Der Weg zum Sexualaufklärer

Von Katja Behling, December 3, 2009
Der 82-jährige Martin Goldstein war als «Dr. Sommer» im Jugendmagazin «Bravo» Deutschlands bekanntester Sexualberater. Aufgrund seiner Geschichte, die als Sohn eines Juden von Verfolgung geprägt war, erwuchs sein Kampf für die Befreiung von Dogmen und für selbstbestimmte Sexualität. Dazu gehört auch der verantwortungsvolle Umgang mit Aids, an den am diesjährigen Welt-Aids-Tag am 1. Dezember appelliert wurde.
Martin Goldstein «Ich wollte als ‹Dr. Sommer› nicht meinen richtigen Namen verwenden, weil ich vermeiden wollte, dass die Pubertierenden mir die Türen einrennen.»

Verunsicherte Dreizehnjährige oder experimentierfreudiger Zehntklässler – wer als Heranwachsender in den siebziger und achtziger Jahren Fragen in Sachen Sexualität hatte, wandte sich an die «Bravo» und deren «Dr. Sommer», den Briefkastenonkel der populären Jugendzeitschrift. Und wer nicht schrieb, verschlang als Leser die Kolumne mit den offenen Antworten auf heikle Fragen. Ab Ende der sechziger Jahre setzte die «Bravo» stark auf auflagenstärkende Beiträge zum Thema Sexualität und griff damit den Zeitgeist auf. Ob erste Menstruation oder erstes Mal, ob Pille oder Petting – in «Bravo» erfuhren Pubertierende, was sie schon immer über Sex wissen wollten, aber niemanden zu fragen wagten. Schon gar nicht die Eltern. Unter seinen Pseudonymen «Dr. Sommer» und «Dr. Alexander Korff» wurde Martin Goldstein Millionen von Teenagern bekannt – und unentbehrlich. Der Arzt, Psychoanalytiker, Ehe- und Erziehungsberater und Religionslehrer betreute mit einem Team die wöchentliche Beratungskolumne in dem viel gelesenen Heft. Die «Bravo»-Macher waren auf Martin Goldstein wegen des grossen Erfolgs, den seine Bücher «Anders als bei Schmetterlingen» und «Lexikon der Sexualaufklärung» gehabt hatten, aufmerksam geworden. In den siebziger Jahren erreichten über 3500 Zuschriften pro Woche die Redaktion. Und zwei Mal stand die «Bravo» wegen Dr.-Sommer-Stellungnahmen auf dem Index: Das Team um Goldstein verkündete, dass Selbstbefriedigung nicht krank mache. Damit, so der Vorwurf, habe Goldstein Jugendgefährdendes verbreitet. Amtliche Begründung: «Die Geschlechtsreife allein berechtigt noch nicht zur Inbetriebnahme der Geschlechtsorgane.» Von Herbst 1969 bis 1984 war Goldstein der verantwortliche Chefredakteur der Rubrik «Dr. Sommer». Auf diese Weise hat der heute 82-Jährige viel zur Sexualaufklärung von Generationen junger Menschen beigetragen. «Wir konnten etwas Neues bewegen», sagt er.

