Der Tag, an dem Auschwitz befreit wurde

von Ruth E. Gruber, October 9, 2008
Von Grossbritannien bis Italien, von Schweden bis Deutschland sind die Europäer offenbar bestrebt, aus den Schrecken der Vergangenheit Lehren für die Zukunft zu ziehen. Die Zeremonien anlässlich des 56. Jahrestages der Befreiung des KZ Auschwitz wurden in einigen Ländern zum offiziellen Holocaust-Gedenktag umfunktioniert, während man sich anderswo mit einer Versammlung Überlebender an der Stätte des ehemaligen Todeslagers beschränkte. Auschwitz war am 27. Januar 1945 von der sowjetischen Armee befreit worden.
Gedenken in Europa: Der Holocaust-Überlebende Ernest Levy zündet bei einer Zeremonie in Edinburgh Kerzen an. - Foto Keystone

An offiziellen Zeremonien in Deutschland, Italien, Grossbritannien und Schweden gedachte man am 27. Januar, dem Tag der Befreiung von Auschwitz, der Schoah, erinnerte aber auch an die Opfer anderer Verfolgungen und Genozide. Das Ziel war es, den Holocaust zu einem Zeitpunkt des Wiederaufflackerns des Neo-Nazismus und der Überhandnahme der Holocaust-Leugnung zum Schlüsselinstrument für die Konfrontation mit Hass und Diskriminierung zu machen.
In Deutschland, wo der 27. Januar seit 1996 der offizielle Tag der Erinnerung an die Opfer des Nazismus ist, unterstrich Bundestagspräsident Wolfgang Thierse die mit dem Extremismus verbundenen Gefahren. Eine Zunahme von Hassverbrechen verursacht wachsende Sorge in Deutschland. Laut offiziellen Zahlen gab es in der BRD im vergangenen Jahr 840 gewalttätige antisemitische oder fremdenfeindliche Akte, rund 100 mehr als 1999. Eine Erinnerung ohne die sich aufdrängenden Konsequenzen gebe es nicht, meinte Thierse am Radio. Er forderte eine «Verpflichtung zur Demokratie und gegen den wütenden Rechtsextremismus». In Berlin wurde an der Stätte des geplanten nationalen Holocaust-Denkmals eine offizielle Zeremonie abgehalten, und die Fahnen an staatlichen Gebäuden wehten auf Halbmast.
In Grossbritannien und Italien wurde der erste offizielle Holocaust-Gedenktag mit vielbeachteten Zeremonien, Radio- und TV-Programmen, Vorstellungen und anderen öffentlichen Anlässen in zahlreichen Städten und Ortschaften begangen. An der zentralen Veranstaltung in London, die von der BBC live übertragen wurde, entzündete Prinz Charles Kerzen, Premierminister Tony Blair und Oberrabbiner Jonathan Sacks hielten Reden, und die Schauspieler Emma Thompson und Sir Ian McKellen zelebrierten eine Lesung. «Was den Holocaust so schrecklich machte», sagte Tony Blair, «waren seine Ziele, sein unfassbares Ausmass und die Boshaftigkeit, mit der mit der Hilfe verfälschter Wissenschaft versucht wurde, die menschliche Zerstörung zu fördern.» Am Londoner Anlass wurde auch der Opfer von Verfolgungen und Genoziden in Bosnien, Ruanda und Kambodscha gedacht. Aus Protest gegen die Gewalt im palästinensisch-israelischen Konflikt leisteten einige moslemische Persönlichkeiten der Einladung keine Folge. Ein Vertreter der Armenier war im letzten Augenblick eingeladen worden, doch herrschte Verärgerung in der Gemeinschaft, weil ihr Schicksal im Programm keine Erwähnung gefunden hat. Im ersten Völkermord der Moderne hatten die Türken in den Jahren 1915-16 rund 1,5 Millionen Armenier umgebracht. Infolge Drucks aus der Türkei, welche sich bisher nicht zu den Grausamkeiten bekannt hat, hatte die britische Regierung zuerst die Armenier nicht an die Zeremonie eingeladen.
Auch in Italien wurde die Erinnerung an die Schoah dazu benutzt, um vor dem Bösen der Gegenwart zu warnen und die Lehren aus der Vergangenheit für die Zukunft zu ziehen. Vor dem Hintergrund jüngster Untersuchungen, die bei vielen Italienern, vor allem unter der Jugend, ein Unwissen über die Rolle des faschistischen Italiens im Holocaust entdeckten, legten Offizielle am Gedenktag das Schwergewicht ihrer Ausführungen auf die Notwendigkeit erzieherischer Programme. Vor Studenten in der süditalienischen Stadt Agrigento erinnerte Luciano Violante, der Präsident des Unterhauses, an die Massenmorde im sowjetischen Gulag, in Afrika und in Kambodscha. Man müsse nein sagen können, wenn man aufgefordert wird, etwas zu tun, das gegen die Prinzipien von Demokratie und Freiheit und gegen bürgerlich-moralische Werte verstosse.Mit jedem Jahr, das verstreicht, geht der Holocaust mehr und mehr vom Bereich der lebenden Erinnerung in den Bereich der Geschichte über. Die neuen Formen des Gedenkens sind Teil eines Prozesses, in dem die Schoah als Bestandteil einer weit angelegten internationalen Erfahrung Anerkennung gefunden und den Rahmen eines nur jüdischen Traumas gesprengt hat. Vor einem Jahr hatten sich Persönlichkeiten aus dutzenden von europäischen Staaten in Stockholm getroffen, wo sie die Schoah als Bestandteil der nationalen Geschichte ihrer Länder anerkannten. Paradoxerweise geht diese Bewegung Hand in Hand mit einem Wiederaufleben des Neo-Nazismus und der Leugnung des Holocausts, dem Erstarken rechtsextremer Parteien und in einigen Ländern auch mit einer Glorifizierung der faschistischen Geschichte und faschistischer Führer aus der Kriegszeit. «Die Wahl des 27. Januars als Kerndatum der Erinnerung», sagte Francesco Spagnolo, der in Milano ein Studienzentrum für jüdische Musik leitet, «unterstreicht die Zentralität von Auschwitz, wo mindestens 1,5 Millionen Menschen ermordet worden sind, als machtvolles zeitgenössisches Symbol.» Mit dem 27. Januar 2001 sei Auschwitz offiziell sowohl zum Niemandsland der menschlichen Geschichte geworden, als auch zur Arena, in der Europas Zukunft sich abzuspielen hat.
Wie immer bei solchen Ereignissen, fehlten auch hier die Kontroversen nicht. Innerhalb der jüdischen Gemeinde Grossbritanniens etwa gab es eine Diskussion darüber, ob die Anlässe überhaupt abzuhalten seien. Yitzchak Schochet etwa, ein heute in London wohnender orthodoxer Rabbiner aus Kanada, war sich nicht sicher, ob Grossbritannien des Holocausts zu gedenken habe. «Mir kommt es komisch vor», sagte er, «dass Grossbritannien, das zusammen mit den Alliierten die Todeslager befreit und zehntausende jüdischer Flüchtlinge aufgenommen hatte, einen nationalen Holocaust-Tag durchführt. Warum verlangt man von diesem Land, dass es sich Schuld für den Holocaust aufbürdet?» Zusammen mit anderen Rabbinern findet Schochet, der Name des Tages sei falsch gewählt worden. Auch der rechtsgerichtete «Daily Telegraph» kritisierte die Zeremonien heftig als einen Versuch, politische Toleranz und kulturelle Verschiedenheit zu fördern. Das würde, so schrieb das Blatt, die Ausmasse des Geschehens verniedlichen und nur dazu dienen, die Behauptung der Labour-Regierung zu unterstützen, wonach das Land von Rassismus erschüttert werde.

