Der lange Abschied – wovon?
Vor 20 Jahren, am 25. Dezember 1991, wurde mit dem Rückritt ihres Präsidenten Michail Gorbatschow und der Entfernung der roten Hammer-und-Sichel-Fahne von der Kremlspitze die UdSSR offiziell zu Grabe getragen. Das Gebilde war in seine Bestandteile – 15 Republiken – zerfallen, von denen sich einige notdürftig zur Gemeinschaft unabhängiger Staaten zusammenschlossen, welche keinen Bestand haben sollte. Die Auflösung der Union der sozialistischen Sowjetrepubliken war spätestens mit dem gescheiterten Putsch gegen Gorbatschow im August 1991 und mit dem Aufstieg Boris Jelzins besiegelt. Die mentale Erosion dessen, was das Sowjetsystem ausmachte, hatte viel früher eingesetzt.
Mit «Glasnost» hatte Gorbatschow seit 1985 unter Einbezug der gebildeten Elite ein neues Denken eingeleitet. Andrei Sacharow wurde aus der Verbannung ins Parlament geholt, auch der Dramatiker Alexander Gelman wurde Deputierter. Das Land sollte die «Stagnation» der Breschnew-Ära überwinden, soziale und wirtschaftliche Fragen sollten angegangen, das Kulturschaffen von den Fesseln der Zensur befreit werden. Die neue Medienfreiheit löste bei der Intelligenzija Euphorie aus: Presse, Radio und Fernsehen wurden für die Konsumenten wie für die Macher interessant, Geächtetes aus Kunst und Literatur wurde ans Licht befördert.
Nach über 20 Jahren Schubladendasein konnte Anatoli Naumowitsch Rybakows dokumentarischer Roman «Die Kinder vom Arbat» über seine eigene Jugend im Moskau der frühen dreissiger Jahre 1987 endlich erscheinen. Erstmals findet sich hier der Antisemitismus als alltägliches Verhaltensmuster. «Von Rechtlosen wurden sie zu Vorgesetzten» beklagt sich ein Modernisierungsverlierer, seinen Protest gegen das neue System in Judenhass ummünzend, wie der Autor kommentiert. Benannt wurde damit ein Kernthema der Juden in der Sowjetunion.
Modernisierung und Emanzipation
Erst mit der bolschewistischen Revolution kamen die jüdischen Untertanen des abgesetzten Zaren in den Genuss von räumlicher Freizügigkeit und sozialer Mobilität. Jetzt durften sie den Ansiedlungsrayon am Westrand des Russländischen Reiches verlassen, der sich von der Ostsee bis ans Schwarze Meer hinzog, und in dessen Städten – Vilnius, Minsk, Witebsk, Lublin, Schitomir, Mahiljou, Cernigov, Winniza, Chisinau oder Odessa – einige von ihnen zwar das Wirtschaftsleben zu einem grossen Teil bestimmten, die Mehrzahl jedoch ein bescheidenes Stetl-Dasein führte. Im Zuge der neuen Elitebildung nach der Auflösung des alten Klassensystems und der Emigration und Vertreibung des Grossbürgertums wurden die Juden gezielt
gefördert. Viele engagierten sich mit Enthusiasmus in dem grossen Projekt von Modernisierung und Emanzipation, das auch andere Bevölkerungsteile, insbesondere die Frauen, einbezog.
Dan Diner, Zeithistoriker und Leiter des Simon-Dubnow-Instituts in Leipzig, spricht von einem Prozess der Transformation von Herkunft in soziale Kompetenz, wenn er «die überproportionale Präsenz von Juden in herausragenden Bereichen des neuen Regimes» erklärt. «Den Juden Russlands» – so schreibt er 2006 im Vorwort zu der deutschen Ausgabe von Yuri Slezkines «Das jüdische Jahrhundert» – «kam unter sowjetischen Vorzeichen zwar ihr Judentum abhanden; dafür erklommen sie dank ihrer habituell bedingten Sekundärtugenden die Stufenleiter der sozialen Hierarchie. Sie waren zur sowjetischsten aller sowjetischen Bevölkerungen geworden – jedenfalls vorübergehend.» Jetzt zählten die «der bürgerlichen Welt affinen Fähigkeiten wie Wissensdrang, soziale Kommunikation, horizontale wie vertikale Mobilität, Urbanität und industrielle Organisationsfähigkeit».
