Der Vater des ernsthaften Comics
Dass er kein ganz gewöhnlicher Superheld ist, sieht man ihm schon von weitem an, denn der Spirit hat kein extravagantes Kostüm mit Umhang und knallig-bunten Symbolen. Seine Erkennungszeichen sind eine rote Krawatte, ein Fedora und eine simple Augenmaske. «The Spirit», dessen Kinoversion Ende des Monats bei uns anläuft, ist aber nicht nur äusserlich kein normaler Comic-Held, auch sonst unterscheidet ihn so einiges von seinen Superhelden-Kollegen. Mag «The Spirit» hierzulande auch längst nicht so bekannt sein wie etwa Superman oder Batman, so gilt er unter Fachleuten dennoch als Meilenstein in der Geschichte des Comics. Und sein Schöpfer Will Eisner wird in den USA als eigentlicher Übervater der Gattung angesehen, der entscheidend dazu beigetragen hat, Comics als ernsthafte Kunstform zu etablieren.
William Erwin Eisner wurde 1917 als Sohn jüdischer Einwanderer in Brooklyn geboren und erlebte eine Jugend, wie sie für viele Juden seiner Generation typisch war. Will wuchs in einfachen Verhältnissen auf und trug als Junge Zeitungen aus, um so zum Familieneinkommen beizutragen. Bereits im Alter von 16 Jahren veröffentlichte er seinen ersten Comic in einer Schülerzeitung, der die Armut der jüdischen Einwanderer zum Thema hatte. Das New Yorker Einwanderermilieu sollte denn auch immer wieder im Zentrum seiner Comics stehen.
Nach einem einjährigen Studium gründete er gemeinsam mit Samuel Iger das Studio Eisner & Iger; Eisner, der immer auch sehr geschäftstüchtig war, erkannte früh, dass der boomende Zeitschriftenmarkt eine grosse Nachfrage für Comics erzeugte, die sich bald nicht mehr durch Nachdrucke älterer Strips befriedigen lassen würde. Deshalb nahm er andere Zeichner unter Vertrag; unter ihnen so bekannte Namen wie den späteren Batman-Erfinder Bob Kane und Jack Kirby, der in den sechziger Jahren Serien wie «Hulk» oder «X-Men» schuf. Eisner & Iger war eine eigentliche Comic-Manufaktur. «Wir machten Comics auf die gleiche Weise, wie Ford Autos produzierte», meinte Eisner dazu später in einem Interview.
Eine neue Richtung für den Superhelden-Comic
Obwohl das Geschäft florierte, verliess Eisner seine Firma gut drei Jahre später schon wieder, als sich ihm die Gelegenheit bot, eine 16-seitige Comicbeilage für eine Sonntagszeitung zu gestalten. Dies war die Geburtstunde von «The Spirit». Auf den ersten Blick ist auch der Spirit nur ein weiterer verkleideter Held, der Jagd auf Verbrecher macht. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich aber schnell, dass Eisner den Superhelden-Comic in eine ganz neue Richtung führte. Das beginnt bereits beim Stil: Eisners Figuren sind keine strahlenden Helden, sondern zerknittere, gebückte Gestalten, die raffiniert zwischen Karikatur und Naturalismus changieren. Schon früh experimentierte Eisner auch mit der Seitenaufteilung, löste sich von der sturen Einteilung in gleich hohe Panels und gestaltete die ganze Seite als grafisches Element. Berühmt wurden die ganzseitigen «Spirit»-Titel, bei denen Schriftzug und Figuren oft in ganz unerwarteter Weise interagierten. Eisner spielte auch gerne mit der Perspektive, zeigte das Geschehen aus ungewohnten Blickwinkeln und arbeitete mit ausgeklügelten Schatten. Grafisch zeigt «The Spirit» seinen Schöpfer auf der Höhe seines Könnens.