JTA

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Notwendiger denn je

BRD / Spe. - In vielen Städten Deutschlands gedachte man am letzten Samstag der Opfer des Nationalsozialismus mit Mahnwachen und Gedenkveranstaltungen. In Berlin versammelten sich etwa 3000 Menschen an dem Ort des geplanten Holocaust-Denkmals trotz Regen und mit Kerzen in der Hand. Bundestagspräsident Thierse mahnte in seiner Rede, gegen Schläger «mit unnachgiebiger Härte» vorzugehen, ihnen aber auch die Chance zu geben, aus der rechtsradikalen Szene auszusteigen. Die Aktionen unter dem Motto «wehret den Zuständen» richtete sich nicht nur an ein rückwärtiges Gedenken sondern zeigte vor dem Hintergrund der tagtäglichen rechtradikalen Übergriffe aktuelle Brisanz, sich gegen Antisemitismus, Rassismus und Rechtsextremismus einzusetzen.
Zahlreiche Veranstaltungen in den Bezirken Berlins sowie in den anderen Städten waren geprägt von dem Willen, die rechtsextremistischen Gewalttaten nicht einfach hinnehmen zu wollen. In diesem Zusammenhang war es von besonderer Bedeutung, dass auch in vielen Gemeinden und Städten in dem Bundesland Brandenburg, Menschen auf die Strasse gingen, um gegen Rechtsextremismus zu demonstrieren. Vor allem in Brandenburg fanden viele gezielte rechtsextremistische Gewalttaten in den letzten Monaten statt. Sowohl Angriffe auf dunkelhäutige oder vermeintlich nicht-deutsche Menschen als auch Anschläge auf jüdische Einrichtungen, wie auf die Trauerhalle in Potsdam, reihen sich in die ansteigende Zahl rechtsextremistischer Gewalttaten ein. Eine aktuelle politische Brisanz hatte der 27. Januar auch, weil die Entschädigung der Zwangsarbeiter noch nicht zur Auszahlung den Bundestag passieren kann. Hierbei geht es zum einen um die in der letzten Woche noch nicht entschiedene Abweisung von Klagen vor amerikanischen Gerichten und der damit verbundenen «Rechtsunsicherheit». Andererseits fehlen zu dem Beitrag der Industrie von insgesamt 5 Milliarden noch 1,4 Milliarden DM.
Mittlerweile gibt es von Seiten der Politik Überlegungen, mit gesetzlichen Schritten, die Industrie zur Zahlung zu zwingen.Im Gegensatz zu den letzten vier Jahren fanden die Veranstaltungen zum Holocaust-Gedenktag zwar Medieninteresse, jedoch wurden sie nicht als Topthemen behandelt.
Der damalige Bundespräsident Herzog hatte 1996 den 27. Januar, den Tag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz 1945, als nationalen Holocaust-Gedenktag proklamiert.