Der Niedergang des osmanischen Sultanats

Von Gundula Madeleine Tegtmeyer, September 22, 2010
Bis heute halten sich in der Türkei hartnäckig Gerüchte und Verschwörungstheorien, die besagen, Atatürk sei ein «dönme», ein sogenannter Kryptojude, gewesen. Sein erklärtes politisches Ziel: die Abschaffung des letzten Kalifats.
ATATÜR Verschwörungstheorien besagen, der Gründer der modernen Türkei sei eigentlich Jude gewesen

Am 29. Oktober 1923 wird die türkische Republik ausgerufen. Erstes Staatsoberhaupt wird Mustafa Kemal Pascha, auch Atatürk, Vater der Türken, genannt. Der Niedergang des Osmanischen Reiches, an dessen Stelle die Republik trat, begann mit dem Ersten Weltkrieg, den das Reich an der Seite der Mittelmächte verlor. Das einst so mächtige Reich geriet unter die Kontrolle der alliierten Siegermächte und Griechenlands. Gegen diese Besatzung bildete sich eine türkische Widerstandsbewegung, angeführt von Atatürk.

Ende der Einheit von Religion und Staat

Der Kemalismus läutete indes das Ende des Sultanats ein. Die osmanischen Sultane gelten als Nachfolger der Abbasiden und somit auch zugleich als Kalifen. Als Sultane (auf Deutsch: «Stärke») verfügten sie über die Regierungsgewalt. Aber ihre Macht und ihr Einfluss reichten über das Irdische hinaus. Der islamische Herrschaftstitel Kalif bedeutet wörtlich Statthalter und bezeichnet die Nachfolge Mohammeds, des Gesandten Allahs. Den Titel trägt in der islamischen Welt somit ein Herrscher, der zugleich das politische wie auch religiöse Oberhaupt verkörpert.
Nur wenige Monate nach seiner Wahl zum Staatspräsidenten gab Atatürk der Türkei am 3. März 1924 eine neue Verfassung und verwandelte das vormals vom Islam geprägte Reich in einen modernen Nationalstaat, in dem Religion und Politik weitgehend getrennt sind. Die Nationalversammlung akzeptierte die Vorlagen des Parlaments sofort. Das Amt des Kalifen wurde mit sofortiger Wirkung abgeschafft. Noch in derselben Nacht wurde Kalif Abdülmecid  II. über die bulgarische Grenze abgeschoben. Innerhalb von 48 Stunden folgten ihm alle Mitglieder des Hauses Osman, benannt nach Osman I., dem Gründer des Osmanischen Reiches. Die sechs neuen Verfassungsprinzipien des Kemalismus lauteten: Nationalismus, Säkularismus, Modernismus, Republikanismus, Populismus und Etatismus.

Atatürk – ein jüdischer Putschist?

Mit seinen modernen Ideen und der Abschaffung des Kalifats machte sich Atatürk nicht nur Freunde. Es regte sich Widerstand in der Bevölkerung. Man suchte nach Erklärungen und Schuldigen. Schnell entstanden Gerüchte, Atatürk sei ein «dönme», ein jüdischer Konvertit. Dazu gesellten sich Verschwörungstheorien, er habe den Kalifen aus Rache gestürzt. Andere, die nicht ganz so weit gehen wollten mit ihren Beschuldigungen, diffamierten ihn, zumindest ein williges Werkzeug von Juden und Freimaurern gewesen zu sein. Woher rühren diese schweren Anschuldigungen, die sich bis heute halten?
Am 19. Mai 1881 wurde Kemal Atatürk unter dem Namen Mustafa in Saloniki, dem heutigen griechischen Thessaloniki, als Sohn des Leutnants Ali Riza Efendi und Zübeyde Hanim geboren. In seinem Heimatort Saloniki hatte Sabbatai Zwi (1626–1676) gewirkt, der selbsternannte jüdische Messias, der später in seinem Leben zum Islam konvertiert war. Die Erklärungen für seinen Schritt wirken mehr als befremdlich. Sabbatais Übertritt zum Islam begründen seine Anhänger damit, dass die Seele des Messias bis zum Grunde der Sünde hinabsteigen müsse. Nur so habe er die Funken des göttlichen Lichts erlösen können, die dort gefangen seien.
Zwis Anhänger wurden in der Türkei als «dönme» (Konvertiten) bezeichnet und waren Mitglieder einer kabbalistischen Sekte, die von Berechja, einem treuen Schüler des falschen Messias, 1683 gegründet wurde. Im Zuge des Bevölkerungsaustauschs zwischen Griechenland und der Türkei wurden «dönme» als Muslime angesehen und zu den Türken gezählt. Sie mussten Saloniki verlassen. Aufgrund ihrer Zugehörigkeit zur säkularisierten Schicht kommen immer wieder Gerüchte auf, Atatürk sei ebenfalls ein «dönme» gewesen. Zudem seien er und seine Anhänger, die Kemalisten, von Rachegelüsten getrieben gewesen, da Sultan Abdülhamid II. Theodor Herzl Palästina verweigert habe.

