Der Stoff, aus dem die Träume sind
Die vor Kurzem im Zürcher Landesmuseum gezeigte Ausstellung «Soie pirate» entführte die Besucher ins Zürich des späten 19. Jahrhunderts, als die Seidenindustrie in der Schweiz und weltweit noch ein bedeutender Gewerbezweig war. Seit Jahrhunderten war Seide für den Westen ein aussergewöhnliches Handelsgut, das über die Seidenstrasse von China nach Europa gelangt war. In der Schweiz hatte die Seidenindustrie Ende des 19. Jahrhunderts einen ersten grossen Boom erreicht. Bereits um 1900 war die Seidenindustrie der wichtigste Industriezweig in der Schweiz geworden. Im Jahr 1854 war die Zürcherische Seidenindustrie-Gesellschaft gegründet worden. Sie gilt heute – auch wenn sie ihre einstige Bedeutung verloren hat – als der älteste Wirtschaftsverband der Alpenrepublik.
Die verschiedenen Stoffe mit ihren Mustern und Strukturen entführten die Museumsbesucher in Zürich in eine schillernde Zeit, in der schrille Farben, Blumen- und Karomuster die Modewelt dominierten; in eine Zeit, in der die Schönen und Reichen dieser Welt sich noch mit Stoffen aus der Schweiz einkleiden liessen. Der Ausflug in diese uns heute vielleicht fremde und doch so faszinierende Welt soll Designern und Modeschöpfern als Inspirationsquelle dienen und dem Publikum den Blick auf die Geschichte eines Gewerbezweigs öffnen, der zu den ältesten der Geschichte gehört.
Vom häuslichen Betrieb zur Massenproduktion
Seit Jahrtausenden werden Stoffe für Kleider hergestellt; Einst zur Bedeckung der Scham, später als Schutz und heute natürlich auch als Statussymbol. Das Sprichwort und der Titel einer Novelle aus dem Jahr 1874 des Zürcher Dichters Gottfried Keller, «Kleider machen Leute», unterstreicht dies umso deutlicher. Zeugten früher die Beschaffenheit, das Material und die Verarbeitung der Kleider von der Zugehörigkeit zu einer Gruppe, so sind es heute bekannte Markennamen, die oft die Akzeptanz von Jugendlichen in sozialen Gruppen bestimmen.
Genauso wie die Textilverwendung einem Bedeutungswandel ausgesetzt war, haben sich auch die technischen Möglichkeiten mit der Zeit gewandelt. Noch im Mittelalter wurden grosse Teile der Textilproduktion im häuslichen Betrieb oder in kleinen Handwerksbetrieben abgewickelt. Mit der verstärkten Industrialisierung Anfang des 19. Jahrhunderts wurden Spinn- und Webvorgang und damit die Textilproduktion immer mehr mechanisiert. Dies ermöglichte erst eine Massen- und Einheitsproduktion von Stoffen und Kleidern.
Eine jüdische Branche
Es ist kein Zufall, dass es in der Textilindustrie so viele jüdische Unternehmer gibt. In dieser Branche fanden seit Beginn der Industrialisierung Standortverlagerungen von Produktionsstätten statt. Juden, die immer wieder gezwungen waren, ihre Heimat zu verlassen und sich an anderen Orten niederzulassen, waren an der Entwicklung dieser mobilen Branchenkultur nicht unwesentlich beteiligt. Sie engagierten sich besonders stark im Handel; deshalb auch die Vielzahl an grossen jüdischen Kaufhäusern in Europa. Als im Zuge der Emanzipation die gewerblichen Hindernisse für Juden aufgehoben wurden, beteiligten sich Juden massgeblich am Aufbau grosser Produktionsstätten für Textilien, so auch in der Schweiz. Verschiedene jüdische Familien in Solothurn, Bern und St. Gallen waren damals im Textilhandel vor allem als fahrende Markthändler und Tuchhändler tätig. In Burgdorf wurde bereits 1872 unter dem Namen Schwob frères eine Leinenweberei gegründet. Und der Hamburger Jude Moses Iklé, der Urgrossvater der späteren ersten Bundesrätin der Schweiz, Elisabeth Kopp, betrieb in den fünfziger und sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts Import und Export von Textilien, besonders von Stickereien und Spitzen. Er reiste oft in die Schweiz und kaufte im Kanton Appenzell und im österreichischen Vorarlberg sogenannte St. Galler Stickereien ein. Sein Sohn Leopold schliesslich baute die Firma Iklé Frères in St. Gallen auf, die innert kürzester Zeit ein international tätiges Unternehmen für Spitzen und Stickereien für Kleider wurde. Sie fanden weltweiten Absatz, weil verschiedene Geschwister und Neffen Leopolds in vielen Weltstädten Niederlassungen unterhielten.
