Der sensible Tausendsassa

von Peter Stephan Jungk, September 17, 2010
Der französische Regisseur Claude Lanzmann legt mit seiner neu erschienenen Autobiografie «Der patagonische Hase» nicht nur ein Porträt seines eigenen ereignisreichen Lebens vor – er bereichert die Leser zudem mit einem differenzierten Porträt Frankreichs.
CLAUDE LANZMANN «100 Leben würden mich nicht müde machen»

In Claude Lanzmanns Autobiografie «Der patagonische Hase» heisst es: «Ich bin von der Welt weder übersättigt noch ermattet, und 100 Leben, das weiss ich nur zu gut, würden mich nicht müde machen». Dieser Ausruf hallt wie ein Echo aus allen Kapiteln dieses fulminant erzählten Werkes wider. Die Lebenslust des heute 85-Jährigen überträgt sich auf den Leser und löst die Sehnsucht aus, sich neue, überraschende Horizonte zu erschliessen.
Wer Claude Lanzmann auf seinen berühmten, neunstündigen Dokumentarfilm «Shoah» festlegen wollte, wird überrascht sein. Man lernt in seinen Erinnerungen, durch die er uns sprunghaft, einem Hasen ähnlich, mit grosser Geschwindigkeit und zuweilen irreführender Langsamkeit führt, einen ungemein facettenreichen Menschen kennen, der zwar nicht 100, aber doch zahlreiche verschiedene Leben gelebt hat. Und von Erschöpfung ist ihm in der Tat nichts anzumerken. Der Autor bleibt stets präzise und geht schonungslos ehrlich mit sich ins Gericht. Wenn man auch des Öfteren innehält und ihm zurufen möchte: «Ihre Selbstverliebtheit, Monsieur Lanzmann, geht zuweilen zu weit. Müssen Sie denn immer der Tausendsassa, der grosse Zampano sein?» Doch seltsamerweise verzeiht man ihm seine Unbescheidenheit; oft genug musste er seinen Heldenmut und seine Risikofreude mit körperlichen Verletzungen bezahlen. Als bereits 67-Jähriger fliegt er – anlässlich der Dreharbeiten zu seinem Dokumentarfilm «Tsahal» – in israelischen Kampfjets mit und betont: «Ich (...) hielt es für notwendig, am eigenen Leib den Blackout zu erfahren, das Ohnmächtigwerden (...), das alle Piloten von Jagdflugzeugen kennen.» Kurz darauf, inmitten der Jagdflugzeug-Episode, stösst der Leser unvermittelt auf ein Zitat aus einem Gedicht von Arthur Rimbaud, das auf Lanzmanns Sensibilität und seinen Hang zur Poesie verweist.

Eine Dreiecksgeschichte

Nicht zuletzt dieser feinfühlende Aspekt seines Wesens wird es vielleicht auch gewesen sein, der Simone de Beauvoir bewogen hat, eine langjährige Liebesbeziehung mit Lanzmann einzugehen. Und das zu einer Zeit, als sie mit Jean-Paul Sartre liiert war, der von ihrer Affäre mit Lanzmann durchaus wusste und sie zu dulden schien. Mehr noch, Sartre soll Lanzmann sehr geschätzt haben, ein Urteil, das offenbar auf Gegenseitigkeit beruht: Kaum ein anderer Zeitgenosse wird in den Erinnerungen ähnlich faszinierend gezeichnet wie Sartre – wenn ihm dieser auch einmal als «hässlich und schlecht gelaunt wie eine Bulldogge» vorkommen mag.
Lanzmann und de Beauvoir – er nennt sie Castor («Biber»), abgeleitet vom englischen Wort «beaver», das Beauvoir ähnelt –, lebten sieben Jahre (1952–1959) zusammen: «Ich bin der einzige Mann, mit dem Simone de Beauvoir ein fast eheliches Leben geführt hat. Über zwei Jahre lang schafften wir es, in unserem 27 Quadratmeter grossen Zimmer zusammenzuwohnen, und wenn wir das bisweilen bemerkten und darüber sprachen, waren wir zu recht stolz darauf, wie gut wir uns verstanden.» Wunderbar jene Episode, in der Lanzmann von einer ihrer zahlreichen Reisen zu dritt berichtet. Sie waren im Vorfrühling 1953 nach Saint-Tropez gefahren, es war dort «herrlich und leer», man wohnte in einem Hotel: Sartre im Einzelzimmer, er arbeitete ununterbrochen, obwohl man Paris zur angeblichen Erholung verlassen hatte, Lanzmann und de Beauvoir in einem Doppelzimmer. Jeweils abwechselnd ass Madame mit dem einen, dann mit dem anderen ihrer Männer zu Abend. Da aber nur zwei Restaurants am Hafen offen waren, bloss «durch ein dickes Segeltuch» voneinander getrennt, sass man gleichsam nebeneinander: «Castor hat immer eine laute Stimme gehabt, sie wusste, dass ich nebenan sass, sie hatte vor mir keine Geheimnisse: Ich verstand jedes Wort von ihr, und auch von dem, was Sartre mit seiner metallischen Stimme sagte, entging mir nichts.» Am nächsten Abend war es dann Sartre, «der dazu verurteilt war, allein zu sein und jedes Wort von uns zu hören.» Lanzmann beschreibt die langjährige Dreiecksgeschichte und seine «Einigkeit» mit Sartre und de Beauvoir als «idyllisch». Von ihnen lernte er, das mondäne Leben, die grossen Tischgesellschaften, die in Frankreich so beliebt sind, zu meiden, sie gar zu verabscheuen. «Zu zweit zu sein und miteinander zu reden war für sie – und für mich, das habe ich von ihnen gelernt – die einzige Möglichkeit, einander zu verstehen, zu begreifen, voranzukommen und nachzudenken.»