Loyalität und Willkür
Was Antisemiten in Ost und West heute wieder vermehrt geltend machen, nämlich dass Juden auch im Repressionsapparat des totalitären Sowjetstaates aktiv gewesen seien und Mitschuld am Unglück des Landes trügen, lässt sich nicht ganz von der Hand weisen, basiert aber auf der fatalen Optik, Akteure auf ihre ethnische Zugehörigkeit zu reduzieren und ihr Tun der Herkunftsgruppe als ganzer anzulasten. Zu erkennen, dass die eigenen Vorfahren am Aufbau des Terrorsystems mitwirkten, fiel der Intelligenz der Sowjetunion und ihrer Nachfolgestaaten lange schwer. Die 1988 gegründete Vereinigung Memorial, die sich unter anderem um die Rehabilitation von Stalin-Opfern kümmert, hat in ihrem Gremium mit Irina Scherbakowa eine Historikerin, die mittels Interviews auch dieses Thema beleuchtet. Die Vermischung der Opfer- und der Täter-Rollen, die Stalinverehrung selbst nach erlittenem Unrecht, der Verrat an eigenen Angehörigen – sie bilden eine Hypothek, von der in vielen Familien eine Ahnung bestand, die aber totgeschwiegen wurde.
Die Zugehörigkeit zu beruflichen und politischen Kadern im neuen System war prekär und konnte unter Stalins Willkürherrschaft jederzeit gegen eine völlige Entrechtung vertauscht werden. Selbst der Oberste Kommandant der Roten Armee, Leo Trotzki (Bronstein), wurde bald Opfer einer eliminatorischen Kampagne, die in den Terrorjahren 1937/38 ihren Gipfel erreichte.
Allen Kränkungen zum Trotz – der Hitler-Stalin-Pakt 1939 war eine besonders irritierende – blieben die meisten gebildeten Juden Sowjetpatrioten. Als während des Krieges auf Anweisung der KPdSU das Antifaschistische Jüdische Komitee (JAK) ins Leben gerufen wurde, um Mittel für die militärische Ausrüstung zu beschaffen, setzten sich die prominenten Mitglieder des vom Schauspieler Solomon Michoels geleiteten Gremiums auf ihrer Propagandatour durch Amerika mit grossem Erfolg für die Sache ein. Es war ihr Land, das den deutschen Attacken ausgesetzt war, das Land, das sie von Anbeginn mit gestaltet hatten.
Die Inszenierung eines erneuten Bürgerkrieges durch Stalin, nachdem das Land gerade unter riesigen menschlichen Opfern den Zweiten Weltkrieg – Schauplatz war hauptsächlich der ehemalige Ansiedlungsrayon – für sich entschieden hatte, war ein Affront gegen die Juden. Das JAK fiel ihm im März 1952 durch die Liquidation seiner besten Köpfe zum Opfer, Stalin bezichtigte seit der Gründung des Staates Israel 1948 seine jüdischen Untertanen der mangelnden Loyalität zum Sowjetstaat. Nur der Tod des paranoiden Herrschers am 5. März 1953 bewahrte die unter Verdacht geratenen Kreml-Ärzte und die ins Visier genommenen «Kosmopoliten» vor der physischen Vernichtung. Bereits aus dem Kultur- und Wissenschaftsbetrieb verdrängt worden waren zahlreiche jüdische Protagonisten.
Kristallisationspunkt Menschenrechte
Nachdem Nikita Chruschtschow am 20. Parteitag der KPdSU den Personenkult um Stalin scharf kritisiert und dessen Verbrechen benannt hatte, versprach die als «Tauwetter» in die Geschichte eingegangene Politik eine Lockerung des Systems. Die Niederschlagung des Ungarnaufstandes machte diese Hoffnungen zunichte. Das erfolgreiche Experiment mit dem ersten Satelliten im Weltall, dem «Sputnik», lenkte 1957 von der kulturellen Misere im Land ab und rückte die wissenschaftlich-technische Intelligenz in den Vordergrund, die zur Trägerin einer neuen Revolution gemacht wurde. Die Jugendbewegung der «Sechziger», inspiriert am studentischen Aufbruch von 1967/68 im Westen, brachte eine neue Dynamik und mitunter originelle Akteure auf den Plan. Viele engagierten sich als Schriftsteller, Theaterregisseure, bildende Künstler oder Filmemacher und prägten fortan das kulturelle Leben, oft an der Grenze zum Untergrund.
