Der Mann mit vielen Eigenschaften
Tom Segev hat sich Simon Wiesenthal mit offensichtlicher Ambivalenz genähert – mit der gesunden Skepsis und dem Recherchiertalent des Journalisten und der Akribie des Historikers, der Daten und Fakten im geschichtlichen Kontext einzuordnen versteht. Diese Woche ist das dicke Buch mit dem ultimativen Titel «Simon Wiesenthal. Die Biographie» in mehreren Sprachen erschienen, und schon verleitet die Figur des vor fünf Jahren in Wien Verstorbenen zu Interpretationen, die weit über die Tatsachen hinausgehen. Sein Dokumentationszentrum wurde vom israelischen Geheimdienst Mossad bezahlt – ja und? Er war trotzdem kein Spion, er brauchte Geld für sein Dokumentationszentrum, und er belieferte Israel über die Botschafter in Wien mit wertvollen Informationen über Naziverbrecher. Segev beschreibt die lebenslangen Loyalitäten des heimatlosen österreichischen Patrioten gegenüber den USA und vor allem Israel.
Die Biografie ist so gut geschrieben, dass sie sich trotz ihrer Fülle wie ein Roman liest. Einige krasse Fehler in den Vorausexemplaren sind hoffentlich korrigiert worden, beispielsweise die phonetische Übersetzung aus dem Hebräischen des Namens «Elan Dallas», hinter dem sich der CIA-Chef Allen Dulles verbirgt, in Bern während des Zweiten Weltkriegs sehr bekannt.
Segev hatte Zugang zu unveröffentlichtem Material und konnte Dokumente abgleichen. Er stellt Wiesenthal nicht als die übermenschliche Ikone dar, als die er bei vielen gilt. Er spricht nicht von seinem Leben, sondern von seinem Drama. Es liege «in einigen hundert Aktenordnen verborgen, die gut und gerne 300 000 Blatt Papier umfassen». Wiesenthal schrieb in seinen 60 Jahren als Nazijäger eine Unzahl Briefe. Der Mann, der von mehreren US-Präsidenten ins Weisse Haus eingeladen wurde und seinen Ruhm sehr genoss, sei ein «Romantiker wie Don Quichotte mit dem Image eines James Bond und einem überlebensgrossen Ego, einer Neigung zu Fantastereien und einer unbändigen Schwäche für anzügliche, auf Jiddisch erzählte Witze» gewesen, aber «zugleich auch ein überaus mutiger Mann, der eine Reihe atemberaubender Aktionen initiierte». Und zwar auf sich allein gestellt.
Schuldgefühl des Überlebenden Wiesenthal, so Segev, entfachte die Fantasie der Menschen, «faszinierte sie, fesselte und beängstigte sie, belastete ihr Gewissen und verlieh ihnen einen tröstlichen Glauben an das Gute». Er, der dafür sorgte, dass kein Naziverbrecher ruhig schlafen konnte, habe unter Alpträumen gelitten und sei nicht immer freundlich gewesen. Ihn traf, fand Segev heraus, trotz aller Bemühungen von Bundeskanzler Bruno Kreisky, der ihm vorwarf, mit den Nazis kollaboriert zu haben, keine Schuld. Aber er habe sein ganzes langes Leben unter dem Schuldgefühl der Überlebenden gelitten, überlebt zu haben.
Wiesenthal stammte aus Galizien, studierte in Prag Architektur und durchlitt das Schicksal so vieler mitteleuropäischer Juden. Ghetto, Arbeitslager, Konzentrationslager. 1945 wurde er als lebendes Skelett in Mauthausen von den Amerikanern befreit und strandete in Linz. Wie durch ein Wunder fand er seine totgeglaubte Ehefrau Cyla wieder und konnte sie nach Linz bringen lassen. Und sofort startete er seine Recherchen. Er fragte Flüchtlinge nach den Namen ihrer Peiniger, er versuchte herauszufinden, wo diese sich jetzt aufhielten. Schon damals begann, was Wiesenthal seine Leidenschaft nannte: Die Suche nach Adolf Eichmann.
Bereits 1948 hätte er ihn fast geschnappt. Wiesenthal fand heraus, dass Frau und Kinder von Eichmann in Altaussee lebten und der gesuchte Naziverbrecher sie über Neujahr besuchen wollte. Die Gemeindepolizei war einverstanden, Eichmann zu verhaften, doch ein junger Jude, den Wiesenthal mitgenommen hatte, wollte während der Festtage den jungen Lokalschönheiten imponieren und plauderte in der Wirtsstube zu viel aus. Eichmann wurde gewarnt und erschien nicht.
