Der Schiiten-Boss sagt die Wahrheit

von Jacques Ungar, October 9, 2008
Elchanan Tennenbaum, der sich seit letzter Woche in der Gewalt der Hizbollah-Milizen in Libanon befindet, ist 54 Jahre alt, wohnt im vornehmen Nord-Tel Aviv und leidet an chronischem Asthma, und vielleicht sogar an Krebs, weshalb er täglich Medikamente einnehmen muss und einen Inhalator mit sich führt. Viel mehr weiss man nicht über den Mann, und mit seinem Verbot, weitere Einzelheiten über die Affäre zu veröffentlichen, hat ein Tel Aviver Gericht am Sonntag zusätzliches Öl ins Feuer der Gerüchte gegossen. Ist Tennenbaum, dem enge Geschäftsbeziehungen zu arabischen Kreisen nachgesagt werden, ein Waffenhändler, ein Mossad-Agent, beides oder keines von beidem?
Hizbollah mobilisiert die Massen: «Mit Gewalt politische Ziele erreichen.» - Fotos Keystone Hizbollah-Generalsekretär Hassan Nasrallah.

Hizbollah-Generalsekretär Hassan Nasrallah beharrte dieser Tage mehrere Male hartnäckig auf seiner Version, dass Elchanan Tennenbaum erstens als Geheimdienstler versucht habe, in die Reihen der Schiiten-Miliz zu infiltrieren, und dass er zweitens gar nicht entführt, sondern, ausgerüstet mit einem falschen Reisepass, nach seiner Ankunft aus Brüssel in Libanon verhaftet worden sei. Nach Beirut sei Tennenbaum im Rahmen eines sorgfältig ausgetüftelten Planes gelockt worden. Israels Premierminister Ehud Barak und zuständige Stellen der Geheimdienste demgegenüber halten an der ursprünglichen Version fest, wonach Tennenbaum nichts mit dem Mossad zu tun habe. Nasrallahs Darstellung, so heisst es, ziele darauf ab, die Rolle Irans in der ganzen Affäre zu vertuschen und keiner europäischen Nation den Vorwand zu liefern, Teheran wegen der Verletzung der Souveränität eines unabhängigen Staates Vorwürfe zu machen.
Gleichzeitig aber unterstreichen andere, kompetente israelische Sicherheitskreise wiederholt, man könne Scheich Nasrallah zwar eine ganze Menge Unschönes nachsagen, doch seine Äusserungen würden in der Regel der Wahrheit entsprechen. Der Schiiten-Scheich geniesse, so schreibt «Yediot Achronot» am Dienstag, eine Glaubwürdigkeit, um die ihn jeder israelische Politiker beneiden würde. Sollte dies zutreffen, dürfte es noch lange dauern, bis die drei vor fast zwei Wochen entführten IDF-Soldaten und Tennenbaum wieder heimatlichen Boden unter den Füssen haben werden. Die Hizbollah fordert im Austausch gegen die vier nämlich nicht nur die Freilassung aller in Israel inhaftierten Libanesen und Palästinenser und die sterblichen Überreste ihrer bei Zusammenstössen umgekommenen Kämpfer, sondern auch den Rückzug der israelischen Armee von umstrittenen Gebieten, die nach Beiruter Leseart Libanon gehören. Gemeint ist hier in erster Linie die Region der Farm Shaba’a im östlichen Grenzgebiet. Und wenn Nasrallahs Glaubwürdigkeit wirklich so vollkommen ist, dann täte die israelische Armee gut daran, sich vorzusehen, meinte der Scheich, doch sein Programm zur Entführung von Soldaten sei noch nicht beendet. An der Nordgrenze wurden inzwischen alle Urlaube für IDF-Offiziere gestrichen; sie müssen die Zeit zusammen mit der Truppe verbringen. Auf der Gegenseite wiederum sind dutzende prominenter Hizbollah-Leute aus Furcht vor israelischen Repressalien untergetaucht.
Die seit dem IDF-Rückzug aus Südlibanon vom letzten Mai praktisch «arbeitslose» Hizbollah hätte die Entführungen inszeniert, weil sie dringend auf Schlagzeilen angewiesen sei, um ihre Existenzberechtigung zu beweisen. Ob die Zeitung «Yediot Achronot» mit dieser Behauptung recht hat oder nicht, bleibe dahingestellt. Tatsache ist, dass die Organisation mit ihren Aktionen ihr Image in Libanon, aber auch darüber hinaus, gewaltig aufpolieren konnte. Immer öfter stösst man in der Westbank und im Gazastreifen auf Plakate mit Lobpreisungen für die Hizbollah bzw. mit Aufforderungen an die Führung, sich diese Miliz im Kampf gegen Israel zum Vorbild zu nehmen.
Für den amtierenden israelischen Aussenminister Shlomo Ben-Ami war die Bekanntgabe der «Entführung» Tennenbaums am Vorabend des Gipfels von Sharm el-Sheikh kein Zufall. «Extremistische Elemente, unter ihnen die Hizbollah, Iran, Irak, aber auch Kreise innerhalb der Palästinensischen Behörde», meinte Ben-Ami, «sind daran interessiert, Israel in eine Konfrontation hineinzuziehen, die auch im Hinblick auf das arabische Gipfeltreffen vom 21. Oktober in Kairo Gültigkeit haben.»

