Der Halbgott ist der Verlierer

October 9, 2008

Alle, die die laufende Woche mit der Frage begonnen haben, ob die regulären Erdumdrehungen und Shimon Peres’ Wahl zum israelischen Präsidenten gleichzeitig vonstatten gehen können, haben am Montag eine einfache Antwort, vielleicht eine Bestätigung erhalten: Nein.Nein, die Gesetze der Natur haben sich nicht verändert. Wir sind nicht gegen den Mars angerannt, und der Globus dreht sich immer noch um seine Achse. Und Peres hat eine Wahl verloren. Na, und?
Was ist denn Neues dabei, dass er verloren hat? Wörter wie «Überraschung» oder «Schock» sind die letzten, die im Zusammenhang mit Peres’ Niederlage vom Montag angewendet werden sollten. Hätte er gewonnen, wäre es eine Riesenüberraschung gewesen, ein wirklicher Schock.Diese übertriebene Demonstration von Freude und Trauer, die scharfsinnig tönenden politischen Erklärungen und Analysen, die unmittelbar nach Bekanntgabe des Resultates herumgereicht wurden, passen ausschliesslich zu betäubten, immer Ja-sagenden Beobachtern. Die Euphorie, welche den «Sieg des nationalen Lagers» umfasste; die Selbst-Beglückwünschung von Likud-Chef Ariel Sharon («Ich habe es organisiert», «Ich habe es vollbracht»), die aufgeblasenen Kronen und Platitüden, die unmittelbar auf Katzavs Haupt gesetzt worden sind; Anspielung auf eine vom «Willen des Volkes abgeschnittene Knesset»; die wütenden Vorwürfe gegen das Doppelspiel und den Verrat von Shas; die Andeutungen, die sofort in Bezug auf den Friedensprozess und den Status der Regierung zu hören waren, usw. usw.
Als Antwort auf all dies kann nur eines gesagt werden: Freue dich nicht als Sieger, und halte nicht Ausschau nach anderen, denen die Verantwortung überbunden werden kann, klopfe dir nicht im Siegestaumel selber auf die Schultern, vergiss die rationalen Erklärungen und empirischen Analysen, lass alle politisch-journalistischen Idiome fallen.
Vergiss all das. Vor uns haben wir etwas, das die Bereiche der Politik oder der Tagesaktualität übersteigt. Vor uns spielt sich, und das schon in den letzten drei Jahrzehnten der Geschichte des Landes, eine mythologische Begebenheit ab. Wie der Adler, der die Leber des an den Felsen gebundenen Prometheus angreift, so attackiert jede Wahl Shimon Peres’ innere Organe. Genauso wie Sisyphus in vergebener Bemühung den Berg hinaufstürmt, so kandidiert Peres immer wieder für die eine oder andere wichtige Position.
Im Gegensatz zu Achilles, dessen einzige verwundbare Stelle seine Ferse war, ist bei Peres höchstens eine Ferse gegen Niederlagen geschützt. Ähnlich Herkules, der neue Kraft gewann, wenn er einmal hatte zu Boden gehen müssen, sammelt Peres seine enorme Wichtigkeit und Dynamik vor eigenen Gnaden, kaum hat er wieder einmal verloren.
Legen Sie also Peres nicht in Bann, indem Sie Erbarmen für ihn zeigen. Der Mann mag vielleicht einen Job verloren haben, doch der Platz in der Mythologie ist ihm sicher. Wenn künftige Generationen dereinst «komplett unwählbar» sagen oder jemanden beschreiben wollen, der «trotz aller Erwartungen, Versprechungen und Vorbereitungen eine Riesenschlappe einstecken musste», dann sagen sie: «Er ist ein Peres» oder «Er ist wie Shimon Peres» (vgl. S. 3).

Haaretz