Eichmanns Entführung
Viele Legenden ranken sich um die Entführung Eichmanns durch Mossad-Agenten nach Israel. Schon 1953 fand Wiesenthal heraus, dass er in Argentinien lebte. Er meldete es den Israeli, die CIA erhielt seinen Bericht, und er informierte Nahum Goldmann, Präsident des Jüdischen Weltkongresses. Doch sein Rapport landete in den Akten. Die Amerikaner konnten kein Deutsch, die Israeli wollten sich nicht mit dem Holocaust befassen und hatten andere Prioritäten, und Goldmann verschlampte den Zugriff, was ihm Wiesenthal nie verzieh. So dauerte es nochmals sieben Jahre, bis sich Wiesenthals Herzenswunsch erfüllte, doch der Erfolg hatte dann plötzlich viele Väter.
Doch die Welt feierte den Nazijäger aus Linz, der mittlerweile in Wien lebte und dort – wie auch in Linz - Titanenkämpfe mit der Israelitischen Kultusgemeinde ausfocht. Segev nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn er die Borniertheit und Ignoranz von jüdischen und nicht jüdischen Politikern auf beiden Seiten des Atlantiks beschreibt.
Trotz seines Ruhmes, seiner Bücher, die Bestseller wurden, und vieler Ehrungen erlitt der Nazijäger auch viele Niederlagen. Oft wurden dank seinen präzisen Angaben Nazischergen jeglichen Kalibers gefunden und vor Gericht gestellt, doch es gab Freisprüche, vorzeitige Entlassungen, oft kam es gar nicht zur Verhandlung. Bestürzt über die Proteste junger Leute, die behaupteten, das Tagebuch der Anne Frank sei eine Fälschung und sie habe nie existiert (passierte kürzlich auch in der Schweiz), suchte Wiesenthal als lebenden Beweis den Nazipolizisten, der in Amsterdam die Familie Frank verhaftet hatte. Er fand ihn – als Inspektor bei der Wiener Polizei. Doch der Justizminister wollte nichts unternehmen, und Karl Silberbauer blieb unbehelligt. Dennoch gelang es Wiesenthal, grosse Fische zu fangen, wie den «Schlächter von Wilna». Seine letzte Information leitete er noch vor seinem 90. Geburtstag an die Zentralstelle für die Verfolgung der Naziverbrechen in Ludwigsburg weiter, und ein SS-Mann namens Julius Viel, der für seine Wanderführer sogar das Bundesverdienstkreuz erhalten hatte, wurde verhaftet und verurteilt, starb aber wenige Monate später.
Image-Schaden wegen Waldheim
Einen riesigen Fleck im Reinheft fing Simon Wiesenthal in der Affäre Waldheim ein. Er glaubte dem ehemaligen Uno-Generalskeretär, der für das österreichische Bundespräsidium kandidierte, was auch Akten sagten: Er sei wegen einer Verwundung ab 1941 kein aktiver Soldat und kein Nazi gewesen. Doch bald genug wusste Wiesenthal dank der vollständigen Personalakte, dass Waldheim, der ihn immer wieder unterstützt hatte, log. Aber er leitete diese Kenntnis nicht weiter. So konnte der Jüdische Weltkongress, der, wie Segev richtig feststellt, zwar keine historischen Kenntnisse besass, aber ein neues Thema benötigte, um Spenden zu generieren, Waldheim enttarnen und auf die schwarze Liste der USA setzen lassen. In der Schweiz erregte Aufsehen, dass Waldheim in seiner dünnen Dissertation geschrieben hatte, auch die Schweiz sollte heim ins Reich finden. Für Wiesenthal war dies ein riesiger Image-Schaden, und seine Ausrede, er verfolge Verbrecher, nicht Lügner, half nicht.
2003 starb Cyla mit 95 Jahren. Wiesenthal ging nun nicht mehr in sein Büro. Die Queen schickte ihm ihren Wiener Botschafter mit der Ernennung zum Ritter des britischen Imperiums. Und der österreichische Präsident Heinz Fischer, der während der Angriffe durch Kreisky eine unrühmliche Rolle gespielt hatte, kam zu Wiesenthal nach Hause, um ihm den höchsten Orden zu verleihen. «Schejn», sagte Wiesenthal nur und liess den Präsidenten stehen. – Nicht lange nach der Gründung des Staates Israel hatte Simon Wiesenthal einen gläsernen Sarg mit sterblichen Überresten von Holocaust-Opfern nach Israel gebracht, wo er feierlich beigesetzt wurde. Er selber wurde vor fünf Jahren ebenfalls in Israel begraben, wo seine Tochter und die Enkel leben.
Tom Segev: Simon Wiesenthal. Die Biographie. Siedler Verlag, München 2010.