philosophischen Cafés gab es dort zuerst. Heute machen wir solche Veranstaltungen häufig auch im deutschen Sprachraum, und es kommen Hunderte Menschen, die sich mit solchen Problemen beschäftigen möchten. Das sind immer sehr spannende Diskussionen, bei denen man selbst auch viel lernt. Aber die Kollegen sind sich zumeist noch immer zu schade dafür, und das hat auch Jeanne Hersch erfahren müssen.

Welcher Art war die Verbindung zwischen Jeanne Hersch und Karl Jaspers?

Zwischen ihnen bestand eine Art Kongenialität. Obwohl sie noch kaum Deutsch konnte, spürte sie, als sie ihn in Deutschland hörte, dass er etwas für sie Wichtiges sagte.

Die Begrifflichkeit, die sie in ihren Werken verwendete, war sehr von Jaspers geprägt.

Ja, das war das Instrumentarium, mit dem sie ihre Gedanken formuliert hat. Aber Jaspers war ein ganz anderer Typus, der Professorentypus, obwohl er immerhin auch viele Radiovorträge hielt.

Aber beide haben Stellung genommen, sich auch politisch eingemischt.

Ja, genau, und das hat Hannah Arendt ja auch gemacht, und sie kam auch von Jaspers her, wenn auch auf andere Weise. Angeeckt ist sie aber auch. Jeanne Hersch war über 20 Jahre als Lehrerin an Gymnasien tätig und hat gesehen, wie wichtig die Einflussnahme auf die kommende Generation ist, damit diese selber urteilsfähig wird. Da liegt ein erheblicher Unterschied in der Art, sich mit Menschen anzulegen, begründet.

Hannah Arendt und Jeanne Hersch waren inhaltlich nicht weit voneinander entfernt, menschlich aber total. Worin liegt dieser Unterschied?

Ich glaube, Jeanne Hersch fand es ganz einfach nicht interessant, dicke Bücher über das System der Philosophie zu schreiben. Die Essay-Form lag ihr viel mehr. Ich glaube, die zwei Frauen waren doch sehr verschieden.

Trotzdem war für Jeanne Hersch Hannah Arendt doch immer wieder sehr
präsent. Umgekehrt auch?

Schwer zu sagen. In Briefwechseln hat Hannah Arendt Jeanne Hersch nur sehr selten und in banalen Zusammenhängen erwähnt, obwohl man denken müsste, dass sie sich doch auch philosophisch hätten austauschen können. Ich kann mir vorstellen, dass Hannah Arendt Jeanne Herschs Tätigkeit als etwas provinziell betrachtete und dies eventuell auch durchblicken liess. Aber damit wurde sie Jeanne Hersch nicht gerecht, denn sie hat Unglaubliches geleistet und war, gerade in ihrer Tätigkeit für die Menschenrechte im Rahmen der UNESCO, bei der sie sich so oft geärgert hat und frustriert war, auch sehr viel selbstloser als die grosse Philosophin von Weltruf.

Hat sich Hersch je zu Hannah Arendts Beziehung zu Martin Heidegger, die
sicher auch für die von ihr geschriebenen philosophischen Schriften relevant gewesen sein muss, geäussert?

Diese Liebesbeziehung ist ja erst sehr spät publik geworden; ich weiss nicht, wie gut Jeanne Hersch darüber informiert war.

Letztlich hat sich Jeanne Hersch indessen von Heidegger abgewendet ...

Ja, das hing natürlich damit zusammen, dass sie den Nationalsozialismus hautnah miterlebt hat. Sie war genau zur kritischen Zeit in Heidelberg und hat sich das Horst-Wessel-Lied anhören müssen. Sie war irgendwie wohl ein bisschen naiv, als Jüdin 1938 mit gut 19 Jahren nach Deutschland zu fahren, hat nicht gesehen, wie katastrophal dies hätte ausgehen können. Heidegger hat sie allerdings von seiner Philosophie her und auch als Person nicht beeindruckt. In ihren späteren Schriften hat sie jedoch ausdrücklich festgehalten, dass er kein Nazi war; dafür hätte er Antisemit sein müssen, was er nicht war.

Im Gegensatz zu Jeanne Hersch und Karl Jaspers war er vielleicht ein unpolitischer Mensch.

