Der unsichtbare Kain
Hier in diesem Transport
bin ich Eva
mit Abel meinem Sohn
seht ihr meinen grossen Sohn
Kain, Adams Sohn,
sagt ihm, dass ich
Wären die Namen dieses 1970 erschienenen Gedichts andere, wäre das Datum des Transports vermerkt, der Leser wäre überzeugt, hier wörtlich ein in Gedichtform ungewandeltes Dokument zu lesen: Einen unvollendeten Satz, den eine jüdische Frau auf dem Weg ins Vernichtungslager geschrieben hat, auf einen Zettel, den sie aus der kleinen Öffnung des versiegelten Viehwaggons werfen konnte oder zumindest wollte.Doch Dan Pagis hat durch seine Namensgebung, durch die Verlegung des Personals in die Urfamilie der Genesis, den Akzent vollständig verändert. Die Konstellation, dass die Mutter zusammen mit Abel deportiert wird, legt, durch die mit Kain verbundenen Assoziationen nahe, dass Evas «grosser Sohn» Kain auch ihr Mörder ist.
Ermordung eines Gottesbildes
«Kain, Adams Sohn», wie es im hier besprochenen Gedicht heisst, erhält deshalb eine besondere Bedeutung, die Pagis’ Übersetzer Tuvia Rübner in einer Fussnote zu seiner Übersetzung nur antönt: «Im Hebräischen bedeutet Ben Adam Adams Sohn, Mensch. So wäre auch zu lesen: \"Seht ihr meinen grossen Sohn, Kain, den Menschen.\"» Damit wäre wiederum der Mord von Mensch an Mensch ausgedrückt, die im Ansatz der Urfamilie schon vorhandene Ermordung eines Gottesebenbilds durch das andere, hier noch erweitert durch den Mord auch an der Mutter, deren hebräischer Name Chawa in Gen. 3,20 durch Adam von «em kol chai», «Mutter alles Lebendigen» hergeleitet wird. Doch «Ben Adam» ist in der Bibel nicht durchgängig die neutrale Bezeichnung für «Mensch», wie sie etwa bei Ezechiel wiederholt auftritt, sondern wird an verschiedenen Stellen gezielt abwertend eingesetzt. In Hiob 25, 6 etwa wird der «Ben-Adam» als Wurm bezeichnet und in Jesaja 51, 12 lautet der göttliche Trost an sein Volk (hier in der Buberschen Übesetzung): «wer bist du, dass du dich fürchtetest vor einem Menschen, der sterben wird, vorm Adamssohn, dahingegeben als Gras!»
Dass mit dieser Interpretation, mit der naheliegenden Ausdeutung der Namen dieses Gedicht noch nicht erschöpfend erklärt ist, legt schon eine Bemerkung Rübners in seinem Nachwort nahe, wo er auf den hebräischen «dunklen Fastreim Katuw-chatum» («geschrieben-versiegelt») verweist und diesen mit dem Bibelvers Jesaja 29,11 in Verbindung bringt: «So wurde für euch jede Offenbarung wie die Worte in einem versiegelten Buch: Wenn man es einem Menschen gibt, der lesen kann, und zu ihm sagt: Lies es mir vor!, dann antwortet er: ich kann es nicht lesen, denn es ist versiegelt.»1 Damit rückt Rübner den Titel des Gedichts ins Zentrum des Interesses.
Das Wortpaar «katuw - chatum» besitzt aber noch eine andere Konnotation, im Zusammenhang mit den zehn Busstagen. Am Neujahrsfest, so die bekannte und auch ins Gebet aufgenommene Metapher, wird das Schicksal jedes Menschen für das kommende Jahr von Gott aufgeschrieben (katuw), so dass es aber, falls es ein hartes Schicksal wäre, durch intensive Rückkehr zu Gott in den zehn Tagen noch revidiert, bzw. radiert werden könnte (wie eine «mit Bleistift» geschriebene Notiz). Am Versöhnungstag, dem Höhepunkt und Ende des zehntägigen Zyklus, wird der göttliche Entscheid dann besiegelt (chatum), ist also nicht mehr rückgängig zu machen.
