Der Meister mit den Scherenhänden
Vidal Sassoons aussergewöhnliches Leben ist das eines jüdischen Jungen, der in armen Verhältnissen in London aufwuchs, Friseur wurde, die Haarmode revolutionierte, seinen Namen zu einer erfolgreichen Marke in der Haarpflegeindustrie machte und heute, mit 83 Jahren, als lebende Legende und eine der prägenden Figuren seines Metiers gilt. Diese und andere Aspekte seiner Biografie beleuchtet ein Film über Vidal Sassoon, der im Februar in New York Premiere hatte.
Seinen Durchbruch feierte Vidal Sassoon Mitte der sechziger Jahre in der Londoner Bond Street und in New York, als er in der Madison Avenue einen Friseursalon eröffnete. Von dort eroberte er Amerika und bald darauf die Welt im Sturm. Er setzte Trends, schuf eine lukrative Marke der Haarpflege-Industrie, trat im Fernsehen auf und als Autor hervor, als er mit seiner damaligen Frau Beverly in den siebziger Jahren den Schönheitsratgeber «A Year of Beauty and Health» verfasste. In den achtziger Jahren befand Sassoon sich auf dem Gipfel seines Erfolges.
Möglich wurde sein Erfolg, weil er zur richtigen Zeit mit der richtigen Idee zur Stelle war: Sassoon – und darin liegt der Schlüssel seines Erfolges – erkannte während der «Swinging Sixties», dass die Zeit reif war für einen Gegenentwurf zum vorherrschenden Frauenbild. Geometrische Formen und strenge Schnitte wie der «Bob», der Pagenkopf, lösten die bis dato vorherrschende Haarmode ab, deren Vorbild das betont weibliche Schönheitsideal der Nachkriegsära gewesen war: die akkuraten Hochsteckfrisuren der Hitchcock-Heroinen und der aufgetürmte «Bienenkorb». Es waren aufwändige Frisuren, die regelmässige Sitzungen beim Friseur und viel Zeit vor dem heimischen Spiegel erforderten. Dann kam Vidal Sassoon, nahm den Damen Lockenwickler, Haarspray und Toupierkamm ab und verpasste ihnen geradlinige Schnitte und glatte Kurzhaarfrisuren: Waschen, Schneiden – fertig. Mit diesem pflegeleichten und frischen Look trug Sassoon zur Befreiung der Frauen bei. Nicht nur optisch. Einmal in Form gebracht, kam der unkomplizierte Kopfputz wochenlang ohne Salon-Prozedur und Dauerwelle aus. Die Frauen, immer häufiger berufstätig und in Zeitnot, konnten sich mit Föhn und Bürste fortan in Minuten selbst stylen. Mit seiner von der Bauhaus-Bewegung und deren architektonischer Strenge inspirierten androgynen Kunst auf den Köpfen knüpfte Vidal Sassoon zudem an die Ära zwischen den Kriegen an. In den zwanziger und frühen dreissiger Jahren hatten sich viele moderne Frauen als «garçonnes» einen frechen «Bubikopf» schneiden lassen. Es waren jene Jahre, in denen er aufgewachsen war.