Ja, das glaube ich auch. Er wollte einfach für die Weiterpraktizierung seiner Metaphysik Sukkurs durch die Politik bekommen und zeigte sich deshalb geneigt.

Jeanne Hersch und Karl Jaspers waren auch durch ihr Interesse an Erziehungsfragen und Pädagogik verbunden.

Ja, und ich bin gar nicht sicher, ob hier Jaspers nicht durch Jeanne Hersch inspiriert worden ist, denn sie war immerhin Lehrerin, hat dies an Schulen praktiziert. Sie ist erst sehr spät Professorin geworden.

Haben sich die beiden regelmässig ausgetauscht, etwa in Form von Briefen?

Nein, sie waren nur lose verbunden. Hannah Arendt stand Jaspers viel näher, das sieht man auch am umfangreichen Briefwechsel der beiden. Sie hat ihn auch oft beansprucht, ihm ihre Bücher vor Veröffentlichung zur Stellungnahme gegeben und so weiter. Das alles gab es bei Jeanne Hersch nicht. Sie hat sich völlig auf ihren eigenen Lebensweg konzentriert.

Trotzdem hat sich Jeanne Hersch sehr für die Entstehung der Karl-Jaspers-Stiftung eingesetzt.

Ja, und das war ein mühsames Unternehmen; sie musste immer die Gelder beschaffen. In ihrer verbindlichen, aber unbeirrbaren Art hat sie auch die ganzen Anträge an den Nationalfonds und diverse Stiftungen – Hans Saner musste ja irgendwie bezahlt werden – gestellt. Sie hat aber auch unheimlich viel Zeit in die Übersetzung seiner Werke ins Französische investiert. In Bezug zu Jaspers war sie eigentlich die Treuere, obwohl sie viel weniger Kontakt zu ihm hatte.

Gibt es in Jeanne Herschs Werk einen Bezug zu ihrer jüdischen Herkunft, oder mündete diese einfach in eine Art Ethik, die sie formulierte?

Ja, ich glaube schon, dass die Idee der sozialen Gerechtigkeit dieser Quelle entsprang. Einmal hat sie sich darüber ausgelassen, dass die Exil-Idee etwas Jüdisches sei. Sie beschäftigte sich damit aber immer aus einer etwas distanzierten Perspektive, weil sie anderseits sah, dass sie eigentlich dazugehörte, aber trotzdem nicht im typischen Sinn Jüdin war. Bestattet wurde sie allerdings nach jüdischem Ritus, und das muss sie ja selbst zuvor festgelegt haben. Da kam wohl ihre typische Treue zur Familie zum Tragen, der entsprechend sich bestimmte Dinge gehören.

Hatten in ihrem Werk die zahlreichen Quellentexte – wie etwa bei Sigmund Freud – keinen Einfluss, beispielsweise biblische Mythen?

Sie war ja schon gar nicht so erzogen worden, aber von einer Art Metaebene her konnte sie religiöse Aspekte sehr gut beschreiben, auch die jüdischen. Existenziell hatte das für sie aber keine Bedeutung.

Sie hat sich ja auch nie explizit zum Holocaust oder zur Gründung des Staates Israel geäussert, oder?

Nein, auch wenn ich nicht alle Schriften von ihr kenne. Sie war einfach durch und durch Philosophin, und es war das Irdische, das sie stark gemacht hat. Wenn es einen Sinn gibt, dann nur durch uns Menschen, durch die Art und Weise, wie wir uns zueinander verhalten, uns respektieren. Der Mensch war der Mittelpunkt ihres Denkens, und er sollte nicht Engel und nicht Tier sein.

Sie haben sich mit Monika Weber stark für die kommenden Veranstaltungen zur Erinnerung an Jeanne Hersch engagiert. Was erhoffen Sie sich davon?

Die Volkshochschulen haben sofort und sehr positiv reagiert, und es werden unglaublich viele Leute kommen. Aber die meisten gehören einer älteren Generation an, die Jeanne Hersch noch gekannt hat. Dass sie bei den Jüngeren nicht mehr bekannt ist, liegt wohl eben daran, dass sie am prägnantesten durch ihre persönliche Präsenz gewirkt hat. Ich hoffe, sie weiteren, auch jüngeren Kreisen wieder in Erinnerung zu rufen. Sie war ja doch eine der bedeutendsten Schweizerinnen und Denkerinnen des 20. Jahrhunderts, und sie hat das verdient.