Der Not gehorchend...
Zahlreich sind die Erklärungen für Ehud Baraks überraschenden Schritt, vorgezogene Neuwahlen auszuschreiben und damit dem Likud, der den Premierminister gerne gestürzt hätte, einen Strich durch die Rechnung zu machen.
Der am höchsten dekorierte israelische Soldat habe es, wie der «Haaretz» am Mittwoch schreibt, als Akt der Feigheit angesehen, seinen Rücktritt einzureichen, was den Knessetabgeordneten ihren Platz garantiert und das Ganze auf einen Zweikampf mit Sharon um das Amt des Premiers reduziert hätte. Dann hört man, Barak ziehe es vor, gegen Netanyahu anzutreten und nicht gegen Sharon, mit dem ihn fast so etwas wie Freundschaft verbindet. Während die in einem Wahlkampf ausschlachtbaren Vergehen des heutigen Likud-Chefs (vor allem seine Rolle rund um das Massaker von Sabra und Shatilla) Jahrzehnte zurück liegen, sind Netanyahus Fehltritte noch in bester Erinnerung: Die blutigen Folgen der entgegen der Empfehlung von Sicherheitskreisen erfolgten Öffnung des Tunnels unter der Jerusalemer Altstadt oder seine Verwicklung in die Affäre Bar-On-Deri. Am meisten politischen Nutzen aber dürfte Barak (oder wer auch immer von der IAP den Griff nach der Krone wagt) aus der Tatsache ziehen, dass Netanyahus Unterschrift unter dem Abkommen von Wye Plantation steht und dass es Netanyahu war, der den weitaus grössten Teil Hebrons an die Palästinenser abgetreten hat, ohne dass deswegen die Siedler in der Stadt des Patriarchengrabes heute ein ruhiges, sorgenfreies Leben führen könnten. Im Gegenteil.
So schön und überzeugend diese Argumente klingen mögen - sie lassen die rauhe Wirklichkeit ausser Acht: Seit Monaten schon gleicht Ehud Baraks Team einer Fussballmannschaft, die in der Tabelle zwar einen aussichtsreichen Platz einnimmt, den Titel aus eigener Kraft aber nicht mehr erringen kann. Das Team ist auf externe Schützenhilfe angewiesen; im konkreten Fall auf Arafats Bereitschaft zu einem Abkommen, das nicht alle Israelis zum Vorneherein zurückweisen. Angesichts dieser wenig erbaulichen Tatsache und der rapide abbröckelnden Unterstützung in der Knesset (von den partei-internen Querelen ganz zu schweigen) blieb Barak nichts anderes übrig als zu tun, was er tat. Der Not gehorchend, keinesfalls dem eigenen Triebe.