Es wird ersichtlich, dass gerade der neutral erscheinende Titel eine vielfältige und komplexe Sicht auf das Gedicht öffnet. Der versiegelte Waggon ist über seine Funktion als Element in einer mörderischen Maschinerie hinaus die Metapher für die Erfahrung der in ihn Hineingepferchten, dafür, wie ihnen das Unbegreifliche, das ihnen in der Shoah widerfährt, vor ihrer spezifisch jüdischen Tradition erscheinen kann. Was hier geschieht, ist einerseits die - um den Mord an der Mutter erweiterte - Urszene Mord, wie wir sie bei Kain und Abel präfiguriert finden. Es ist andererseits die genaue Gegenszene alles Biblischen. Kain ist ein sichtbarer Mörder, der sich in aller Offenheit auf dem Feld gegen Abel erhebt und ihn umbringt (Gen. 4,8), und er hat ein klares Motiv gegenüber dem Ermordeten, dass nämlich Gott dessen Opfer seinem vorgezogen hat. Die in den versiegelten Waggon gesperrte Eva jedoch kann ihren Mörder Kain nicht mehr erkennen, er ist gewissermassen abwesend vom Mord selbst, der sich bar aller nachvollziehbaren Motive verselbständigt hat, in der Wahl der Ermordeten ebenso wie in der industriell organisierten Abwicklung des Mordens. Der «Schreibtisch-Kain», so der Psychologe Lipot Szondi über Adolf Eichmann, «kann - unter chaotischen Umständen - politisch getarnt, das Leben von Tausenden auslöschen, ohne selbst de facto zu töten.» Der unsichtbare Kain steht für die Tatsache, dass selbst das Morden noch pervertierbar ist, indem mit zunehmder Zahl der Opfer die Täter immer stärker entschwinden. Der Mord und die Anwesenheit des Mörders beginnen sich bei den nationalsozialistischen Vernichtungsmethoden beinahe auszuschliessen.
Metapher für das Unbegreifliche
Doch kein Viehwaggon - und auch das ist Bestandteil seiner Metaphorik - ist je so hermetisch abschliessbar, dass der biblische Text nicht eine Ritze darin fände. Indem Eva, die «Mutter alles Lebendigen», auf dem Weg nach Auschwitz «mit Bleistift» eine Nachricht schreibt, die auf die Hoffnung auf eine Nachwelt und Empfängerschaft schliessen lässt, unterläuft sie jenes sich in Allmachtsphantasien versteigende Versiegeln der Wagen, das zugleich ein Besiegeln der jüdischen Geschichte, eine «Endlösung der Judenfrage» vollziehen möchte. Wenn Jacques Derrida die Schrift - man müsste wohl sagen: den Akt des Schreibens - mit dem hebräischen ruach bezeichnet, also dem «was die Menschheit in ihrer Einsamkeit und Verantwortlichkeit, das, was Jeremias, der dem Diktat Gottes unterstellt ist, erfährt», so trifft dies ziemlich genau den Charakter des Schreibens Evas im versiegelten Waggon in seiner Widerständigkeit. Hinzu kommt, dass ruach nicht nur jenen bewegten, inspirierten inneren Geist bedeutet, sondern auch das hebräische Wort für «Wind» ist. Das Geschriebene in den Wind zu werfen (was wohl das Ziel der im Waggon geschriebenen Worte sein soll) ist also eine doppelte Überantwortung an die Dynamik des ruach, gegen das totalitäre Morden.
Es wurde zitiert aus: Dan Pagis: Erdichteter Mensch. Gedichte. Hebräisch/deutsch. Aus dem Hebräischen übertragen und mit einem Nachwort versehen von Tuvia Rübner, Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M.1993, S. 78f.
1 Tuvia Rübner: Nachwort, in: Dan Pagis: Erdichteter Mensch, S. 131-140; 139. Eine weitere zu zitierende Stelle wäre die Erzählung des - aufgrund seiner unheilverkündenden Prophetien gefangengesetzten - Jeremija, der von seinem Kauf eines Feldes in Anatot berichtet und in 32,14 berichtet, wie er «das Kaufbuch, das versiegelte, das Gebot und die Satzungen und das offene, nahm.»