Die hohe Kunst des Frisierens
Mittellos, von ihrem Mann verlassen, hatte Vidal Sassoons Mutter sich Anfang der dreissiger Jahre gezwungen gesehen, ihren damals 5-jährigen Sohn in fremde Obhut zu geben. Vidal Sassoon lebte bis zu seinem elften Lebensjahr – und der Wiederverheiratung seiner Mutter – in einem Kinderheim im Londoner East End. Und es war seine Mutter, die ihn später, einer sonderbaren «Intuition» folgend, geradezu beschwor, Friseur zu werden. So fing Sassoon während des Zweiten Weltkriegs bei Alfred Cohen in seinem Londoner Viertel als Lehrling an. Das Handwerk machte Sassoon Freude, er lernte schnell, arbeitete hart. Und erkannte in den Nachkriegsjahren die Marktlücke. Wie kaum ein anderer seiner Kollegen und als einer der ersten überhaupt inszenierte Sassoon das Scheiden und Föhnen als hohe Kunst. Angetrieben von Ehrgeiz und Willen zur Perfektion, nahm Sassoon Sprachunterricht, um seinen Cockney-Slang abzulegen und seine Ausdrucksweise zu verfeinern. Mit seinem Auftreten im Salon – Hemd, Weste und Krawatte – setzte Sassoon sich auch äusserlich von konventionellen Vorstellungen über sein Metier ab. Der feine Meister mit den Scherenhänden erhob das Friseurhandwerk zu einem Kreativberuf, der mit Modedesign und Maskenbildnerei gleichzuziehen vermochte. Der Coiffeur wurde zum Künstler. Aus dem Haarschneider und seiner Kundin machte Sassoon gleichsam einen Bildhauer und seine Skulptur. Hollywood-Stars vertrauten auf seinen Geschmack und sein Geschick. Schauspielerin Mia Farrow machte den «Pixie»-Kurzhaarschnitt modern. Auch andere Filmstars wie Audrey Hepburn und die mit Sassoon befreundete Erfinderin des Minirocks Mary Quant trugen zu des Figaros internationaler Bekanntheit als stilbildender Haardesigner bei. Sassoon expandierte, gründete einen Friseursalon nach dem anderen, eine Friseurschule und machte aus seinem Namen schliesslich eine weltweit bekannte und lukrative Marke, unter der Haarpflegeartikel vom Shampoo bis zum Haartrockner vertrieben werden.
Friseur, Unternehmer, Geadelter
Nun ist das Leben des 83-jährigen Star-Figaros verfilmt worden. Die Leinwand-Hommage an einen der bedeutendsten Hair-Stylisten der Welt und erfolgreichen Unternehmer war im vergangenen Jahr auf dem renommierten New Yorker Tribeca-Festival zu sehen und feierte Mitte Februar Premiere. In und mit diesem Film schliesst sich ein Kreis: Der erfolgreiche Geschäftsmann, der sein von ihm gegründetes Salon-Unternehmen schon vor vielen Jahren an Finanzinvestoren veräussert hat, führt den Zuschauer an die Stätten seiner Kindheit. Die frühen Lebensjahre in seiner Geburtsstadt London waren vom Leben im jüdischen Waisenhaus und dem heraufziehenden Zweiten Weltkrieg überschattet. Der Film führt zu der Synagoge, in der Sassoon als Junge sang, in die Londoner Strassen, in denen er als jüdisches Kind drangsaliert wurde und sich gegen faschistische Schmähungen zur Wehr setzte.
Zu jung, um als Soldat am Zweiten Weltkrieg teilzunehmen, war Sassoon als Jugendlicher in den vierziger Jahren in der antifaschistischen Gruppe 43 aktiv. 1948 reiste er nach Israel, um für dessen Freiheit und Unabhängigkeit zu kämpfen. Diese Reise, so Sassoon auch in seiner Autobiografie, sei eines der einschneidenden Erlebnisse seines Lebens gewesen und der Auftakt für ein anhaltendes Israel-Engagement. Dabei waren sein Ruhm und sein Umgang mit prominenten Zeitgenossen von Vorteil. So rekrutierte er etwa auf Bitten einer jüdischen Organisation in Los Angeles einmal Hollywood-Star Liz Taylor für eine Friedensbotschaft. Seit 1982 trägt ein Institut seinen Namen: Vor knapp 30 Jahren wurde das Vidal Sassoon International Center for the Study of Antisemitism als ein interdisziplinäres Forschungszentrum an der Hebrew University in Jerusalem ins Leben gerufen. Es widmet sich der Erforschung des Antisemitismus, insbesondere den Beziehungen zwischen Juden und Nichtjuden in Zeiten von Spannungen und Krisen.
2009 verlieh die britische Königin Elizabeth II. Sassoon im Buckingham Palace den Titel eines Commander of the Order of the British Empire. Der erfolgreiche Selfmademan, der die harten Zeiten in seinem Leben nicht vergessen hat, gab sich danach unverändert bodenständig. Er habe, so Sassoon in einem Interview nach der ehrenvollen Zeremonie, in den über sechs Jahrzehnten seiner Karriere viele Stars frisiert. Doch ein «working girl», das den Salon betreten und sich das Geld für den Haarschnitt zusammengespart habe, habe er «immer behandelt wie eine Prinzessin».
(www.vidalsassoonthemovie.com)