Der Garant der Einheit

von Yitzchak Mayer, October 9, 2008
Im Alter von 90 Jahren starb vergangene Woche in der Nacht auf Freitag Josef Burg, der Kosmopolit und Staatsmann des religiösen Zionismus. Nicht weniger als 35 Jahre war er als Mitglied diverser israelischer Regierungen Minister. Sein langjähriger Freund und Weggefährte Botschafter Yitzchak Mayer würdigt Leben und Werk einer epochalen Figur.
Kosmopolit Josef Burg: Mittler zwischen allen Fronten - Foto Archiv JR Freunde und Weggefährten: Yitzchak Mayer und Josef Burg mit Chaim Chanoch und Gad Freiman im Dezember 1998 (v.l.n.r.). - Foto PD

Die Last der Jahre machte sich schliesslich bemerkbar. Nicht wenn er sprach. Nicht einmal wenn er zuhörte. Sein Geist war kristallklar, seine Gedankengänge prägnant und präzise. Sein Witz so spontan wie eh und je und seine schneidende Ironie so scharf wie vor Jahrzehnten. Aber er war mehr als neunzig Jahre alt. Er ging langsamer. Sein Äusseres wirkte eindeutig zerbrechlicher. Sein Rücken war gebeugt. Er schien kleiner, seine Haut durchscheinend. Und er war krank und wusste es auch. Es war kaum zu glauben, dass er immer noch lange Reisen über die Weltmeere unternahm, um an Versammlungen teilzunehmen, dass er Ozeane überquerte, um als immer noch sehr gefragter Gastreferent Reden zu halten, dass er an Nachtsitzungen an politischen Foren teilnahm, die aus Gründen, welche nur durch Konvention erklärt werden können, erst am frühen Morgen zu Schlussfolgerungen über Angelegenheiten kamen, die noch am Abend zuvor felsenfest gesichert schienen. Und wenn er am Rednerpult stand, fragte man sich, aus welcher Quelle er soviel Vitalität, Entschlossenheit, Esprit, Weisheit schöpfte, Weisheit, die reicher war als nur Erfahrung, sehr persönlich und doch universell, mit Humor abgegeben und doch von Traurigkeit durchdrungen, wie dies für die Weisheit, welche die Zeit überdauert hat, immer der Fall ist. Dann bekam seine Stimme einen metallischen Klang und was man hörte, war ein Mensch, der für immer das zu sein schien, was niemand für immer sein kann. Ich sagte zu Rivka, seiner Frau und Gefährtin eines ganzen Lebens: «Irgendwie war es ihm nicht bestimmt, zu sterben.» und mein guter alter Freund Achiman, der ihn seit sechzig Jahren kannte, meinte zu mir: «Ein Netzach». Es gibt keine Ewigkeit. Wir waren beide überwältigt vom Phänomen der geistigen Frische, seinem unersättlichen Durst, teilzunehmen und dabei zu sein, das einen nicht täuschte, weil man erkannte, dass sein Körper zwar alterte, sein Geist aber keineswegs. Er war eine prägende Gestalt dieses Jahrhunderts, geboren in Dresden, Deutschland, zu Beginn desselben, zu Grabe getragen in Jerusalem, knapp hundert Tage vor dessen Ende. Die Achse, um die sich seine Welt drehte, ging durch diese beiden Städte wie durch zwei Pole. Dresden und später Berlin vermittelten ihm die Tradition der grossen europäischen Gelehrten. Sie gaben ihm ein Deutsch, wie es nur die am besten Ausgebildeten beherrschten, einen Einblick in die Philosophie, der seine Intuition disziplinierte und Methode in seinen kreativen Geist brachte, Kenntnisse über Geschichte, welche die eigentliche Grundlage für seine Skepsis bildeten. Er war zu hundert Prozent der Dozent Joseph Burg. Dresden und Berlin waren auch die Bastionen, wo der junge Knabe die jüdische Tradition lernte, wo das Alte das Neue nährte und das Neue dem Alten neuen Wert gab. Die grossen Ashkenazi-Autoritäten besassen eine deutsche Identität, und die Luft war durchdrungen von ihren Lehren und den Lehren von Leuchten wie Hildesheimer, Samson Rafael Hirsch, Karlebach, Breuer und vielen anderen. Burg, ein eifriger Student des Judentums, war zu hundert Prozent der Rabbiner Burg. Hierin ist er keineswegs eine gespaltene Persönlichkeit. Keine den Umständen entsprechende Anpassung der weitreichenden allgemeinen, kulturellen Bildung an eine Reihe von Herausforderungen auf der einen Seite, und die tiefgehende jüdisch-orthodoxe Kultur auf der anderen. Die Synthese war das Markenzeichen der Thora-Schule und des Weltlichen. Mit Burg ging sie sogar noch weiter. Seine Familie, die ihre Wurzeln in Osteuropa hatte, brachte chassidische Wärme und Spontaneität in die scholastische und sehr methodische Ashkenazi-Tradition. Burg erkannte seine Wurzeln in beiden und assimilierte sie zu einer einzigen. Die grossen Ideen des neunzehnten Jahrhunderts des Liberalismus auf der einen Seite und des Nationalismus und des Sozialismus auf der anderen fanden in ihm einen Bewunderer - jedoch gleichzeitig in dem Masse, wie das Licht all dieser neu aufgegangenen Sterne durch das Prisma seines eifrigen Jüdischseins gefiltert worden war, fusionierten sie in seiner Identität zu einer neuen Art von Zionismus, der seine Wurzeln in den ethischen Lehren von Bibel, Talmud und halachischer Literatur hatte, in den Werten, wie sie von den berühmten Denkern Europas verkörpert wurden. Er schuf aus allen Welten eine einzige, und bis zu seinen letzten Tagen drehte sich sein Leben um den Schwerpunkt, der in seiner Jugend gelegt worden war.