Doch nicht nur zeichnerisch, auch inhaltlich beschritt Eisner mit seiner Serie neue Wege. Denn um Verbrechen und Strafe ging es in «The Spirit» meist nur scheinbar. Die Handlung war oft rudimentär und diente lediglich als Vorwand. Was Eisner interessierte, waren Stimmungen und Figuren; kleine Leute, skurrile Gestalten, Verlierer, Taugenichtse und mysteriöse Schönheiten, die manchmal sentimental, manchmal mit boshaftem Witz präsentiert werden. Die siebenseitigen «Spirit»-Geschichten sind Miniaturen, Stimmungsbilder in Comicform, und der Titelheld spielt nicht selten eine Nebenrolle, kommt manchmal nur in einigen wenigen Bildern vor. Gerade diesen Aspekt, den humanistischen Grundton, der auch das spätere Werk prägen sollte, lässt Frank Millers Film fast völlig vermissen (vgl. Kasten).
Ein Vertrag mit Gott
Mit «The Spirit» entfernte sich Eisner deutlich von den typischen allmächtigen Übermenschen der anderen Superhelden-Comics und wies damit auch den Weg für seine späteren Graphic Novels. Darunter verstand Eisner Comics für Erwachsene, die sich mit ernsthaften Themen auseinandersetzen. Obwohl es bereits vorher Comic mit diesem Anspruch gegeben hatte, gilt «A Contract With God» von 1978 als Markstein des Genres, der den Standard für künftige Graphic Novels setzte. In diesem Buch und in zahlreichen späteren Werken kehrt Eisner zu den Orten seiner Kindheit zurück, zu den Mietshäusern der Bronx während der Depression. Viele seiner Figuren sind jüdisch und hadern mit den grossen und kleinen Widrigkeiten des Alltags, sie kämpfen um die blosse Erhaltung ihrer Existenz und grübeln über den Sinn des Lebens nach.
Zu Beginn von Eisners Karriere galten Comic noch nicht als Kulturgut; in den siebziger Jahren begann sich dies allmählich zu ändern – nicht zuletzt dank Eisners Graphic Novels. Sein Renommee innerhalb der amerikanischen Comicszene wuchs nun beträchtlich. Er galt bald als eigentlicher Grandseigneur der Kunstform, dessen unermüdlicher Einsatz spätere Marksteine wie Art Spiegelmans «Maus» oder «Watchmen» von Alan Moore und Dave Gibbons überhaupt erst ermöglicht hatte. Eisner genoss die späte Anerkennung zwar, ruhte sich aber keineswegs auf seinen Lorbeeren aus, sondern zeichnete stetig weiter und beschäftigte sich auch intensiv mit der theoretischen Seite seines Metiers. 1985 erschien «Comics & Sequential Art», eines der ersten fundierten Bücher über das Erzählen in Comics – natürlich in Comicform.
Jüdische Themen tauchen in Eisners Werk immer wieder auf, auch in seinem letzten Buch: «The Plot» erzählt die Geschichte der «Protokolle der Weisen von Zion». Eisner beschäftigte sich während Jahren mit diesem Thema; ihm war es unerklärlich, dass diese Hetzschrift noch immer verbreitet wurde, obwohl doch längst erwiesen war, dass die «Protokolle» nicht authentisch sind. Mit seinem Buch wollte er einen Beitrag dazu leisten, dieses Übel ein für allemal auszumerzen.
Nicht wenige «Spirit»-Geschichten enden mit einer traurigen-ironischen Note, und so ist es doch irgendwie folgerichtig, dass «The Plot», das posthum, wenige Monate nach Eisners Tod im Januar 2005, erschien, eines seiner schwächsten Bücher wurde. Im Grunde ist es ein illustriertes Geschichtsbuch; angefüllt mit Informationen und mit einem belehrenden Tonfall, aber ohne Humor, ohne plastische Figuren – ohne all das, was «The Spirit» zu etwas Besonderem gemacht hatte.