Der ungeliebte Mäzen

Von Andreas Mink, November 5, 2010
Bislang ein grosser Unterstützer der Demokraten, hat George Soros die Kongresswahlen 2010 ausgesessen. Dafür konzentriert er sich auf eigene Projekte.

Für die Präsidentschaftswahlen im Jahr 2004 hat George Soros den Demokraten 20 Millionen Dollar gespendet und eine eigene Website eingerichtet, die unermüdlich gegen George W. Bush agitiert hat. Danach war der 1930 in Budapest geborene Finanzier einer der ersten Unterstützer der Präsidentschaftskampagne von Barack Obama. Doch in dieser politischen Saison hielt Soros sein Scheckbuch verschlossen. Ein Sprecher erklärte dazu, der Milliardär würde sich nun stattdessen auf die Förderung progressiver Anliegen wie der Legalisierung von Marihuana und den Umweltschutz konzentrieren. Jüngst hat Soros zudem die von ihm gegründete Internetseite Media Matters mit einer weiteren Million Dollar unterstützt, um der konservativen Propaganda-Maschine Rupert Murdochs Paroli zu bieten.

Persona non grata

Da der Verlust der demokratischen Mehrheiten im Kongress auch dank Rekordspenden seitens konservativer Mäzene seit Monaten absehbar ist, löst Soros’ Zurückhaltung in den USA Verwunderung aus. Möglicherweise ist er über die populistische Kritik Obamas an den «Geldsäcken von der Wall Street» verstimmt, die mit ihren Spenden erheblich zum Einzug des Juniorsenators aus Illinois in das Weisse Haus beigetragen haben. Die parteipolitische Abstinenz des Holocaust-Überlebenden könnte jedoch auch eine Spätfolge seines früheren Engagements sein: Vor sechs Jahren haben konservative Medien und Politiker eine massive Schmutzkampagne gegen Soros gefahren und ihm vorgeworfen, das Weisse Haus mit angeblich aus dem Drogenhandel stammendem Geld kaufen zu wollen.
Seine stets aus einer tiefen persönlichen Verbundenheit vorgebrachte Kritik an der Besatzungspolitik Israels hat ihn zudem zur Persona non grata unter vielen amerikanischen Juden gemacht. Soros hat daher vor einiger Zeit mit Bedauern erklärt, sein Name sei Gift geworden und schrecke andere Spender ab. Dies hat zu einem Skandal geführt, der die linksliberale Israellobby J-Street erschüttert. Deren Gründer Jeremy Ben-Ami hat wiederholt beteuert, niemals Geld von Soros angenommen zu haben. Doch im September kam an den Tag, dass der Hedgefonds-Krösus und seine Kinder J-Street doch insgesamt 750 000 Dollar Startkapital gestiftet haben.

Geld – ein Mittel zum Zweck

Für Soros muss dies persönlich bitter sein. Beeinflusst vom Philosophen Karl Popper und seiner Jugend unter Hitler und Stalin, hat er die Theorie einer offenen Gesellschaft entwickelt, die er seit 20 Jahren durch ein Netzwerk von Stiftungen rund um sein Open Society
Institute (OSI) realisieren will. Seine Familie trug 1944 noch den Namen Schwartz und hat in Budapest dank gefälschter Papiere überlebt, die Soros’ Vater den seinen und vielen anderen Juden verschaffen konnte. Der Anwalt Tivadar Schwartz war ein Freigeist und Anhänger der Kunstsprache Esperanto, die auch den Namen Soros inspirierte. Soros Senior schärfte seinen Söhnen Paul und George ein, Geld nur als Mittel zum Zweck zu betrachten.
Massgeblich war aber seine Lektion, dass es Extremsituationen gibt, in denen Regeln und Gewohnheiten nicht mehr gelten, in denen Rettung nur durch Eigeninitiative möglich ist. Diese Einsicht motiviert Soros zu seinem politischen Engagement: Da die Dinge im Fluss sind, ist es nicht nur möglich, sondern notwendig, auf sie Einfluss zu nehmen.

Kampf gegen den Kommunismus

Laut Popper sind Menschen von vorneherein nicht perfekt und so kann nur eine freie Diskussion um Ideen allmählich zu einer Verbesserung der Zustände führen. In den USA engagiert sich das OSI für eine breite Palette humanistischer und progressiver Anliegen von der Hilfe für Aids-Patienten und todgeweihte Kranke bis hin zur Reform der Gefängnisse und des Justizsystems. Schwerpunkt des OSI war jedoch zunächst der Kampf gegen den Kommunismus. Nach dem Kollaps des Sowjetimperiums engagierte sich Soros mit hunderten Millionen Dollar im ehemaligen Ostblock für offene Gesellschaften.
Dabei ist das OSI wiederholt in Konflikte mit den neuen Machthabern in den ehemaligen Warschauer Pakt-Staaten geraten, die häufig aus dem Dunstkreis der alten, sozialistischen Regime stammen. Das OSI hat sich daher zunehmend auf Aktivitäten in den USA verlegt und sich aus Osteuropa zurückgezogen, auch unter dem Eindruck gegen Soros gerichteter, antisemitischer Propaganda. Ob er sich zu einem erneuten Engagement für die Demokraten in den USA überreden lässt, dürfte derweil vom Ausmass des republikanischen Sieges bei den aktuellen Wahlen abhängen.    ●

Andreas Mink ist Redaktor bei der JM Jüdische Medien AG und lebt in den USA.