Den Glauben in Frage gestellt

All dies mag theoretisch und abstrakt klingen. Jedoch waren die Zeiten, in denen der junge Burg lebte, alles andere als abstrakt für den, der fähig war, über deren unmittelbaren Horizont hinauszublicken. Der Erste Weltkrieg hinterliess tiefe Narben bei den europäischen Juden. Sie hatten den Eindruck, dass sie auf gefährlich treibendem Sand lebten. Sie fanden sich inmitten einer sinnlosen Schlächterei wieder, ihre Zentren zerfielen. Osteuropa war in Bewegung, in verschiedener Hinsicht. Der Glaube war auf die Probe gestellt, der Glaube an Gott, der Glaube an die bewährte Tradition, der Glaube an die Grundlagen des Staates. Die jungen Juden wurden vom Wind der Veränderungen mitgerissen. Sie waren die ersten, welche sich zu den aktiven Utopisten gesellten, die glaubten, dass der Marxismus dem Sozialismus die Tiefe und die Weite und gewiss die Höhe verleihen würde, um die Menschheit von der Knechtschaft zu befreien. Die nationale politische Situation war unstabil, die Wirtschaft taumelte von einem Fiasko ins nächste, bis sie in die Fänge galoppierender Inflation, steigender Arbeitslosigkeit geriet, man erwartete simple und eindimensionale Antworten für eine Welt, die plötzlich zu komplex zu regieren und zu verstehen war. Die grossen -ismen schillerten vielversprechend, Kommunismus, Faschismus, Nazismus. Burg solidarisierte sich mit einem -ismus, der fast pathetisch war, dem -ismus Zions. Herzl starb 1904. Dreissig Jahre später war von seinem Einfluss bei den Juden in der Welt nicht mehr viel zu spüren. Der Zionismus hatte eine Analyse, aber die Mehrheit der Juden meinten, sie brauchten diese nicht. Sie glaubten, sie würden die turbulenten Zeiten überstehen, wie sie dies schliesslich immer getan hatten. Sie würden sich nicht von Träumen und Legenden verführen lassen. Sie passten die Wirklichkeit ihrem Wahrnehmungsfeld an. Ein kleines Yishav, kaum vierhunderttausend Juden, knapp 2 Prozent der Juden auf der ganzen Welt, lebten in Palästina. Sie waren ein Modell für eine Gruppe junger Leute in Europa, im Osten, in Zentraleuropa, im Westen. Burg schloss sich denjenigen an, welche diese lehrten, um sich mit Leib und Seele zu Menschen wie Henrietta Szold, Giora Josephtal und anderen zu gesellen, zusammen mit Intellektuellen, die fanden, die Zeit sei reif für einen kopernischen Wechsel: Leibowitz, Ernst Simon, Sholem. Und doch behielt er seine eigenen Dimensionen eines tief Gläubigen, indem er zusammen mit Una, Handler Beit Arye Bachad schuf, eine Bewegung, die als Wiege der religösen Kibbuz-Bewegung betrachtet werden kann. Er selbst schloss sich nie der Kibbuz-Bewegung an. Ich glaube nicht, dass er dort hinein gepasst hätte, er