Beliebte Anschuldigung

Beschuldigungen und  Denunzierungen von Einzelpersonen oder gar ganzer Familien als «dönme» sind beliebte Agitationsmittel türkischer Antisemiten. Ein prominenter Vertreter ist der Autor und Journalist Mehmet Sevket Eygi. Nach eigenen Bekundungen hält er den unter Atatürk eingeführten Laizismus für einen «historischen Unfall». Der strenggläubige Muslim gehört zum fundamental-islamistischen Lager. Er lehnt jegliche Öffnung oder Veränderung als «bida», als nicht zulässige Erneuerung im Islam, ab und ist der festen Überzeugung, dass die «dönme» die wichtigsten Schaltstellen des Staates unterwandert hätten. Aufgrund seiner radikalen Ansichten und Artikel hat er mehrfach Gefängnisstrafen verbüsst und musste zeitweilig die Türkei verlassen. Mit seinen Ansichten und Hetztiraden steht er in der türkischen Gesellschaft nicht alleine da.
Auch wenn auf muslimischer wie auf jüdischer Seite offizielle Stellen, wie beispielsweise das Oberrabbinat, nicht müde werden, immer wieder das gute und friedvolle Zusammenleben der Muslime und der «Türken mosaischen Glaubens» zu loben, sind längst nicht nur Islamisten für Antisemitismus und Verschwörungstheorien empfänglich, sondern auch die türkische Linke und Nationalisten. Antisemitische Publikationen erleben in der Türkei seit Jahren eine Hochkonjunktur und verfehlen ihre Wirkung in der breiten Bevölkerungsschicht nicht. Eine Umfrage unter Jugendlichen lieferte alarmierende Ergebnissse.

«Kurdisch-jüdische Verschwörung»

Die Verschwörungstheorien können mitunter absurde Formen annehmen, wie etwa die Behauptungen eines jüdisch-kurdischen Komplotts. Er wurde erhoben, als Irak im Frühjahr 2004 eine Übergangsverfassung erhielt, die auch irakischen Juden ein Rückkehrrecht gewährte. Nationalistische sowie islamistische Kreise in der Türkei mutmassten über eine kurdisch-jüdische Verschwörung, um sich Irak anzueignen. Ein Jahr zuvor hatte bereits ein Aufmacher in der auflagenstärksten türkischen Tageszeitung «Hürriyet» behauptet, die Barzanis seien Juden. Molla Mustafa Barzani war von 1946 bis zu seinem Tode Führer der Kurdischen Demokratischen Partei im irakischen Kurdistan. Sein Sohn Masoud Barzani ist der derzeitige  Präsident der förderalen Region Kurdistan-Irak.
Spricht man Rifat N. Bali auf Antisemitismus in der Türkei an, macht er keine grossen Umwege. Antisemitismus zu thematisieren sei, als öffne man die Büchse der Pandora, sagt er. Bali, 1948 in Istanbul geboren, arbeitet als Wissenschaftler und Journalist. In seinen Büchern und Artikeln zeichnet er die Geschichte der Juden vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart nach. Sein Fazit ist düster: Antisemitismus sei das bestgehütete Geheimnis in der Türkei. Der Sorbonne-Absolvent spricht von einer Zwangsassimilation der Juden, die weder zu einer Gleichberechtigung noch zum Verschwinden des Antisemitismus geführt hat. Als Jude in der Türkei ist man gut beraten, sich in der Öffentlichkeit zurückzuhalten oder das hervorragende türkisch-jüdische Verhältnis zu betonen, wenn es einem gut gehen soll.

Strategische Bündnispartner

Aber selbst die Zurückhaltung der türkischen Juden ist offensichtlich keine Garantie für ein friedvolles Zusammenleben, wie die Ereignisse um die Gaza-Flotte zeigen. Ende Mai  2010 startete aus der Türkei eine «Solidaritätsflotte» mit dem erklärten Ziel, die von Israel verhängte Seeblockade des Gazastreifens zu durchbrechen. Beim Kapern des Schiffes «Mavi Marmara» durch israelische Soldaten wurden neun türkische Aktivisten getötet. Die Erstürmung löste international grosse Empörung aus und belastet einmal mehr das türkisch-
israelische Verhältnis. Beide Seiten beschuldigen sich gegenseitig. Untersuchungskommissionen versuchen der Wahrheit näher zu kommen. Ehud Barak hat mittlerweile die politische Verantwortung übernommen.
Es scheint, als hätten radikale Muslime in der Türkei nur darauf gewartet, endlich gegen ihren Verbündeten in der Region demonstrieren zu können. Israelische Fahnen wurden in der Öffentlichkeit zerrissen. Ihre Aggression richtet sich aber nicht nur gegen den Staat Israel, sondern auch nach innen. Experten warnen gar vor einer Antisemitismuswelle in der Türkei.
In den letzten Wochen wiederum geriet die türkische Organisation IHH in die Schusslinie der Kritik. Die Abkürzung steht für «Insani yardim vakfi», was übersetzt  «Stiftung für humanitäre Hilfe» bedeutet. Der Organisation wird vorgeworfen, sie habe Kontakte zur Hamas. Der deutsche Bundesinnenminister Thomas  de Maizière hat bereits reagiert und die IHH in Deutschland verboten, die Geschäftsräume wurden geschlossen. Mai­zières Begründung lautet, IHH stehe der radikal-islamischen Palästinensergruppe Hamas nahe, die das Existenzrecht Israels nicht anerkennt. Eine Unterscheidung zwischen humanitärer Hilfe und terroristischem Vorgehen innerhalb der Hamas gebe es nicht. Die IHH richte sich mit ihrer Unterstützung somit gegen den Gedanken der Völkerverständigung und habe infolgedessen das Recht auf Vereinigungsfreiheit verwirkt. Die IHH kritisierte die Schliessung und behält sich rechtliche Schritte gegen das Verbot vor.