Dachorganisation

Die Hizbollah ist eine Dachorganisation diverser radikaler Schiiten-Gruppen, die der khomeinistischen Ideologie anhängen. Sie wurde 1982 im Anschluss an die israelische Invasion in den Libanon gegründet, was den Einfluss Irans im Zedernland wesentlich stärkte. Die religiösen Führer der Hizbollah sehen in der Befolgung der iranischen Doktrin eine Lösung für das politische Malaise im Libanon. Bestandteil der Doktrin ist u.a. die Anwendung terroristischer Mittel zur Durchsetzung politischer Zielsetzungen.
Ende 1982 entsandte Teheran Angehörige seiner «Revolutionsgarden» nach Libanon, um die Gründung einer revolutionären islamischen Bewegung voranzutreiben, deren Mitglieder am «Jihad», am heiligen Krieg gegen Israel, teilnehmen würden. Die Organisation unterhält in den libanesischen Dörfern und deren Umgebung, aber auch ausserhalb Libanons, ein Ausbildungs- und Trainingssystem. Der geistige Vater von Hizbollah ist Scheich Mohammed Fadlallah, der als der oberste Wächter des islamischen Gesetzes in der schiitischen Gemeinschaft fungiert. Heutiger Generalsekretär ist Scheich Hassan Nasrallah, der anfangs der 80er Jahre namens der Amal-Miliz verantwortlich für die Gegend der Beka’a-Ebene war. 1982 verliess Nasrallah Amal und stiess zur konkurrenzierenden Hizbollah. Als Abbas Musawi bei einem israelischen Luftangriff ums Leben kam, wurde er einstimmig zum Nachfolger gewählt.

Ideologie

Zentrales Ziel der Hizbollah ist die Errichtung einer pan-islamischen, von religiösen Persönlichkeiten geführte Republik. Nur ein solches Regime könne, wie die Organisation in einer 1985 veröffentlichten Publikation festhält, «Gerechtigkeit und Gleichheit für alle libanesischen Bürger» garantieren. Als eine wichtige Aufgabe betrachtet die Hizbollah den Kampf gegen den «westlichen Imperialismus» und dessen Ausmerzung aus dem Libanon. Entsprechend fordert die Hizbollah einen kompletten Rückzug der USA und Frankreichs, inkl. aller ihrer Institutionen aus dem Lande.Im Mittelpunkt des Denkens und Handelns von Hizbollah steht der Konflikt mit Israel. Das geht über die (inzwischen beendete) Präsenz von IDF-Soldaten im Zedernland hinaus. Angestrebt wird vielmehr ausdrücklich die Zerstörung des Staates Israel und die Errichtung der islamischen Herrschaft über Jerusalem. Zur Erreichung dieses Ziels wird die Anwendung terroristischer Mittel als «Waffen in den Händen der Schwachen und Unterdrückten gegen den mächtigen Aggressor» gutgeheissen. Mit ihren Raketenangriffen auf Israels Norden unterstrich die Hizbollah in den letzten Jahren dabei wiederholt, dass sie die internationale Grenze keinesfalls als sakrosankt betrachtet.
Seit Ende der 80er Jahre untersteht die Hizbollah dem Diktat der Syrer, den eigentlichen Herren im Libanon. Dabei kam der Miliz das syrische Interesse an einer latenten Destabilisierung Südlibanons zugute. Heute ist die Hizbollah die einzige Miliz von Bedeutung, die ihre Waffen noch nicht abgeben musste, hat Syrien die libanesische Regierung bis jetzt doch konsequent daran gehindert, gegen die Hizbollah vorzugehen. In den letzten zehn Jahren haben Hizbollah-Leute tausende von Katyusha-Raketen auf Ziele in der inzwischen aufgehobenen «Sicherheitszone», aber auch gegen Nord-Israel abgefeuert, und in besonders aktiven Jahren wurden hunderte von Angriffen gegen israelische Truppen und Stellungen bzw. die mit Israel verbündete «Südlibanesische Armee» (SLA) verübt. 1995 etwa mussten nicht weniger als 344 derartiger Attacken verzeichnet werden. Im Laufe der Jahre starben hunderte IDF- und SLA-Soldaten und -Offiziere.