wusste es und seine Bachad-Kameraden wussten es auch. Er war eine Art Aristokrat, ein Führer und ein Anhänger, aber nie, während seines ganzen Lebens, ein Mann, der sich in eine Reihe einordnen konnte. Es war aber niemals etwas Hochnäsiges an ihm. Er war leutselig, ein Mann aus dem Volk, bescheiden in seinen persönlichen Bedürfnissen, ein Demokrat im tiefsten Sinne und doch ein Aristokrat. Eine seiner liebsten persönlichen Erinnerungen war, wie eine Kiste mit zwölf teuren Seidenhemden verloren ging, die ihm seine Mutter 1939 für die Alyah mitgegeben hatte. Palästina in diesen Zeiten war alles andere als Seidenhemden, aber Joseph war geboren, um einen farbigen Mantel, Seidenhemden zu tragen. Zu Zeiten, als im Israel der Pioniere Anzug und Krawatte ein Anathema waren, trug Joseph Burg Anzug und Krawatte. Als die gehäkelte Kippah die Bedeutung der religiösen Klassenzugehörigkeit ausdrückte, trug Burg eine schwarze Kippah, nicht, weil er dadurch andeuten wollte, er hätte Sympathien mit dem ultra-orthodoxen Judentum, sondern vielmehr, weil es in seinen Kreisen in Deutschland zur Kleidung des orthodoxen Baal Habayit gehörte. Indem er nach Deutschland und zum Bachad zurückkam, war Burg der Intellektuelle, ein Mann der Tat. Er be-fasste sich mit der Erziehung von Jugendlichen für deren unmittelbare Auswanderung nach Palästina. Es wurden Ausbildungsstätten in Deutschland und Polen eröffnet, und später, als der Krieg ausbrach, auch in England. Die Ironie der Geschichte ist solcherart, dass diese Initiativen von den Nazi-Behörden gefördert wurden, die glaubten, dass die Auswanderung der Juden aus Deutschland ein Schritt zur Lösung von Deutschlands Judenproblem war. Burg wusste, dass ethnische Säuberungen folgen würden, dass die jungen Pioniere innerhalb von wenigen Tagen von den Nazi-Schergen gepackt würden, wenn er die Gelegenheit jetzt nicht beim Schopf packte. Deshalb akzeptierte er eine Gestapo-Bewilligung, die es ihm ermöglichte, in Nazi-Deutschland ganz legal seiner Tätigkeit für Hechalutz nachzugehen. Er war jedoch auf der Liste und flüchtete. Als er 1939 aus Europa in Israel ankam, wurde er vom Jewish-Agency-Exekutiv-Komitee sofort damit beauftragt, Alyah zu organisieren, legale und unter dem britischen «White Paper» auch illegale. Der Zweite Weltkrieg überraschte ihn in Genf. Er konnte weder nach Palästina zurückreisen noch nach Deutschland, und alle europäischen Länder verschlossen ihm ihre Türen. Ein Ausreise-Visum für Südamerika kam ihm zu Hilfe und er bestieg zusammen mit einem Haufen glücklicher Europäer ein - glaube ich - portugiesisches Boot nach den Westindischen Inseln, wo er zu seinem schon sehr weitreichenden Sprachschatz Spanisch hinzufügte.

