Der sogenannte Jeselsohn-Stein bringt Einsichten zur Frühzeit des Christentums.

von Gisela Blau, December 11, 2008
Heute beginnt im Museum für Naturwissenschaften in Houston, Texas, eine mit Spannung erwartete Ausstellung mit dem Titel «Die Geburt des Christentums: Eine jüdische Geschichte» (The Birth of Christianity: A Jewish Story). Highlight und Mittelpunkt ist die Steintafel, die unter dem Namen ihres Besitzers bekannt wurde: Der Jeselsohn-Stein.
DAS HIGHLIGHT DER AUSSTELLUNG Der Jeselsohn-Stein ist über 2000 Jahre alt

Der Ökonom David Jeselsohn aus Zürich, der in Tel Aviv ein Zweitstudium in Archäologie absolviert hat, sammelt seit 40 Jahren bedeutende archäologische Artefakte aus dem östlichen Mittelmeerraum; Gegenstände mit einem Bezug zur jüdischen Geschichte, zur Bibel, zu Israel. Einer dieser Zeugen der Vergangenheit hat die Fachwelt in Aufruhr versetzt: Eine Steintafel mit hebräischer Inschrift, die von Experten auf die gleiche Zeit wie die Qumran-Schriftrollen datiert wird, also auf das Ende des letzten Jahrhunderts vor der Zeitrechnung (tachles berichtete). Die Paläografin Ada Yardeni, die führende israelische Schriftexpertin, bezeichnet die Stele sogar als «Schriftrolle aus Stein».
Die knapp einen Meter hohe und 40 cm breite Tafel zeigt wie bei einer Thorarolle 87 Zeilen Text in zwei Spalten. Sie wird auch Gabriel-Stein genannt, denn die Schrift gilt als eine Weissagung des Erzengels Gabriel, als Weisung an jemanden, in drei Tagen vom Tod aufzuerstehen und zu leben. Dies liess die Fachleute aufhorchen: Die Auferstehung in drei Tagen wäre demnach kein christliches Konzept, sondern ein jüdisches. Yuval Goren von der Tel-Aviv-Universität, der sonst nie Funde untersucht, die nicht aus einer offiziellen wissenschaftlichen Ausgrabung stammen, beschrieb den Jeselsohn-Stein im «Israel Exploration Journal» nach eingehender fachmännischer Überprüfung. «Er bestätigt die Echtheit der Stele und ihre wahrscheinliche Herkunft aus dem Gebiet östlich des Toten Meeres», sagt
Jeselsohn.

Der Stein steht im Mittelpunkt

Kein Wunder, dass das Museum of Natural Science in Houston diese Stele unbedingt für seine geplante Ausstellung über die biblische Zeit an der Schwelle zum Christentum haben wollte. David Jeselsohn besuchte deshalb das Museum in Houston. Er liess sich über die Ausstellung informieren und vergewisserte sich, wie seriös die Ausstellung in Zusammenarbeit mit der Hebräischen Universität Jerusalem, der Rice University von Houston, der Bibliothèque Nationale de France, der British Library, der École Biblique et Archéologique Française Couvent Saint-Étienne, der Special Collections Library der Universität von Michigan und der Stiftung der Schriftrollen vom Toten Meer organisiert worden war. Vor vier Wochen stimmte er schliesslich zu, seine Steintafel dem Museum als Leihgabe zur Verfügung zu stellen. Vor einer Woche erfolgte dann der Transport von Zürich nach Houston. Wegen der kurzen Frist findet sich die gute Nachricht vom Highlight der Ausstellung noch nicht in den ersten Ankündigungen, aber es ist klar, dass die Steintafel von nun an im Mittelpunkt stehen wird.
Die Ausstellung dauert bis 12. April 2009 und umfasst viele Exponate aus biblischer Zeit, die man entweder noch nie oder noch nie zusammen gesehen hat. Zur Halbzeit, im Februar 2009, wird in England ein neues Werk von Israel Knohl erscheinen. Für den Bibelspezialisten der Hebräischen Universität Jerusalem und dessen Forschung bedeutete die erste Arbeit von Ada Yardeni über die Schrift auf der Steintafel eine unerhoffte Bestätigung. Bereits im Jahr 2000 hatte er ein Buch über einen «Messias vor Jesus» geschrieben, gestützt auf apokalyptische Schriften. Es warf allerdings keine grossen Wellen. Der Jeselsohn-Stein, sagte Knohl gegenüber tachles, war für ihn der Beweis seiner Theorien. Knohls neues Buch trägt den Titel «Messiah and Resurrection in the Gabriel Revelation».
«Das Christentum ist das Kind des Judentums», kündigt das naturwissenschaftliche Museum in Houston seine Ausstellung an. «Um das Kind zu kennen, muss man etwas über seine Mutter und über die Umstände seiner Geburt wissen.» Die Ausstellung erzählt die Geschichte des Judentums in den letzten zwei Jahrhunderten vor der Zeitenwende in mehreren Kapiteln: die hellenistische und die römische Zeit, Gebein-Schreine, Masada, die judäische Wüste, die römische Armee und die Geburt des Christentums. Sie erforscht auch die «enormen Unterschiede zwischen jüdischen Gruppen während der Zeit des zweiten Tempels, aus denen sich das Christentum entwickelte – zunächst als eine dieser vielen jüdischen Gruppen». Der Jeselsohn-Stein wird ein Kronzeuge für die Geschehnisse dieser turbulenten Zeit sein.