Der Martin Luther des Islam
Abdolkarim Soroush, Jahrgang 1945, genoss vor der iranischen Revolution religiöse Erziehung und Bildung. Die klassischen Disziplinen der schiitischen Theologie und der islamischen Philosophie hat er bei Schriftgelehrten und engen Vertrauten Ayatollah Khomeinis wie Ayatollah Motahari studiert. Als promovierter Chemiker und Philosoph in London und Oxford gehört Soroush zu den wenigen grossen muslimischen Denkern, die akademische Spitzenqualifikationen in modernen Natur- und Geisteswissenschaften haben. In London wurde Soroush insbesondere mit den Werken von Popper, Hegel und Kant vertraut, die ihn sehr beeinflussten. Soroush ist ebenfalls bestens mit den Lehren des mittelalterlichen islamischen Theologen al-Ghazali, des Mystikers Maulana Rumi und nicht zuletzt denen des grossen schiitischen Denkers Mullah Sadra, der 1640 gestorben ist, vertraut.
Das Verständnis der Religion ist fehlbar
Soroush hatte anfangs eine ideologisch-religiöse Affinität zur Geistlichkeit und verteidigte nach der Revolution 1979 an der Seite von radikalen Ayatollahs die islamische Ideologie gegen die Linken und Marxisten. Ayatollah Khomeini berief ihn 1980 zum Mitglied des Rates der sogenannten Kulturrevolution, der in Wahrheit die Aufgabe hatte, die Universitäten von Andersdenkenden zu säubern und die Geisteswissenschaft zu islamisieren. 1983 distanzierte er sich von der «Kulturrevolution» und stieg aus. Der Philosophieprofessor übte nun heftige Kritik am klerikalen Establishment. 1990 veröffentlichte Soroush das Buch «Die theoretische Kontraktion und Expansion der Religion», das ihn zum bedeutendsten Theoretiker des schiitisch-islamischen Modernismus machte. Wesentlich für dieses Buch ist die Unterscheidung zwischen der Religion an sich und dem Wissen über die Religion. Für Soroush ist erstere die offenbarte und somit unwandelbare, vollkommene Religion. Das Wissen über die Religion jedoch entspringt der Tradition und widerspiegelt Meinungen und Interpretationen, die einander widersprechen und sich wandeln können. Dies gilt sowohl für die islamische Rechtssprechung als auch für die Theologie, die Koran-Exegese und Hermeneutik sowie für Ethik und Moral. Immer wieder betont Soroush: «Die Religion ist Gottes Offenbarung, doch die Erkenntnis und das Verständnis der Religion sind menschlich, somit fehlbar und der Unvollständigkeit und Unheiligkeit unterworfen.»
Für Soroush zerfällt der schiitische Islam also in zwei Teile: den sogenannten «Fiqh-Islam», benannt nach dem islamischen Recht, und den philosophischen Islam. Wo der «Fiqh-Islam» Nachahmung und Gehorsam fordert, basiert der philosophische Islam auf Zweifel, Kritik und Forschung. Gegen den «Fiqh-Islam», dessen Träger der Klerus ist, komme dem philosophischen Islam die Rolle zu, die Gläubigen zur Mündigkeit zu erziehen. Die wichtigste Aufgabe der Philosophie, so Soroush, sei die Versöhnung von Vernunft und Offenbarung. In seinem 1999 auf Persisch erschienenen Buch «Die Expansion der prophetischen Erfahrung», das in diesem Jahr auf Englisch herauskommen soll, geht Soroush sogar einen Schritt weiter. Hatte er zuvor das Wissen über die Religion als menschlich-historisch bezeichnet, schreibt er diese Eigenschaften nun der koranischen Offenbarung selbst zu. In dem Radio-Interview, das anlässlich der bevorstehenden englischen Ausgabe geführt wurde, sagte er: «In säkularen, menschlich-gemeinschaftlichen Belangen kann sich die Offenbarung sogar irren. Was der Koran über historische Ereignisse, andere Religionen und praktische Dinge des Diesseits aussagt, muss nicht zwingend korrekt sein.»
Der Tabubrecher
Die mutigsten muslimischen Reformdenker wie Nasr Hamid Abu Zaid und Mohammad Arkoun haben bisher lediglich eine historisch orientierte Koranauslegung gefordert. Soroush bricht nun das grösste Tabu der islamischen Koranexegese: «Der Koran ist menschliche Schöpfung und potenziell fehlbar.» Teheran reagierte schnell. Soroush säge an der Wurzel der Prophetie und Offenbarung, sagte ein einflussreicher Ayatollah der grossen Madrasa in Qom, Nouri Hamedani; seine Aussagen seien schlimmer als die «Satanischen Verse» von Salman Rushdie. «Sollten sie aus schlechtem Glauben herrühren, ist es klar, welche Pflicht die Muslime haben.» Inzwischen haben sich mehrere angesehene Geistliche zu Wort gemeldet, die nahezu allesamt Soroush heftig, aber überwiegend sachlich kritisieren.
Soroush lehrt seit Jahren an renommierten europäischen und amerikanischen Universitäten als Gastprofessor. Iran besucht er gelegentlich, lehren darf er dort nicht. Soroush ist, ungeachtet der Kritik an ihm, gegenwärtig der prominenteste zeitgenössische schiitische Reformdenker. Seine Unterstützer und Kritiker nennen ihn «Martin Luther des Islam». Seine neue Offensive, die nun durch die Übersetzung international zugänglich wird, dürfte dem gesamten islamischen Diskurs neue Impulse geben. Soroush hat bisher in seinem langen Dialog mit dem Klerus wenig Vorsicht walten lassen. Er steht jedoch mit seiner Kritik nicht ganz alleine da. Er gilt als Vater des modernen Reformdenkens in Iran und hat viele Schüler herangezogen. Soroush nähert sich allmählich dem Spruch des frühislamischen Mystikers Mansur al-Halladsch: «Ich sah meinen Herrn mit den Augen meines Herzens. Ich sprach: Wer bist du? Er sagte: Ich bin Du!» Halladsch wurde 922 n. d. Z. hingerichtet. Ob Soroush das Schicksal eines Salman Rushdie teilen wird, bleibt abzuwarten.
Behrouz Khosrozadeh