Dabei nutze die Familie Iklé einen Standortvorteil, den viele jüdische Unternehmer in diesem Gewerbe vorzuweisen hatten. Durch die ständige Verfolgung, Vertreibung und Entwurzelung der Juden und ihre Verdrängung in den Handelszweig konnten sich jüdische Geschäftsleute überdurchschnittlich gut an neue Orte anpassen. Ihre Kontakte zu Familienmitgliedern in der alten Heimat oder in anderen Ländern garantierten dabei die bestmögliche Vernetzung.
Prêt-à-porter aus Zürich
In die gleiche Zeit fällt auch der Aufstieg des aus Deutschland stammenden Seidenunternehmers Jakob Abraham, der im Jahr 1878 Gesellschafter der Firma Königsberger & Rüdenberg wurde. Später wurde er sogar Mitinhaber der Firma, die ihren Hauptsitz zunächst am Zürcher Paradeplatz unterhielt. Kurz vor dem Ersten Weltkrieg schliesslich, im Jahr 1912, gründete er mit seinem Partner Edmund Brauchbar die Abraham, Brauchbar & Cie. Zwischen Jakobs Sohn Ludwig und Edmund Brauchbar kam es allerdings während des Zweiten Weltkriegs zum Bruch. Zwei neue Firmen entstanden: Die Rudolf Brauchbar & Cie. und die L. Abraham & S. Seiden AG, deren reicher Archivschatz nun im Schweizer Landesmuseum ausgestellt wurde und damit Ruhm und Glanz von damals dem heutigem Publikum veranschaulichen konnte.
Zu den wichtigsten Mitarbeitern der Firma Abraham gehörte Gustav Zumsteg, der im Jahr 1943 Partner von Ludwig wurde und die Firma ab Ende der vierziger Jahre und bis zu ihrer Liquidation im Jahr 2002 führte. Unter Zumsteg, dessen Eltern die Pächter des angesagten Zürcher Restaurants Kronenhalle waren, erlangte die Firma Weltruhm. Sie war spezialisiert auf Seidenstoffdesign für Haute Couture und Prêt-à-porter. Zu ihren Kunden gehörten berühmte Modehäuser wie Givenchy, Yves Saint Laurent, Dior und Ungaro.
Zahlreich dokumentierte Handelsreisen in der Nachkriegszeit bis in die Vereinigten Staaten, Australien und Indien zeugen von der globalen Vernetzung und Bedeutung der Firma Abraham. Für den Erfolg des Unternehmens mitentscheidend war auch Zumstegs Gespür für Trends. So liess er zum Beispiel seinen Chef-Designer drei Wochen lang im Garten von Yves Saint Laurent in Marrakesch verweilen, damit dieser dort, durch die Umgebung inspiriert, kreative Eingebung erhalten möge und so Ideen für neue Stoffkollektionen sammeln konnte.
Womöglich wurde im Garten in Marrakesch auch das schwarze Seidenmuster konzipiert, das den Fantasienamen «Soie pirate» erhielt und der besagten Ausstellung in Zürich ihren Namen verlieh. Es steht stellvertretend für ein Gewerbe und eine Kunst zugleich, die durch ihre überwältigende Vielfalt von Farben und Mustern heute noch jedem, der sich ihr annähert, den Atem rauben. ●
Nicole Dreyfus ist Journalistin und lebt in Zürich.