Der Mann mit den Koffern
Von Wilfried Weinke
Die Umgebung ist alles andere als anheimelnd, ein neonbeleuchteter Magazinraum, leere Metallregale, Umzugskartons, jede Menge Koffer. Dem pelzbemützten, wohlgekleideten Mann im Vordergrund scheint die Umgebung egal zu sein. Er blickt zufrieden, die geöffneten oder verschlossenen Koffer, vor denen er steht, scheinen am Ziel zu sein. Offensichtlich kommen sie von Übersee, sie tragen noch die Label der Flug- beziehungsweise Zollabfertigung. Allein die Sneakers des ansonsten korrekt gekleideten Herrn verraten vielleicht, dass auch er von Übersee kommt.
Den emeritierten amerikanischen Professor John M. Spalek als «Mann mit Koffern» zu bezeichnen, mag despektierlich klingen, beschreibt aber doch ziemlich genau, auf welchem Weg die von ihm gehobenen Schätze in die Deutsche Nationalbibliothek in Frankfurt am Main gelangen. Für seine von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderte Exilforschung stellte Spalek sich der Aufgabe, Nachlässe emigrierter deutschsprachiger Wissenschaftler, Schriftsteller, Publizisten und Künstler nach Deutschland zu vermitteln. Hatte er ursprünglich gedacht, diese Arbeit in zwei bis drei Jahren ableisten zu können, umfasst sie mittlerweile doch mehr als 30 Jahre. Sehr zur Freude der Archivarinnen des Deutschen Exilarchivs der Deutschen Bibliothek, in deren Räumen John Spalek ein gern gesehener Gast ist – verdankt das Archiv ihm doch eine Vielzahl herausragender Nachlässe, etwa jene der Schriftsteller Iwan Heilbut und Soma Morgenstern, des Kinderbuchautors Wilhelm Speyer oder von Henry Marx, des einstigen Chefredakteurs des aufbau. Dass das Archiv der Redaktion des New Yorker aufbau ebenfalls nach Frankfurt gelangte, zählt ebenso zu den Verdiensten John Spaleks. Durch seine Findigkeit, seine Überzeugungskraft, seinen ungebrochenen Elan kamen so bislang 76 Nachlässe nach Frankfurt. Eine gar nicht hoch genug zu würdigende Tätigkeit im Dienste der Exilforschung, die unwiederbringliche Dokumente, Fotos, Manuskripte und Bücher vor Vernachlässigung oder endgültiger Vernichtung bewahrt.
Faszination Exilliteratur
John M. Spalek allein auf Koffer und die erfolgreiche Akquise wichtiger wie wertvoller Nachlässe deutscher Emigranten reduzieren zu wollen, wäre eine unzulässige Verkürzung. Denn die wissenschaftliche Tätigkeit des amerikanischen Germanisten und Exilforschers ist wahrlich umfassend.
Der 1928 in Polen geborene und 1949 in die USA ausgewanderte Spalek begann seine wissenschaftliche Laufbahn als Germanist an der University of California. Schon früh packte ihn das Interesse an der Exilforschung. Ursprünglich am Expressionismus und dessen Dramen interessiert, konzentrierte sich Spaleks Forschertätigkeit und Sammelleidenschaft auf den Schriftsteller Ernst Toller (1893–1939). Nach einigen Aufsätzen folgte 1968 die erste Toller-Bibliografie, zehn Jahre später gemeinsam mit Wolfgang Frühwald die He-rausgabe der fünfbändigen Werkausgabe. In einem Interview mit dem aufbau im März 1998 bekannte John Spalek rückblickend: «Ich folgte Ernst Toller ins Exil.»
John Spalek zählte zu den Mitbegründern der amerikanischen Gesellschaft für Exilforschung und wurde zu ihrem Präsidenten gewählt. Zusammen mit Joseph Strelka gab er mehrere Standardwerke zur deutschsprachigen Exilliteratur in den USA heraus. Jeweils zwei Bände widmen sich dem Exil in Kalifornien sowie in New York. Die Kalifornien-Bände befassen sich unter anderem mit Thomas Mann, Lion Feuchtwanger und Bertolt Brecht, natürlich aber auch mit Autoren, die in Hollywood für den Film arbeiteten. Die New-York-Bände warten mit zahlreichen Por-träts von Emigranten auf, war die Metropole am Hudson doch ein wichtiges Zentrum des Exils. Drei weitere Teilbände präsentieren auf mehr als 2000 Seiten über 200 Biografien zu deutschsprachigen Schriftstellern, Publizisten und Literaturwissenschaftlern. Gemeinsam mit seiner Kollegin Sandra H. Hawrylchak hat John Spalek zudem ein mehrbändiges «Verzeichnis der Quellen und Materialien der deutschsprachigen Emigration in den USA» erarbeitet.
Zu diesen komplexen Darstellungen gesellen sich fünf weitere Bände, in denen sich über 100 Autoren auf fast 3000 Seiten in weiteren Einzelporträts oder thematischen Aufsätzen mit der deutschsprachigen Exilliteratur seit 1933 in den USA beschäftigen. Da werden Philosophen wie Ernst Bloch, Publizisten wie Alfred Kantorowicz oder Leopold Schwarzschild ebenso gewürdigt wie das Kinderbuchautoren-Ehepaar H. A. und Margret Rey oder der Satiriker und bildende Künstler George Grosz. Auch die thematischen Beiträge, die sich deutschsprachigen Verlegern, der American Guild for German Cultural Freedom, dem Exil-Kabarett oder deutschsprachigen Buchillustratoren widmen, unterstreichen neben der Unterschiedlichkeit der «Schicksale» der Emigranten die Vielschichtigkeit des Exils in den USA. Dass neben den einstigen Chefredakteuren Manfred George und Henry Marx langjährige Autoren und Kolumnisten des aufbau wie der unvergessene Will Schaber («Angelpunkte der Exilforschung») oder auch Hilde Marx («Die neue Generation»; «Einer von uns») gewürdigt werden, hebt die Bedeutung des aufbau als wichtigstes Organ der Deutsch sprechenden jüdischen und politischen Emigranten in den USA hervor.
Umfassende Bibliografien
Und als würde allein diese editorische Meisterleistung für ein Forscherleben nicht ausreichend sein, hat der notorische Sammler und akribische Forscher wiederum gemeinsam mit seiner Kollegin Sandra Hawrylchak im November 2003 eine vierbändige Lion-Feuchtwanger-Bibliografie fertig gestellt. Die Herausgeber dokumentieren erstmals umfassend Feuchtwangers Schriften, deren Publikationsgeschichte bis in unsere Gegenwart, verzeichnen mit bibliografischer Sorgfalt Feuchtwangers Korrespondenz, erfassen und kommentieren die Sekundärliteratur. Ein Referenzwerk – vorbildlich nicht nur für die unmittelbar interessierte Exilforschung –, das durch das persönliche Engagement von John M. Spalek ermöglicht und realisiert worden ist. Am 28. Juli kann John Spalek an seinem Wohnort in Albany, New York, seinen 80. Geburtstag feiern – es sei denn, er wird gerade mal wieder mit schweren, Papier beladenen Koffern unterwegs sein.