Die Beendigung des Prager Frühlings durch sowjetische Panzer hatte in Moskau eine kleine, vorwiegend jüdisch bestellte Demonstration provoziert, die ihrerseits brutal aufgelöst wurde. In der Tageszeitung «Prawda» erschien ein Artikel, der den Prager Frühling als jüdisches Projekt darstellte – eine Warnung an die einheimischen Juden. Systemkritiker gingen zunehmend in den Untergrund, die Dissidentenbewegung gewann an Bedeutung und mit ihr die Publikationen im verbotenen Selbstverlag (Samizdat). Manuskripte gelangten oft auf abenteuerliche Art in den Westen, erschienen dort («Tamizdat») und lenkten das Interesse der Welt auf die missliche Lage der als Systemgegner Inhaftierten.
Nachdem Pjotr Grigorenko, der sich für die Rückkehr der von Stalin 1944 wegen angeblicher Kooperation mit dem Feind nach Mittelasien deportierten Krimtataren in ihr Siedlungsgebiet am Schwarzen Meer einsetzte, in eine psychiatrische Zwangsanstalt eingewiesen worden war, attestierte ihm der Psychiater Semjon Gluzman öffentlich, dass er psychisch völlig gesund sei. Dafür kam er selbst in Psychiatriehaft und verfasste mit seinem Mithäftling, dem Physiker Wladimir Bukowski, ein «Psychiatriehandbuch für Andersdenkende». Westliche Menschenrechtsgruppen unterstützten den Kampf gegen das Serbski-Institut für forensische Psychiatrie, das im Dienst des KGB Unbequeme in grosser Zahl mit der Diagnose «atypische Schizophrenie» aus dem Verkehr zog. Semjon Gluzman ist wie auch Bukowski, der 1974 in den Westen abgeschoben wurde, längst wieder frei und engagiert sich in der Ukraine für das Gedenken an die jüdischen Opfer von Kiew in Babi Jar. Die Sowjetunion ist Vergangenheit, die Aufarbeitung ihrer Geschichte nicht.
Unter amerikanischem Druck (Jackson-Vanik-Amendment) wurde ab Beginn der siebziger Jahre sowjetischen Juden nach Kontingenten die Emigration nach Israel gestattet. Mit der Unterzeichnung der Schlussakte der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) im Jahr 1975 musste sich der Kreml fortan von den einheimischen Menschenrechtlern in die Pflicht nehmen lassen. Auch Aktivisten wie Ejtan Finkelstein (Litauen), Grigori und Isaj Goldstein (Georgien) oder der junge Anatoli (heute Natan) Sharansky, der zeitweilig als Übersetzer für Andrei Sacharow wirkte, beriefen sich auf die KSZE. Es ging um Gewissens- und Religionsfreiheit, um Informationsaustausch über die Blockgrenzen hinweg. Und es ging um Reisefreiheit. Die Intelligenzija kam nie auf die Idee, die Auflösung der UdSSR könnte die Menschenrechtslage verbessern, zumal die Helsinki-Akte die Garantie der territorialen Integrität der Unterzeichnerstaaten festhielt. Für die jüdische Intelligenz war die Schaffung von Nationalstaaten nie eine Perspektive. Im übrigen hatte sie von der Möglichkeit der Übersiedlung in das autonome Gebiet Birobidschan, das Stalin 1934 in Sibirien ausgezont hatte und das bis heute besteht, kaum Gebrauch gemacht.
Ein untaugliches Etikett
Das Etikett «jüdische Intelligenzija» hätten viele der Adressierten abgelehnt. Dass im sowjetischen Pass der berüchtigte fünfte Punkt festhielt, ob jemand «ukrainisch», «armenisch», «tatarisch» oder eben «jüdisch» sei, machte die Selbstdeklaration für viele zunehmend zur Falle, wenn es um Ausbildungs- und Berufschancen ging.
