Der unbekannte Kaufhauskönig
Max Emden, 1874 in eine Hamburger Kaufmannsfamilie geboren, wurde von seinem Vater und seinem Onkel früh in die Führung des Unternehmens eingebunden. Um die Jahrhundertwende, als die ersten Kaufhäuser auf deutschem Boden entstanden, wuchs das Handelshaus M. J. Emden & Söhne rasant. Der junge Emden prägte diese Epoche mit. Spätestens nach seinem Tod im Jahr 1940 geriet er dennoch völlig in Vergessenheit. Oder fast. Im Tessin, am Lago Maggiore, erinnerte man sich noch länger an ihn. Von seinem Vorleben in Hamburg wussten die Leute indes nur sehr wenig. Der mit dem Schriftsteller Erich Maria Remarque befreundete Max Emden war für sie der Millionär, der mit den nackten Schönen an Bord seines schnittigen Motorbootes über den See preschte. Er war der Herr der Brissago-Inseln. Aber woher nur hatte er die Millionen, um sich dorthin zurückzuziehen?
Kein Kaufhaus nach ihm benannt
1926 waren die Kaufhäuser Deutschlands wahre Geldmaschinen. Es waren nicht Orte für die billige Masse, sondern edle und riesige Konsumtempel. Die Protagonisten hiessen Tietz – das später zu Hertie wurde –, Karstadt, Jandorf, Schocken, Wertheim oder Emden. Emden? Ja. Emden war einer von ihnen. Ohne Namen allerdings. Denn keines seiner Kaufhäuser war je nach ihm benannt. Ganz anders bei Rudolph Karstadt. Sein Name hat bis heute überlebt. Unangetastet sind kürzlich im harten Ringen um die Rettung der Karstadt-Gruppe die drei besten Häuser im Portefeuille geblieben: Oberpollinger in München, KaDeWe in Berlin, Alsterhaus in Hamburg. Zwei dieser Flaggschiffe gehen auf das Handelshaus Emden zurück. Das KaDeWe, bis heute das grösste Kaufhaus Deutschlands, hatte Adolf Jandorf 1906 mit Hilfe und Beteiligung der Familie Emden erbaut, in deren Unternehmen er zuvor gearbeitet hatte. Und beim ein Jahr zuvor eröffneten Oberpollinger deuteten auf dem Giebel angebrachte Schiffchen an, dass die Besitzer von weither nach München gekommen waren; gegründet hatten es die Emdens aus der Hansestadt, dem «Tor zu Welt».
Zwar dämpfte der Erste Weltkrieg die Euphorie vorübergehend. Doch in den zwanziger Jahren war das Wachstum für Kaufhäuser unbegrenzt. Mitten in dieser Boomphase hatte Max Emden genug. Er war 53 Jahre alt, im besten Alter. Ende 1926 verkaufte er sein Imperium an Karstadt. Dazu gehörten 19 Kaufhäuser an den besten Adressen. Emden war einer von vielen Juden, die das Geschäft bestimmten. Aber er war einer von den wenigen, die sich frühzeitig – rechtzeitig – zurückzogen, vor der Weltwirtschaftskrise und den Nazis. Vom absoluten Gewinnstreben, alles mit stinkenden Fabrikschloten zu verbauen, davon sagte er sich früh los. Jedenfalls äusserte er sich bereits 1918 in einer Abhandlung mit dem Titel «Der natürliche Arbeitstag» so, als die deutsche Arbeiterschaft eben den Neun-Stunden-Tag erkämpft hatte. Emden rechnete in seinem Traktat vor, dass sich nur wenige europäische Länder dieses Privileg leisten könnten. Allerdings nur auf Kosten anderer Wirtschaftsregionen.
Eigener Poloclub
Verheiratet mit einer Chile-Deutschen, war er im Geschäftsleben zwar eine bedeutende Figur, aber in der Hamburger Gesellschaft blieb er als Jude trotzdem eher ein Aussenseiter. Er brachte es nicht so weit wie der – ebenfalls jüdische – Bankier Max Warburg, der entscheidend mitwirkte, als die örtliche Oberschicht einen neuen, standesgemässen Golfplatz benötigte. Das vorgesehene Grundstück versuchte Emden erfolglos zu kaufen. Obwohl er kurz darauf Hamburg verliess, überredete ihn Warburg noch zu einem essenziellen Beitrag für das Projekt. Emden bezahlte schliesslich, wohl auch aus Drang nach Anerkennung. Der dürfte auch eine frühere Anschaffung beeinflusst haben, als Emden den grössten Poloclub Deutschlands erstand. Die Crème de la Crème hatte er nun sozusagen vor der Haustür, denn seine Villa Sechslinden in Altonas Ortsteil Flottbek stand gleich daneben.