Todesangst im Lager

Martin Goldstein wurde 1927 in Bielefeld als Sohn eines jüdischen Vaters und einer protestantischen Mutter geboren. Als Jugendlicher war er Mitglied im Christlichen Verein Junger Männer. Die evangelische Kirche ist von zentraler Bedeutung in seinem Leben. Vor allem der Pastor, der seine Eltern getraut hatte und Martin Goldsteins Vorbild wurde. «Dieser Mann hatte mein Leben gerettet, denn durch die Trauung meines getauften jüdischen Vaters mit meiner nicht jüdischen Mutter wurde auch ich getauft und war deshalb unter den Nazis erst so spät zur Deportation vorgesehen.» Das Judentum spielte in seiner Familie und seinem Alltag keine Rolle. Das änderte sich während der NS-Zeit drastisch. Weil sein Vater Jude war, musste Martin Goldstein 1942 die Oberrealschule verlassen. Er begann eine Lehre zum Orthopädiemechaniker. Die Deportation der Juden überlebte er in einem deutschen Zwangsarbeitslager. «1944 wurde ich von der Gestapo abgeholt und kam in das Zwangsarbeitslager in Tröglitz bei Zeitz in Sachsen.» In einer schon ausgebombten Benzinfabrik habe er verstaubte Maschinen putzen und Nebelpulver legen müssen, welches er bei Fliegeralarm zu zünden hatte. Angst aber habe er nicht verspürt. «Angst bekam ich später.» An die Benzinfabrik war ein KZ angelagert. «Ein Zweiglager von Buchenwald. Da habe ich das erste Mal die geschundenen Menschen in der Sträflingskleidung gesehen. Mancher fiel vor meinen Augen vor Hunger um, manche waren tot. Ich habe dann die Leichen bis zum Zaun vom KZ getragen.» Durch den Zaun habe er gesehen, «wie es da zugeht im KZ», so Martin Goldstein. «Damals habe ich meine Gefühle eingefroren und hatte nur noch Todesangst.» 50 Jahre lang habe er nicht über diese Erlebnisse sprechen können. Der liberale Sexualberater in der Ära der Hippies mit ihrer Losung «Make Love Not War», dieser Aufklärer erlebte selbst eine von Gewaltherrschaft und Tod geprägte Jugend, in der die Themen Liebe und Sexualität an den Rand gedrängt wurden. «Als Hitler an die Macht kam, war ich sechs. Mein Vater war Jude. Wir wurden isoliert. Ich hatte andere Nöte als die Liebe.» Eines Tages gelang es Goldsteins «arischer» Mutter, die mit Erlaubnis der Gestapo in das Arbeitslager gekommen war, ihren Sohn dort herauszuholen. «Mein Ausbildungsbetrieb in Bielefeld hatte mich zurückgefordert.» Die Sorge um den jüdischen Vater blieb. Im Februar 1945 wurde dieser ins KZ Theresienstadt deportiert. «Ich habe ihn bis zum Güterbahnhof begleitet, wo er einsteigen musste. Die Tür wurde dann zugeschoben und verriegelt.» Der Vater überlebte. Auch Sohn Martin sollte kurz vor Kriegsende noch deportiert werden. «Im März 1945 kam der Bescheid. Ich habe mich dann wochenlang im Wald versteckt, von Eicheln und Grünpflanzen gelebt.»

Kampf für Selbstbestimmung

Nach Kriegsende konnte Martin Goldstein sein Abitur nachholen und Medizin studieren. Er hatte enge Verbindungen zur Institution Kirche. «Ich blies als Mitglied der Göttinger Posaunenmission fünf Jahre lang jeden Morgen mit meiner Posaune einen Choral vom Kirchturm.» 1952 ermöglichte ihm ein Stipendium der evangelischen Kirche ein Studienjahr an der Duke University im amerikanischen Durham. 1955 bis 1960 widmete sich Goldstein, nunmehr voll approbierter Arzt, hauptberuflich der kirchlichen Jugendarbeit und leitete ein Haus der Offenen Tür in Düsseldorf. Berufsbegleitend studierte er Theologie und bestand 1957 das evangelische Katecheten-Examen. 1960 beauftragte ihn das Bundesfamilienministerium mit einer Studie zu «Erziehung zu Ehe und Familie». Nebenbei bildete sich Goldstein bis 1962 zum Eheberater weiter. In den folgenden fünf Jahren war er Dozent für Psychologie und Soziologie im Bereich der neuen Jugendakademie Radevormwald der evangelischen Kirche im Rheinland. 1967 bis 1979 arbeitete er in einer Erziehungs- und Eheberatungsstelle und absolvierte eine Weiterbildung in Psychoanalyse. Ab 1969 kam die freie Mitarbeit als Kolumnist für die «Bravo» hinzu. Seine therapeutische und aufklärerische Arbeit versteht Martin Goldstein auch als eine Reaktion auf das unfreie und nicht nur in punkto Sexualität dogmatische Klima seiner eigenen Jugend. «Ich hatte die Verfolgung durch die Naziherrschaft überlebt, und so setzte sich bei mir die Geschichte meiner Befreiung von Dogmen, Ideologien und Kampf fort. Daraus erwuchs auch, dass ich für sexuelle Selbstbestimmung eintrat», so Goldstein. Die evangelische Theologie habe viel zu dieser Befreiung beigetragen – und damit zu seiner Entwicklung zum «Dr. Sommer». Dieses Pseudonym hatte die «Bravo»-Redaktion ihm vorgeschlagen. Goldstein selbst aber habe auf einem Decknamen bestanden, weil er Auswirkungen auf seine Haupttätigkeit in der Beratungsstelle fürchtete. Es sei dabei nicht darum gegangen, den jüdisch klingenden Nachnamen Goldstein zu vermeiden, so der Psychoanalytiker auf die entsprechende Frage im Gespräch mit tachles. «Ich wollte nicht meinen richtigen Namen verwenden, weil ich vermeiden wollte, dass die Pubertierenden mir dann in meiner Beratungsstelle die Türen einrennen. Dem Ansturm hätten wir nicht gerecht werden können.» 1975 liess sich Goldstein als ärztlicher Psychotherapeut in einer Praxis in Düsseldorf nieder – und absolvierte weitere Ausbildungen, von Gestalttherapie bis zur Gruppenlernmethode «Themenzentrierte Interaktion» nach und bei Ruth Cohn. In den letzten 15 Jahren vor seinem Ruhestand im Jahr 2000 arbeitete er als Therapeut fast ausschliesslich mit männlichen Patienten. «Weil Männer es nötiger haben», sagt Martin Goldstein zur Begründung. Seltener als Frauen suchen Männer Hilfe, wenn sie Probleme haben. Es falle ihnen schwerer, über Persönliches zu sprechen – trotz Leidensdruck.