Der prominente Leningrader Literaturwissenschafter Efim Etkind beklagte in seinem 1975 verfassten «Exkurs über Emigration» den in den frühen siebziger Jahren stark angewachsenen Exodus der sowjetischen Intelligenz: Schriftsteller, Mathematiker, Biologen, Musiker, bildende Künstler, Tänzer, Philologen, Historiker, Kunstwissenschaftler, Physiker. Dezidiert meinte er, es sei «ein Unfug, in Juden und Nicht-Juden zu teilen. Alle sind sie Vermittler russischer Kultur, egal welcher Nationalitätsvermerk in ihrem Pass steht.»
Mit dem fünften Punk definierten die Behörden das Jüdischsein als nationale Zugehörigkeit, obwohl seine Träger, gerade jene aus der Intelligenzija, diese Dimension eher dem kulturellen Bereich zuordneten. Der Leningrader Germanist Konstantin Markowitsch Azadowski meinte zu Beginn der Perestroika einmal, er sei ein sowjetischer Bürger mosaischen Glaubens.
Etkind war 1974 in die Emigration gedrängt worden, nachdem eine Kampagne gegen ihn losgetreten worden war, die ihn um seine Anstellung an der Universität und seine akademischen Würden bringen sollte. Denn in seinen philologischen Arbeiten hatte der Unbestechliche nicht nur hochstehende Lyriker den ideologisch infizierten Verseschmieden vorgezogen. Er hatte zudem den nationalrussischen Epiker des Gulag, Alexander Solschenizyn, gleichermassen gegen die Attacken der Sowjetführung in Schutz genommen wie den aus einer jüdischen Familie stammenden genialen jungen Lyriker Joseph Brodsky. Zu seiner eigenen Person notierte Etkind: «Der Autor dieser Zeilen ist Jude dem Blut nach, aber seine Sprache, seine Kultur und seine Gedankenwelt separieren ihn nicht vom Russland Puschkins und Tolstojs, Bloks und Mandelstams.»
Zu den Punkten der Anklage, die gegen Etkind erhoben wurde, gehörte auch ein «Brief an auswanderungswillige junge Juden», ein privates Schreiben an seinen Schwiegersohn, das durch das allgegenwärtige Spitzelsystem an die Öffentlichkeit gezerrt wurde. Er riet den Jungen, sie sollten nicht nach Israel auswandern. «Kämpft hier, nicht dort», hatte er geschrieben, es ging ihm um den Kampf für Gerechtigkeit und Menschenrechte in der Heimat. Unterstellt wurde ihm vom KGB, er habe zum Kampf gegen die Sowjetmacht aufgerufen und er wurde, obwohl er von der Auswanderung ins Gelobte Land abriet, des Zionismus bezichtigt.
Verwirrung um «jüdische» Identität
Auch wenn viele jüdische Vertreter der Bildungsschicht sich in erster Linie als Sowjetbürger und Repräsentanten des russischsprachigen Kulturraumes verstanden, war Jüdischsein in der Erinnerungstradition der Familien sehr wohl ein Thema. In der frühen Sowjetzeit waren Reminiszenzen an die eigene Kindheit für viele Funktionsträger durchaus ambivalent. Es waren Bilder der Armut und der geheimnisumwobenen Rituale, die man gerne hinter sich gelassen hatte. Das Interesse der nachkommenden Generationen galt der Wissenschaft und der Kultur. Es ging um Ausnützung des mentalen und kreativen Spielraums, der immer wieder neu erkämpft werden musste. Viele Exponenten der jüdischen Intelligenzija setzten sich dafür ein, ohne die Auflösung der Union ins Auge zu fassen, die für sie durch den prinzipiell gewährten, wenn auch oft erschwerten Ausweg in die Emigration ohnehin nicht opportun war.
Vernichtend für die in der russischen und sowjetischen Kultur verankerten Juden war vielmehr das unfreiwillige Verlassen der Heimat. Das zeigte der Poet Alexander Galitsch (Ginzburg) mit seinen Liedern und Gedichten über das Weggehen: Sie handeln vom Schmerz des Abschieds und vom Wissen darum, dass eine Rückkehr – auch zu den Gräbern der Ahnen – für immer unmöglich sei.
Für viele Angehörige der jüdischen Elite war auch die freiwillige Emigration keine Option. Selbst unter jenen, die einen Ausreiseantrag gestellt hatten, aber als Refjusniks das Land vorderhand nicht verlassen durften, nachdem sie bereits ihren Arbeitsplatz hatten aufgeben müssen, gab es eine Kulturfraktion. Diese war zur Einsicht gelangt, Emigration sei nicht die einzige Lösung, und forderte vom Sowjetstaat lediglich ihre Minderheitenrechte ein. Und sie setzte sich in ihrer Untergrundzeitung auch mit ihrer verschütteten Identität auseinander.
