Der Protest der Nobelpreisträger
Nobelpreisträger Elie Wiesel, der bekanntlich wegen «anderweitiger Verpflichtungen» an den Feierlichkeiten für den 60. Unabhängigkeitstag des Staates Israel nicht teilnimmt (vgl. tachles 12/08), hat 25 weitere Nobelpreisträger mobilisiert, in einem Brief die «gewaltsame Niederschlagung» des Protestes in Tibet zu verurteilen. Der Brief fordert die chinesische Regierung auf, Zurückhaltung zu üben und die Gespräche mit dem Dalai Lama, dem exilierten Führer der Tibeter und Friedensnobelpreisträger des Jahres 1989, wieder aufzunehmen.
«Wir protestieren gegen die ungerechtfertigte Kampagne», heisst es in dem Brief, «welche die chinesische Regierung gegen unseren Nobelpreis-Kollegen, seine Heiligkeit, den Dalai Lama, führt. Im Gegensatz zu den wiederholten Behauptungen der Chinesen strebt der Dalai Lama keine Abtrennung von China an, sondern religiöse und kulturelle Autonomie. Diese Autonomie ist wesentlich für die Bewahrung des alten tibetanischen Erbes.»
Schlimmste Unruhen seit Jahrzehnten
Seit Wochen versuchen die Chinesen, Berichte über die schlimmsten Unruhen seit Jahrzehnten zu unterdrücken, die Tibet derzeit heimsuchen. Proteste gegen chinesische Verordnungen führten Anfang Monat zu Zusammenstössen in der Hauptstadt Lhasa. Die Chinesen, die Tibet seit 1951 besetzt halten, unterdrückten die Kundgebungen mit roher Gewalt. Für Elie Wiesel ist das Festhalten Chinas an der Souveränität über Tibet «unerklärlich». Er habe den Mitunterzeichnern gegenüber betont, es sei Pflicht, sich in «moralischen Belangen» zu Wort zu melden.
Die jüngsten Unruhen könnten für Peking zu keinem ungünstigeren Moment kommen. Die chinesische Führung hat massiv in die Vorbereitungen für die olympischen Sommerspiele investiert, die weitum als «Gesellenstück» für eine aufstrebende zukünftige Grossmacht und als Quelle des nationalen Stolzes betrachtet werden. Mehr und mehr jedoch scheinen die chinesischen Pläne gefährdet. Jüngste Presseberichte sprechen vermehrt von Chinas Umweltschutzproblemen, die für die Athleten zu einem Gesundheitsrisiko werden könnten. Und je näher die Spiele rücken – die Eröffnung ist für den 8. August vorgesehen –, umso kritischer werden Chinas Aussenpolitik und seine Menschenrechtspraxis unter die Lupe genommen. Im Zentrum steht hier die chinesische Haltung gegenüber den Massenmorden in der sudanesischen Region Darfur. Letzten Monat trat Oscar-Gewinner und Filmproduzent Steven Spielberg von seinem Amt als künstlerischer Berater der olympischen Spiele zurück, weil China nicht gewillt war, stärker gegenüber Sudan aufzutreten. Peking verkauft Sudan militärische Ausrüstung und importiert von dort eine grosse Menge des Erdöls, das es für seine explosionsartig wachsende Wirtschaft braucht.
Noch kein Boykott
Die bereits hörbaren Aufrufe für einen Boykott der Spiele unterstützt Wiesel derzeit noch nicht. «Das wäre meiner Meinung nach die allerletzte Stufe der Sanktionen», erklärte er. «Ein Boykott wäre möglich, wenn die Dinge sich zuspitzen sollten und kein Dialog mit den Repräsentanten des Dalai Lamas zustande kommt.»
Sollte ein Boykott der olympischen Spiele konkrete Formen annehmen – Europa und die USA sind klar dagegen –, würde dies logischerweise den Bemühungen für einen Boykott gegen Israel Auftrieb verleihen, dessen Besetzung palästinensischer Gebiete oft im gleichen Atemzug mit der chinesischen Besetzung von Tibet genannt wird. Für Elie Wiesel dagegen hinkt dieser Vergleich: «China pflegt keinen Dialog mit dem Dalai Lama, während Premierminister Ehud Olmert und Palästinenserpräsident Mahmoud Abbas regelmässig zusammenkommen.»
Ben Harris