Kluft der Sprachlosigkeit

Martin Goldstein, selbst einer der Leidtragenden der NS-Zeit, hat in hohem Masse dazu beigetragen, nachfolgenden Generationen in Deutschland ein in vielerlei Hinsicht freieres Heranwachsen zu ermöglichen. Die Probleme und Unsicherheiten Rat suchender Jugendlicher sind dabei über die Jahre erstaunlich beständig geblieben, aller Liberalisierung zum Trotz. Mit den Eltern über Sexuelles zu sprechen, ist Teenagern nach wie vor peinlich – und ihren Eltern zumeist ebenso unangenehm. Obwohl die gesellschaftliche Toleranz generell zugenommen hat und obwohl – oder weil – Kinder und Jugendliche heute über Fernsehen und Internet massiv und früh mit «gesichtsloser» und einseitig auf Sexkonsum zielender oder pornografischer Sexualität konfrontiert werden, entstehen bemerkenswerte Wissens- und Eigenerfahrungslücken, «vor allem an mitmenschlicher Kommunikation», so Goldstein. Auch und gerade im Hinblick auf Aids. Die Immunschwächekrankheit stellt besondere Anforderungen an die Sexualaufklärung von heute. «Man kann und sollte mit den Jugendlichen über das Feuer der Leidenschaft sprechen», so Goldstein. «Aber man muss ihnen auch sagen, da gibt es eine Schattenseite.» Das Wissen um Aids und die Aufklärung über den Schutz davor ist überaus wichtig – aus Verantwortung für sich selbst und den Partner. «Noch wichtiger aber ist Begleitung, Ermutigung und Bestätigung durch Erwachsene, welche sich um die Neugier und die Scheu junger Pubertierender kümmern.»

Mit seinem aktuellen Buch «Teenagerliebe. Von der Aufklärung zur Initiation» (Verlag Archiv der Jugendkulturen, Berlin 2009) wendet sich Goldstein 40 Jahre nach dem Start der «Bravo»-Kolumne noch einmal an Erziehende und die Jugend – mit einem Plädoyer, dessen Ziel es ist, einen anonymen «Dr. Sommer» überflüssig zu machen: Goldstein tritt dafür ein, die Kluft der Sprachlosigkeit zwischen Teenagern und Erwachsenen zu überbrücken, sie in sexuellen Fragen besser vorzubereiten. Der international diskutierte «Fall Marco W.», die Vorkommnisse zwischen dem Jugendlichen und der 13-jährigen Engländerin Charlotte in der Türkei im Jahr 2007, gaben den Anstoss dazu. Die Medien hätten «wie gleichgeschaltet stets von einem Verdacht auf sexuellen Missbrauch berichtet», kritisiert Goldstein. «Dabei war es schlicht eine etwas verfahrene Teenagerliebe.» Jugendliches Liebesleben zu würdigen und taktvoll zu begleiten sei das Ziel: «Besorgnisse zu verringern, Emanzipation zu fördern, Konflikte in Entwicklungsschritte zu verwandeln und Jugendliche zu sexueller Selbstbestimmung zu initiieren, ist eine nationale Aufgabe», sagt Goldstein. «Die evangelische Kirche in Deutschland hat das schon 1971 in ihrer Denkschrift zur Sexualethik verlautbart.»