Einzelne gebildete Juden waren sowjetischen Systemkritikern so nahe, dass sie sich auf der Suche nach spiritueller und philosophischer Nahrung dem Christentum zuwandten. Der russisch-orthodoxe Priester Alexander Men, dessen Dorfkirche ausserhalb Moskaus für viele Kulturschaffende und Wissenschafter ein Zufluchtsort war, entstammte selber einer konvertierten jüdischen Familie. In ihm fand Alexander Galitsch einen Gesprächspartner und liess sich schliesslich taufen, damals ein Akt des Widerstandes.
Abschied – wovon?
Der Poet und Sänger, schon lange mit Auftrittsverbot belegt und schliesslich zur Ausreise genötigt, starb 1977 im Pariser Exil. Wie Lew Kopelew in einem Nachruf schrieb, erklingen seine Lieder nach wie vor in Moskau, Leningrad, Nowosibirsk, in den Wohnungen von Physikern und Philologen, von Technikern und Künstlern. Verstohlen pfeifen sie die Sträflinge in ihren Zellen. Galitsch war vielleicht der perfekteste Repräsentant der jüdischen Intelligenzija, sein Interesse galt allen Bevölkerungsschichten seiner weitläufigen Heimat. Seine Texte – die verbotenen Tonbandaufzeichnungen zirkulierten in allen Milieus – waren im Stil der besungenen Dichter gehalten, er beherrschte aber auch den Jargon der einfachen, erniedrigten Menschen, die er zu den Helden seiner Poesie machte. Auch die jüdische Thematik, vom Holocaust bis zum Alltagsantisemitismus, gehörte in sein Repertoire. Und er verfasste ein bitteres Lied «In Erinnerung an Pasternak», als dem Verstorbenen, der unter Hausarrest gestanden hatte, sonst niemand einen Nachruf zu widmen wagte. Er übte in seinen Chansons auch Kritik an Mitläufertum und Konformismus. Raissa Orlowa, selber eine erst spät von der Stalin-Ideologie Geheilte, erinnerte sich an einen Auftritt, der Erschütterung und Scham auslöste. Der Barde hatte davon gesungen, wie in der guten alten Zeit die «Parade der Missgeburten» abgenommen wurde. Wenn man ihn gehört habe, schrieb Orlowa, hätte man unmöglich so weiter leben können wie bisher.
Die Epoche der sowjetischen jüdischen Intelligenzija ist Vergangenheit. Seit dem Ende der UdSSR geniessen jedoch die rarer werdenden Angehörigen dieser prägenden Schicht als Zeitzeugen Achtung und Interesse. Als die 1920 in Poltawa geborene Lilianna Lungina, die Moskauer Übersetzerin von Boris Vian, Heinrich Böll, Astrid Lindgren und Michael Ende, dem Journalisten Oleg Dorman 1997 in einer mehrteiligen Serie ihr Leben erzählte, sassen Millionen von Zuschauern gebannt vor dem Fernseher. Sie und ihr Familien- und Freundeskreis hatten die ganze Sowjetzeit erlebt zwischen Hoffnungen und Enttäuschungen. Dass diese biografischen Reminiszenzen, die eine Epoche und ein Milieu mit vielen bekannten Protagonisten auch kritisch zeichnen, nun auch als Buch (2009) zum Bestseller wurden, spiegelt die starke kulturelle Markierung. Lungina, die 1998 in Moskau verstarb, hatte das Ende des totalitären Systems sehr wohl herbeigewünscht und die neue Reisefreiheit genossen. Endlich konnte die hochgebildete Jüdin die von ihr längst übersetzten Autoren in Europa treffen. Ihre Welt war wieder zu dem Ganzen geworden, das sie als Kind – die Familie lebte in den zwanziger Jahren im Dienst des jungen Sowjetstaates in Berlin und Paris – gekannt hatte. Der Gedanke, das Sowjetreich könnte sich eines Tages auflösen, hatte ihre Kreise nie beschäftigt. Sie blieb auch nach 1991 in Moskau, aber sie blieb immer mehr allein.