Der Name machte Geschichte
Nicht der Bundesrat, sondern das Parlament beschloss im Dezember 1996 einstimmig die Gründung einer Kommission zur Aufarbeitung der Rolle der Schweiz während der Zeit des Naziregimes und in der Nachkriegszeit. Der Bundesrat war nicht optimal aufgestellt, um in der kurzen Zeit bei der ihm übertragenen Aufgabe alles richtig zu machen. Die internationalen Mitglieder der Kommission boten kaum Grund zu Kritik. Aber der designierte Präsident schien aus beruflichen Gründen vielleicht angreifbar zu werden und musste absagen. So fragte Innennministerin Ruth Dreifuss den Geschichtsprofessor Jean-François Bergier an, Inhaber des französischsprachigen Lehrstuhls für Geschichte an der ETH Zürich.
Durch und durch Historiker
Jean-François Bergier mit seiner nonchalanaten Eleganz, seiner Tabakpfeife und seiner verbindlichen, immer höflichen Art hätte jederzeit mit einem Professor einer englischen Universität verwechselt werden können. Nie wurde er ausfällig, wenn er hart kritisiert wurde. Immer wahrte er die Contenance. Aber auf die Frage, ob er das Mandat nochmals annehmen würde, blieb er mir beim zehnten Jahresrtag seit der Kommissionsgründung die Antwort schuldig. Einer der bleibenden Verdienste des ETH-Historikers Jean-François Bergier ist die Mithilfe bei der Institutionalisierung des Archivs für Zeitgeschichte an der ETH Zürich. Ironischerweise bietet es, auch dank des Vereins, der es trägt, eine sichere Bleibe für spätere «Bergier-Themen», wie die Verfolgung und Flucht der Juden oder die Geschichte von Schweizer Firmen. Aber von Zeitgeschichte verstand Bergier vergleichsweise wenig. Sein Spezialgebiet war die Wirtschaftsgeschichte längst vergangener Jahrhunderte mit Schwerpunkt Alpen. Dennoch nahm er das Mandat an.
«Er sagte selbst, dass er sich bei seiner Nomination zunächst aus der Tagespresse mit den historischen Fragen vertraut machen musste», erinnert sich Georg Kreis, einer der drei Schweizer Geschichtsprofessoren in der Unabhängigen Expertenkommission Schweiz Zweiter Weltkrieg (UEK). «Bergier war durch und durch Historiker, aber Zeithistoriker war er nicht.» Ausgangspunkt, so Kreis, sei wohl gewesen, dass Bergiers Vater, ein Pfarrer, für eine grosszügigere Flüchtlingspolitik eingetreten war.
Ein breiter Horizont
Seine internationale Kommission und die 100 Mitarbeitenden waren nicht immer glücklich mit ihrem Präsidenten; viele warfen ihm vor, er wolle der Obrigkeit nicht wehtun. Allerdings beschützte er seine Leute, mit tatkräftiger Unterstützung durch Ruth Dreifuss, nach aussen vor den rabiaten Angriffen von rechts. Und er liess sie weitgehend arbeiten. Kreis sagte: «Als Patron eines grossen Teams musste er seinen Kopf hinhalten für Befunde und für einzelne Formulierungen, bei denen es ihm selbst nicht wohl war.»
«Er war in der Kommission um Harmonie und nach aussen geschickt um ihren Schutz bemüht, auch wenn die Kommission seinen Intentionen entglitt», sagt Jacques Picard, auch er ehemaliges Kommissionsmitglied. « Wir verlieren mit Jean-François Bergier einen freundlichen Kollegen und einen in weiten Zeiten und Räumen denkenden Historiker, der sich Zeit seines Lebens für ein vielfältiges Spektrum der mittelalterlichen und neuzeitlichen Geschichtsforschung engagierte.» Auch Kreis erinnert sich an einen «sehr umgänglichen, gute Formen pflegenden Monsieur. Er konnte aber auch sehr störrisch sein und sich dann und wann Einsichten verweigern.» Er sei ein konservativer Liberaler gewesen.
Bergier sei «ein Historiker mit breitem Horizont» gewesen, der sich, inspiriert durch die französischen Historiker der Annales, «mit Strukturen langer Dauer und mit mentalitätsgeschichtlichen Fragestellungen befasste», erklärt Jakob Tanner, der ebenfalls zur Kommission gehörte. «Gerade seine relative Distanz zum Thema hat es ihm ermöglicht, eine konzeptionell und personell heterogene Kommission nach aussen zu vertreten», sagt Tanner. «Dank seines unaufgeregten Habitus konnte er mit der Kritik, mit der die nationalkonservative Rechte die Kommission unentwegt eindeckte, produktiv umgehen. Nach innen überzeugte er weniger durch seine Managerqualitäten; auch hier war es vor allem seine Rolle als Mediator, die ihn zu einem Glücksfall für die UEK machte. Jean-François Bergier strahlte eine weltzugewandte Grosszügigkeit aus, die sich wohltuend von der nationalistischen Verbissenheit seiner Kritiker abhob.»
Vergessener «Bergier-Bericht»
Die UEK, auch Bergier-Kommission genannt, schloss termingerecht am 19. Dezember 2001 ihre Arbeit ab und löste sich auf. Am 22. März 2002 wurden der Schlussbericht und die letzten sieben von 25 Studien und Beiträgen zur Forschung der Öffentlichkeit vorgestellt. Doch da hatte der Bundesrat sein Interesse daran längst verloren. Die Homepage der UEK blieb allerdings unter der Regie der Bundeskanzlei bis heute bestehen. Aber sonst verschwand der «Bergier-Bericht» in der Versenkung. «Schmerzlich war», so Picard, «dass der Bundesrat sich um die Ergebnisse der Kommission letztlich foutierte.»
Bergier hat selber stets betont, er habe durch die Arbeit seiner Leute Einsichten in eine Zeit gewonnen, die ihm nicht vertraut gewesen war. «Am Ende der Kommissionsarbeit hat er sein Bild der Schweiz erheblich revidiert und erkennen müssen, dass angesichts der zeitgeschichtlichen Umstände auch seine eigene Rolle bedingt und begrenzt gewesen ist», sagt Jacques Picard. Und Georg Kreis zieht die Erkenntnis noch weiter: «Bergier hat in seiner Funktion alles in allem viel hinzugelernt. Es wäre zu wünschen gewesen, noch mehr Schweizerinnen und Schweizer hätten es ihm gleichgetan.»