Der Traumfänger
Mit seinem 1951 erschienenen Roman «Der Fänger im Roggen» («The Catcher in the Rye») drückte J. D. Salinger die Befindlichkeit einer ganzen Generation von Jugendlichen aus. Der Roman wird bis heute millionenfach verkauft und ist seit Jahrzehnten Standardlektüre an den Schulen auch hierzulande.
In dem Buch erzählt die Hauptfigur, der 16-jährige Holden Caulfield, ungeschönt, wie er vom Internat fliegt, sich ein paar Tage herumdrückt und schliesslich ins heimatliche New York zurückkehrt, in die bizarre und verlogene Welt seiner Eltern und anderer Erwachsener. Der Heranwachsende ist getrieben von seiner Fantasie, von Sehnsucht und Enttäuschung. Und dem Wunsch, seine Kindheit festzuhalten: Holden lautet sein Vorname – und «born in the caul» sagt man, wenn ein Baby mit noch intakter Eihaut geboren wird. Salingers Held rebelliert gegen das Spiessige, das Normale, das Heuchlerische, die Welt der Erwachsenen – an deren Anerkennung ihm doch so viel liegt. Holdens aggressiver Frust äussert sich auch in Stil und Sprache: Schon in den ersten Sätzen ist von dem «ganzen David-Copperfield-Mist» die Rede. Vielen gilt diese Adoleszenz-Geschichte als eine moderne Version von Goethes «Werther». Salingers literarischer Mythos wirkte so stark, dass manche Kritiker gleich ein ganzes Jahrzehnt der amerikanischen Literaturgeschichte – die Jahre von 1948 bis 1959 – als «Ära Salinger» bezeichneten.
Ein zurückgezogenes Leben
Spätestens in den achtziger Jahren wurde Salingers rebellischer Teenager, der «Catcher», weltbekannt. Wie der Doppelmörder Charles Manson besass auch der Ronald-Reagan-Attentäter ein Exemplar des Buchs – und als Mark Chapman im Dezember 1980 den Ex-Beatle John Lennon erschoss, trug er seines sogar bei sich. Chapman identifizierte sich mit der Romanfigur, fühlte sich wie der leibhaftige Holden Caulfield, der im Roggenfeld die kleinen Leute beschützt, und wollte, so der Mörder später vor Gericht, «ihm zu Weltruhm verhelfen». Salinger äusserte sich kaum dazu. Gefangen im Roggen: Überwältigt und eingeschüchtert von Erfolg und Attraktion des «Fängers», zog sich dessen Schöpfer auf dem Zenit seines Ruhms in die Einsamkeit seines abgelegenen Hauses zurück. Neue Fotos gab es keine, Interviews gewährte er so gut wie nie – und vor 30 Jahren letztmals. Anfang des Jahres nun verschlechterte sich der Gesundheitszustand des Autors schlagartig, teilte Salinger-Agent Phyllis Westberg in einer Erklärung mit.
An der Front
Salinger wurde am Neujahrstag des Jahres 1919 geboren. Sein Vater war ein polnischer Jude. Seine Mutter, eine irisch-schottische Katholikin, war zum Judentum konvertiert. Jerome David Salinger brach ein Studium ab und war in Wien, kurz bevor Adolf Hitler an die Macht kam, verliebte sich in eine Frau, die ihn wegen Charlie Chaplin verlassen haben soll. Mit anderen US-Soldaten landete er während des Krieges am D-Day am Utah Beach, überlebte die Ardennen-Offensive – und erlitt dort vermutlich einen psychischen Zusammenbruch. Er kam 1944 nach Deutschland und war im Rheinland und in Bayern an der Front. Er soll auch an der Befreiung des Konzentrationslagers Dachau beteiligt gewesen sein. «Den Geruch von verbranntem Fleisch kriegst du nie mehr aus der Nase», sagte er später seiner Tochter, «egal wie lang du lebst.» Kurzzeitig war Salinger 1945 mit einer Deutschen verheiratet, die er zuvor als niedere NS-Beamtin festgenommen hatte.
Ein «verdammtes Talent»
Erste Schreibversuche unternahm Salinger als junger Kadett in einer Militärschule, als Student veröffentlichte er erste Kurzgeschichten. Als er im Zweiten Weltkrieg in Frankreich kämpfte, traf er auch den Kriegsberichterstatter Ernest Hemingway, der ihm «verdammtes Talent» bescheinigt habe. Am «Fänger im Roggen» soll Salinger zehn Jahre, also seit etwa 1941, gearbeitet haben. Der geistige Vater von Holden Caulfield war schon berühmt genug, um vor sich selbst wegzulaufen, als die Geschichte «Franny und Zooey» 1961 erschien, die an den Erfolg des ersten Romans indes nicht ganz anknüpfen konnte. Im Juni 1965 veröffentlichte Salinger zum letzten Mal. Die Kurzgeschichte «Hapworth 16, 1924» erschien im Magazin «The New Yorker». Sein letztes Interview gab Salinger 1980: «Ich liebe das Schreiben, und ich kann Ihnen versichern, dass ich immer noch schreibe. Aber ich schreibe alleine, und ich möchte dabei absolut alleine gelassen werden.» Seitdem rätselt die Salinger-Gemeinde, ob noch Manuskripte in der Schublade des Eremiten liegen, die der Veröffentlichung harren.
Verschlossen und schweigsam
Salinger war mehrfach verheiratet. Die spärlichen Informationen, die über Salinger als Privatmann an die Öffentlichkeit drangen, stammen etwa von seiner Tochter Margaret. In ihren Memoiren «Der Traumfänger» beschrieb sie ihren Vater als liebevoll, aber auch übermässig selbstsüchtig und seltsam. Sein Arbeits- und Schlafzimmer habe sie «vielleicht zweimal» in ihrem Leben betreten dürfen. «Erzählt nie einem was», heisst es im «Fänger im Roggen», «denn sonst vermisst ihr alle mit der Zeit.» J. D. Salinger starb am 27. Januar im Alter von 91 Jahren in seinem Haus in Cornish im US-Staat New Hampshire.