«Der Weg zurück ist mir unmöglich»
Von Wilfried Weinke
Als die 1895 in Hamburg geborene Grete Berges 61-jährig in Stockholm starb, erschien im aufbau ein kurzer Nachruf. Die Emigrantenzeitung in New York war wohl das einzige deutschsprachige Presseorgan, das überhaupt Notiz von ihrem Tod nahm. Die Redaktion würdigte Grete Berges als «Mitarbeiterin», der die Zeitung so manche Mitteilung politischer und kultureller Art aus Schweden verdankte. Als Erklärung für ihre «lebhafte journalistische Tätigkeit» verwies der aufbau auf Grete Berges «Dankbarkeit für ihr neues Heimatland».
Nach ihrer Schulzeit an der bekannten Mädchenschule des Dichters Jakob Loewenberg arbeitete Grete Berges in Hamburger Import- und Exportfirmen. Doch ihre Tätigkeiten als Deutsch- und Fremdsprachenkorrespondentin befriedigten sie nicht, sie wollte schreiben. Auf erste, unveröffentlichte literarische Versuche folgten journalistische Beiträge in der «Hamburger Theater-Zeitung», dem «Hamburger Fremdenblatt». Eine niederdeutsche Posse aus ihrer Feder wurde auf einer Hamburger Bühne uraufgeführt, mehrfach trat sie als Rednerin auf literarischen Vortragsveranstaltungen auf.
1932 erschien in der «Union Deutsche Verlagsgesellschaft» ihr Jugendbuch «Liselott diktiert den Frieden», das noch im selben Jahr mehrere Auflagen erfuhr. Das Buch, «eine Geschichte mit heiteren Zwischenfällen», wie der Untertitel lautet, spielt in einem bürgerlichen Stadtviertel Hamburgs. Hauptfigur ist die Hosen tragende Liselott, die die Mädchen der Nachbarschaft zu einem Bund zusammenschliesst. Ein Bund, der sich gegen die von den Jungen ausgehende Bevormundung und Unfairness behauptet. Das Buch erfuhr vielfältige positive Resonanz. In der Ankündigung für eine Rundfunklesung hiess es: «Grete Berges zeichnet in ihrer ‹Liselott› ein Mädchen aus unseren Tagen, das allen Lebensfragen tüchtiger und elementarer gegenübersteht, als es die ältere Generation in jungen Jahre getan hat. Die Jugendliteratur bedurfte seit langem der Auffrischung ins Zeitgemässe.»
Aus der Heimat verstossen
Offenbar plante Grete Berges, eine Fortsetzung des Buches zu schreiben. Doch die Machtübertragung an die Nationalsozialisten unterbrach 1933 die gerade begonnene Karriere der Jugendbuchautorin. Aufgrund ihrer jüdischen Herkunft wurde sie als Mitarbeiterin der Nordischen Rundfunk Aktiengesellschaft in Hamburg entlassen. «Es war zu jener Zeit, als ich, wie viele andere meiner Glaubensbrüder und Unglückskameraden - ich bin nämlich deutsche Jüdin - plötzlich erleben musste, dass ich in meinem eigenen Heimatland eine Fremde und Ausgestossene war ... Dass ich aus der Gemeinschaft ausgeschlossen wurde, in der ich so viele Jahre gelebt und gearbeitet hatte - und womit ich mich mit Tausend Bändern verknüpft fühlte - dieser Schlag traf mich tödlich mitten ins Herz.»
Im Herbst 1936 verliess sie Hamburg und fand zuerst Zuflucht in Kopenhagen. Ohne Arbeitserlaubnis und von finanzieller Unterstützung abhängig, bemühte sie sich um die Emigration in die USA. Nach persönlichen Treffen gelangte sie im Sommer 1937 durch die Fürsprache der Schriftstellerin und Nobelpreisträgerin Selma Lagerlöf nach Schweden. Ihren Lebensmittelpunkt fand sie in Stockholm, von wo aus sie zuerst als Übersetzerin skandinavischer Literatur, später als Literaturagentin tätig war. 1942 übersetzte sie die kriegsgeschichtliche Studie «Krieg und Kultur» des schwedischen Autors Torsten Holm, 1944 die Biografien-Sammlung «Die grossen Kanonen» des Journalisten Carl-Adam Nycop. Beide Bücher erschienen im renommierten Europa-Verlag in Zürich. Im Zürcher Speer-Verlag erschien 1948 das von Gerte Berges übersetzte Kinderbuch «Ivik, der Vaterlose» von Pipaluk Freuchen. Für die Berner Zeitung «Freies Volk» schrieb sie regelmässig Beiträge über das schwedische Kulturleben. Weitere Bücher skandinavischer Autoren wie Hugo Marklund, Are Waerland oder Sture Appelberg wurden von Grete Berges übersetzt und erschienen auf dem schweizerischen Buchmarkt.
Leben im Exil
Im schwedischen Exil verband Grete Berges eine enge Freundschaft mit dem ebenfalls aus Hamburg stammenden Literaturwissenschaftler Walter A. Brendsohn (1884-1984), der als Sozialdemokrat und Jude im Sommer 1933 von der Hamburger Universität entlassen worden und dann auch zuerst nach Dänemark und 1943 nach Schweden geflohen war. Bezogen auf ein politisches Engagement antwortete sie ihm in einem ihrer Briefe: «Ich will warten, wie das deutsche Volk sich zu uns verhält, ob wir wirklich überhaupt etwas zu sagen haben. Ich habe 33 den Umschwung mitten zwischen den Intellektuellen, im Brennpunkt, im Rundfunk, mit einer solchen Schärfe erlebt, lieber Herr Professor, ich kann nicht einfach da anfangen, wo ich aufgehört habe. Wie Nelly Sachs, die feine Lyrikerin, so schön sagt, es liegen doch Gräber dazwischen!»
Nach 17 Exiljahren kehrte sie im Juli 1953 nochmals in ihre einstige Heimatstadt zurück. In ihrem Artikel «Wiedersehen mit Hamburg», veröffentlicht im «Hamburger Abendblatt», schrieb sie über die Welt, die sie «für immer verloren gegeben hatte, die für mich unwirklich geworden war»: «Ob ich wieder in der Vaterstadt leben möchte? Der Weg zurück ist mir unmöglich. Trotz allem, was mich anspricht. Die Geister der Vergangenheit lassen sich nicht völlig bannen.»
Grete Berges war eine der wichtigsten professionellen Kulturvermittlerinnen in Skandinavien. Und doch blieben ihre letzten Lebensjahre von materieller Not und Sorge um ihre ebenfalls nach Schweden emigrierte Tochter geprägt. Die Vertreibung aus ihrem Heimatland aber blieb bis zu ihrem Tod die schmerzlichste Erfahrung ihres Lebens. Am 9. Januar 1957 starb Grete Berges in Stockholm an einem Krebsleiden.