Der Siegeszug des Joghurts
Man kann Joghurt löffeln, trinken, fettarm oder mit Früchten geniessen, er enthält hochwertiges Eiweiss, Knochen und Zähne stärkendes Calcium sowie Vitamine – und er schmeckt. «Functional Food» – Lebensmittel, denen spezifische gesundheitsfördernde Effekte zugeschrieben werden, ist ein boomendes Marktsegment. In den letzten Jahren haben «probiotische» Joghurts, die mit Milchsäurebakterien angereichert sind und sich förderlich auf die Verdauung auswirken, die Kühlschränke erobert. Und eine zunehmend gesundheitsbewusste Kundschaft sorgt für steigenden Konsum.
Seinen Siegeszug verdankt der Joghurt in erheblichem Masse der Idee eines jüdischen Mediziners. Im Jahre 1919 beschäftigte sich Isaac Carasso (1874 bis 1939), der aus einer Olivenölhändlerfamilie stammte und seine ersten Lebensjahre im heutigen Griechenland verbrachte, in Barcelona mit der Entwicklung einer Rezeptur für Joghurt, um damit an Durchfall erkrankten Kindern zu helfen.
Joghurt als Therapeutikum
Auslöser für Carassos Interesse an der Joghurt-Produktion waren die damals in Spanien insbesondere bei Kindern sehr häufig auftretenden Magendarminfektionen. Diese führten, begünstigt durch schlechte Hygieneverhältnisse und das sehr warme Klima auf der Iberischen Halbinsel, oft zu schweren Krankheitsbildern. Carasso wusste dank seiner familiären Wurzeln um die Vorzüge von Joghurt, eines sauren Milchprodukts, das in den Balkanländern und dem Vorderen Orient seit vielen Jahrhunderten bekannt und geschätzt war. Zudem hatte die damals in Fachkreisen viel diskutierte Arbeit des Institut Pasteur mit Mikroorganismen Carasso zu seinen Experimenten inspiriert. Carasso entschloss sich, das damals in Spanien unbekannte Milchprodukt herzustellen und dabei die traditionelle griechische Rezeptur mit den Erkenntnissen moderner Wissenschaft zu verbinden. Der Name seines Kleinunternehmens – «Danone» – entsprang einer katalanischen Abwandlung des Vornamens seines Sohnes Daniel.
Der Grundidee entsprechend, dass Joghurt ein Therapeutikum sei, und zugleich der Erkenntnis Rechnung tragend, dass es in der Bevölkerung unbekannt und daher in Lebensmittelläden wohl zum Ladenhüter geworden wäre, liess Carasso sein saures Produkt anfangs ausschliesslich über Apotheken in Barcelona vertreiben. Der Erfolg der milchigen Medizin war überraschend, die grosse Nachfrage führte rasch zu einer industrialisierten Produktion: Der erste Marken-Joghurt der Welt war da.
Zehn Jahre später, 1929, wanderte Isaacs Sohn Daniel nach Frankreich aus, um das Produkt auch dort zu vertreiben. Während der Besetzung des Landes durch die Nazis während des Zweiten Weltkrieges und nachdem sein Vater gestorben war, vertraute Daniel Carasso das Frankreich-Geschäft Freunden an und emigrierte in die USA. Auch dort verkaufte er ab 1942 wieder Joghurt, nun unter dem amerikanisierten Markennamen «Dannon Milk Products Inc.». Dass bald jeder amerikanische Haushalt einen Kühlschrank anschaffte, trug zum Erfolg der wärmeempfindlichen Speise bei. 1951 kehrte der Gründersohn nach Paris zurück. In der Folgezeit entstand eine enge Zusammenarbeit mit BSN und Gervais, die Danone zu einem international operierenden Wirtschaftsunternehmen mit Sitz in Paris machte.
Gesellschaftlicher Trend
Ende der siebziger Jahre setzte das Industrieunternehmen Danone, einem gesellschaftlichen Trend folgend, auf mehr Natur im Becher: Auf den Zusatz von künstlichen Farb-, Binde- und Konservierungsmitteln wurde mehr und mehr verzichtet, dafür waren fortan lebende Kulturen im Joghurt enthalten. In den achtziger Jahren folgte man dem Fitness- und Diättrend, bot verstärkt kalorienärmere und nahezu fettfreie Joghurts an. Health sells: Traditionell stellt der Konzern den gesundheitsfördernden Effekt ihrer Produkte sowie das wissenschaftliche Profil der Firma heraus. Und deren Engagement für Kinder. So unterstützt die Firma seit 1993 das «Kuratorium Schulverpflegung e.V.» sowie weitere Kinderprojekte und Programme mit Ernährungs- und Bewegungsangeboten in Kindergärten. Die besondere Gesundheitsausrichtung der Produkte ist bis heute das vielleicht wichtigste Merkmal, mit dem sich das Unternehmen auf dem umkämpften Markt positioniert. Seit 2007 gibt es den Danone-Joghurt sogar mit dem «Gesundheitssiegel» – im Supermarkt, nicht in der Apotheke. Katja Behling