Geschäfte machte das 1823 gegründete Familienunternehmen indes seit je von Hamburg aus. 1898 galt M. J. Emden Söhne den dortigen Behörden als Musterbeispiel eines Grosshandelshauses, weshalb sie dessen Organisation untersuchen liessen, um eine progressive Umsatzsteuer zum Schutze des bedrohten Einzelhandels zu entwickeln. Das Handelshaus machte weit mehr, als Detaillisten in 200 Städten mit Waren zu beliefern, mit denen es über ein gegenseitiges Exklusivrecht verbunden war. Es war eine Logistikzentrale mit sehr effizientem Controlling und gewährte seinen Kunden einen Rundumservice. Kleinhändler bekamen Werbematerial, ganze Ladeneinrichtungen, Kredite. Nötigenfalls wurde die Buchhaltung geführt, die Margen richteten sich nach der Leistungsfähigkeit der Kunden. Früh erstand die Firma Grundstücke an bester Lage und stellte die benötigten grossen Ladenflächen für den beginnenden Kaufhausboom bereit. Die Gebäude vermietete sie oder führte wie bei Oberpollinger die Kaufhäuser selbst.
Eingebürgert und fallen gelassen
Dass sich Emden früh in die Schweiz zurückzog, bewahrte ihn vor den grössten Demütigungen. Allerdings bekam auch er Hitlers Regime zu spüren. Die letzten Jahre seines Lebens wehrte er sich vergeblich gegen die Machenschaften der Nazis. Nachdem er Schweizer Bürger geworden war, schien er alle Trümpfe in der Hand zu halten. Nur stachen sie nicht. Zahlreiche Schreiben, in denen Emden die Schweizer Behörden um Unterstützung bei sogenannten «Grundstücksentjudungen» und Arisierungsverfahren bat, blieben wirkungslos. Er hatte in Deutschland vor allem Grundstücke mit grossen Kaufhäusern behalten und vermietet. Der Schweizer Botschafter Hans Frölicher in Berlin mochte sich nicht für den eingebürgerten Juden einsetzen, dem die Nazis sein Hab und Gut in Deutschland mit erfundenen Steuerschulden und anderen Kniffen abzujagen drohten.
Schon als er sich 1933 einbürgern lassen wollte, hatte er auf Granit gebissen: Es brauchte ein Machtwort des abtretenden Bundesrats Heinrich Häberlin, damit sich der Chef der Fremdenpolizei, Heinrich Rothmund, widerwillig beugte. Emdens einziger Sohn wurde jedoch wie zum Trotz nicht eingebürgert. Derweil hatte eine Deutscher wie Eduard von der Heydt keine Probleme dieser Art. Der Bankier aus Wuppertal zog kurz vor Emden ins Tessin und kaufte sich das berühmteste Anwesen: den Monte Verità in Ascona. Dort machte er aus dem abgewirtschafteten, aber legendären Hort der Lebensreformer ein Hotel für die bessere Gesellschaft. Max Emden erfuhr dort während eines längeren Aufenthaltes, dass die hoch verschuldete Baronin Antoinette de Saint-Léger die Brissago-Inseln veräussern musste. So kam auch er zu einem einzigartigen Anwesen. Während Kunstmäzen von der Heydt – für dessen Sammlung das Museum Rietberg in Zürich entstand – im Zweiten Weltkrieg die Agenten der deutschen Abwehr im Ausland bezahlte, kämpfte Emden von seiner Insel im Tessin aus einen aussichtslosen Kampf. Die Nazis entrissen ihm eine wertvolle Kaufhaus-Immobilie nach der anderen.
«Es braucht viel Kraft, um ohne Wurzeln zu leben», trug der mit ihm befreundete Schriftsteller Erich Maria Remarque in sein Tagebuch ein, als er in den USA von Emdens Tod erfuhr. Auch nach dem Tod wurde Emdens Besitz geplündert. Seine Kunstsammlung verschwand. Eines der besten Stücke landete bei Bührle, Monets «Mohnfeld bei Vétheuil». Es gehörte beim Jahrhundertraub von 2008 in Zürich zu den vier Beutestücken. Selbst die Brissago-Inseln musste Emdens Nachfahre nach dem Krieg für ein besseres Butterbrot hergeben. Denn der in Deutschland ausgebürgerte und in der Schweiz nicht geduldete Sohn brauchte das Geld. Einzige Überbleibsel aus Emdens goldenen Kaufhauszeiten sind die Schiffchen auf dem Oberpollinger-Dach – die so gar nicht nach München passen wollen.
Francesco Welti war Tessin-Korrespondent und ist aktuell Chefredaktor der 2010 gegründeten «Obwalden und Nidwalden Zeitung». Er ist Autor des Buches «Der Kaufhaus-König und die Schöne im Tessin», Verlag Huber, Frauenfeld 2010. Es ist parallel zur Biografie über Eduard von der Heydt, «Der Baron, die Kunst und das Nazigold», Verlag Huber, Frauenfeld 2008, entstanden.