Der jüdische Begründer der Neuen Sachlichkeit

von Walter Labhart, October 22, 2010
Zusammen mit Paul Hindemith entwickelte Ernst Toch die Neue Sachlichkeit in der Musik. Dem spät wiederentdeckten Wiener Komponisten widmet das Jüdische Museum Wien eine spannende Ausstellung.
ERNST TOCH Der Wiener nannte sich selbst den «meistvergessenen Komponisten des 20. Jahrhunderts»

Mit zwei sehr unterschiedlichen Kompositionen wurde Ernst Toch (1887–1964) zur Zeit der Weimarer Republik berühmt. Das Bravourstück «Der Jongleur» aus den drei Burlesken op. 31 für Klavier und die «Fuge aus der Geographie» für unbegleiteten Sprechchor (1930) verbreiteten den Namen des jüdischen Komponisten in aller Welt. Aufhorchen liess der radikale Antiromantiker auch mit dem von ihm selber erfolgreich gespielten Klavierkonzert op. 38, dessen Rondo disturbato die damalige Neue Musik mit witzig eingestreuten Dissonanzen würzte.

«Entarteter Musiker»

Als er in den zwanziger Jahren im deutschen Sprachraum in einem Atemzug mit Alban Berg, Paul Hindemith, Ernst Krenek, Arnold Schönberg und Kurt Weill genannt wurde, galt Toch als einer der fortschrittlichsten und am meisten beachteten Komponisten seiner Zeit. Das änderte 1933 nach Adolf Hitlers Machtantritt und erst recht, nachdem Toch 1937 in der folgenschweren Düsseldorfer Ausstellung «Entartete Musik» gebrandmarkt worden war. Schon 1933 war er von einem musikologischen Kongress in Florenz nicht an seinen Berliner Wohnort zurückgekehrt, sondern über Paris und London in die USA ausgewandert. Hatte er dort anfänglich an der «Universität im Exil» genannten New School for Social Research in New York unterrichtet, hielt er sich und seine Familie seit 1936 als Autor von Filmmusik in Los Angeles über Wasser. Wie Thomas Mann und Stefan Zweig pflegte auch er Kontakte zur Deutschen Akademie für Kunst und Wissenschaften in Kalifornien. Für den in Hollywood dreimal für den Oscar nominierten Filmkomponisten, der erst 1950 seine erste Sinfonie schreiben sollte, setzten sich im amerikanischen Exil so berühmte Dirigenten wie Otto Klemperer, Erich Leinsdorf, William Steinberg und auch George Szell ein.

Kontakte zur Schweiz

Unter dem Motto «Das Leben als geographische Fuge», das auch für den reich illustrierten Katalog mit CD gilt, zeigt das Jüdische Museum Wien die erste Toch-Ausstellung überhaupt. Mit zahlreichen Briefen, Originalmanuskripten von Kompositionen, Fotos, Videos, einem nachgestellten Arbeitszimmer, vielerlei persönlichen Erinnerungsstücken und Interviews zeichnet die von Werner Hanak-Lettner und Michael Hass geistvoll kuratierte Ausstellung den fugenartig verschlungenen Lebensweg des bedeutenden Komponisten nach. Als der gebürtige Wiener, schon 1940 amerikanischer Staatsbürger geworden, 1949 in die Alte Welt zurückkehrte und ein Nomadenleben zwischen den USA und Europa begann, musste er resigniert feststellen, dass seine tonale Musik nicht mehr gefragt war. Von Zürich aus, wo er im Radiostudio Vorträge hielt, reiste er durch viele Länder, um Aufführungen anzuregen. 1963 hob Erich Schmid die sechste Sinfonie mit dem Radio-Orchester Beromünster aus der Taufe. In seiner österreichischen Heimat wurde Ernst Toch zwar mit dem Ehrenkreuz für Kunst und Wissenschaft erster Klasse geehrt, doch weiterhin dermassen selten aufgeführt, dass er sich wiederholt als «meistvergessener Komponist des 20. Jahrhunderts» bezeichnete. Das war er in der Tat, als er am 1. Oktober 1964 in Los Angeles einem Magenkrebsleiden erlag. 
Ernst Toch eignete sich die ersten kompositorischen Kenntnisse als Zehnjähriger durch das Abschreiben von Streichquartetten Mozarts an. 1909 erhielt er den Mozart-Preis der Stadt Frankfurt, 1921 promovierte er mit einer Dissertation, die als einzigartige «Melodielehre» in Buchform erschien. Dass der von Mahlers Kompositionslehrer Robert Fuchs unterrichtete Mitbegründer der auf klare Linearität abzielenden Neuen Sachlichkeit ein sehr einfallsreicher Melodiker war, hört man aus der von John Cage ins Amerikanische übertragenen «Geographical Fugue», aus dem Klavierkonzert, der von Graziella Contratto dirigierten «Musik für Bariton und Orchester» (Rainer Maria Rilke) und aus der dritten Sinfonie auf der CD zum Ausstellungskatalog.    

Ernst Toch. Das Leben als geographische Fuge. Jüdisches Museum, Dorotheergasse 11, Wien. Bis 31. Oktober. www.jmw.at