Viele Bücher in einem Werk

Auch beruflich kam man sich sehr nahe: Arbeitete Lanzmann zunächst noch als Redaktor und lieferte regelmässig Beiträge für Sartres und de Beauvoirs 1945 gegründete Monatsschrift «Les Temps Modernes», so sollte er 1986, nach Simone de Beauvoirs Tod, Herausgeber dieser einflussreichen Publikation werden. Er leitet sie bis heute. Lanzmann gab seiner langjährigen Freundin – ihre Nähe währte bis zum Schluss – nicht selten die Titel zu ihren Büchern vor, sie sprach ihm Mut zu, wie niemand sonst, als er begann, sein Projekt «Shoah» in Angriff zu nehmen, sie motivierte ihn immer wieder, keinesfalls aufzugeben, als die Dreharbeiten wiederholt zu scheitern drohten.
Jene Passagen, die um die zwölf Jahre währende Arbeit an «Shoah» kreisen, zählen zu den aufregendsten dieses an Dramatik so reichen Lebensberichts. Die letzten vier Kapitel sind nahezu ausschliesslich Lanzmanns Hauptwerk gewidmet, zeichnen seine Entstehungsgeschichte akribisch nach, ohne je zu langweilen. Man entdeckt immer neue Bücher in diesem humorvollen, todtraurigen Werk, das Epos einer höchst originellen jüdischen Familie, das Erlebnis der Jahre 1947 bis 1949, die Lanzmann im zerstörten Nachkriegsdeutschland verbracht hat, die Tragödie um den Bürgerkrieg in Algerien, den Überlebenskampf des immerwährend gefährdeten Staates Israel. Und man stösst nicht zuletzt auf jene 100 Seiten, die ihrem Autor womöglich mehr am Herzen liegen, als alles andere in seiner Autobiografie: Anlässlich einer Reise nach Nordkorea im Jahre 1958 verliebte er sich unsterblich in die junge Krankenschwester Kim Kum-sun.

Ein Porträt Frankreichs

Dem Tod fühlt sich Lanzmann seit dem Selbstmord seiner Schwester im November 1966 nahe. Die damals nicht unbekannte Theaterschauspielerin Evelyn Rey, eine heimliche Geliebte Sartres, hatte sich vergiftet – ihr Bruder fühlt sich bis heute mitschuldig, dass er den Verzeiflungsakt nicht verhindern konnte. «Der patagonische Hase» kann nicht zuletzt als ein äusserst differenziertes Porträt Frankreichs seit 1930 gelesen werden. Selten hat man die Grande Nation so unmittelbar begriffen, in ihren filigranen Verzweigungen erfasst, sie so überdeutlich kennengelernt. Was aber hat es mit dem Hasen des Titels auf sich? Lanzmann gibt darüber ganz am Ende Aufschluss: «An Hasen habe ich jeden Tag gedacht, als ich dieses Buch schrieb, an die Hasen im Vernichtungslager Birkenau, die unter dem Stacheldraht durchschlüpften, der für Menschen unpassierbar war. (...) Schliesslich dachte ich an das mythische Tier, das hinter dem patagonischen Dorf El Calafate im Licht meiner Scheinwerfer auftauchte und mir die Gewissheit buchstäblich ins Herz trieb, dass ich in Patagonien war (...) Ich war fast 70, aber mein ganzes Sein hüpfte vor wilder Freude, wie mit 20 Jahren.» Ein Zeitdokument der aussergewöhnlichen Art ist Lanzmann gelungen, künftige Genera­tionen werden darauf zurückgreifen, um unsere Epoche besser zu verstehen.