Der Lehrer, der die Brücken baute

Er kehrte nach Palästina zurück, sobald es möglich war, und man bot ihm einen Posten als Talmud-Lehrer im Gymnasium von Herzliah an. Bis heute bestätigen Tausende von seinen Schülern, dass die Talmud-Lehre, die in den modernen säkularen Bildungsstätten als zweitrangiges Fach eingestuft wird, für sie dank der sehr speziellen Persönlichkeit des Lehrers, dessen Vermittlung Wissen beispielhaft, seine Vorträge meisterhaft und seine Offenheit legendär waren, zu einem der am meisten geliebten Materien wurde. Ich bin überzeugt, dass Burg im Gymnasium ebensoviel lernte wie er lehrte. In gewisser Weise war es für ihn sein Versuchslaboratorium für das Zusammenleben und die Verständigung zwischen den religiösen Israelis, dort entdeckte er, dass die Brücke natürlich und vorhanden ist, wenn man den Respekt gegenüber Andersdenkenden durch Respektierung ihrer Überzeugungen lernt, ohne gönnerhaft oder nachgiebig zu wirken. Gönnerhaftigkeit gegenüber anderen oder Nachgiebigkeit setzt eine der Seiten unter Druck, bis Meinungsverschiedenheiten entstehen. Burg integrierte, was er in Herzliah gelernt hatte, in das Wissen, das er im Laufe seines langen und ereignisreichen Lebens erworben hatte. Und dann kam der Staat. Burg war auf einer Mission im Ausland, als der Staat ausgerufen wurde, aber seine Partei wies ihn an, sofort zurückzukommen und sie in der Knesset zu vertreten. Seine lange Amtsdauer wurde legendär, sowohl als Mitglied der Knesset als auch als Regierungsmitglied in den Regierungen von Ben Gurion, Sharet, Eshkol, Golda Meir, Rabbin, Begin, Shamir, Peres. Dies ist nicht nur ein Rekord, es ist ein persönlicher Triumph. Es war nur möglich, weil seine Partei keinen kühneren Vertreter für den integrativen religiösen Zionismus fand. Während Jahrzehnten und aufgrund von Burgs verinnerlichter vielgesichtiger religiös-zionistischer Weltanschauung wurde er zu einem der wichtigsten Garanten der Einheit Israels. Es ist heute fast schwierig zu begreifen, dass der spätere Menahem Begin ihn mit der Aufgabe des Haupt-Friedensvermittlers betraute, bekannt als Ministerium für Autonomie. Das Symbol des Dialogs wurde zu einer Zeit mit dem Dialog beauftragt, als die junge National-Religiöse Partei NRP sich in Judäa, Samaria und Gaza niederliess , als ihr Rabbiner die Grundlagen des Eretz Israel Hashlema lehrte. Es lag darin absolut keine Duplizität, Burg glaubte, dass man ohne die brennende Hingabe von Gush Emunim niemals einen fairen Kompromiss am Ende eines Friedensprozesses erwarten konnte (falls es überhaupt ein Ende gab) und dass man ohne die absolute Notwendigkeit, eine realistische Politik im israelo-arabischen Konflikt zu verfolgen, am Ende des Weges die eigentliche Existenz der Siedlungen gefährden würde, damit sie ja in jeder politischen Lösung israelisch bleiben würden. Aus Burg, der Mann der Synthese in Dresden, wurde Burg, der Mann der Synthese in Jerusalem. Es gab niemals und zu keiner Zeit ein «Entweder oder» in dieser Weltanschauung.

Burg und die Diaspora

Mehr als jeder andere Israeli knüpfte er die Bande mit den Juden in der Diaspora enger und obwohl er während seines ganzen Lebens überzeugt blieb, dass die zionistische Analyse, wonach die einzige existenzielle Basis des jüdischen Volkes Alyah und Absorbierung ist, förderte er den Ausdruck der jüdischen Gemeindeaufgaben und das Überleben des Judentums in der Diaspora durch Erziehung und die Konstruktion der jüdischen Identität, denn die Realität war, dass die Diaspora sich nicht selber auflösen wollte.

Von allen Orten wählte Burg Yad Vashem, dessen Weltpräsident er war, als Ausgangspunkt für seinen Leichenzug. Har Herzel und Yad Vashem liegen nicht nur geographisch nebeneinander, sondern auch in ihrem Wesen. Die jungen israelischen Soldaten, die ihr Leben für das unbestrittene Recht des jüdischen Volkes, zu Zion zurückzukehren opferten, sind entlang des Denkmals begraben, das an die Millionen erinnert, die in Flammen aufgingen, denn wenn man keinen Staat hat, hat man auch keine Stimme, keinen Ort, kein Existenzrecht. Für ihn war Israel die einzige Antwort auf den Holocaust, und deshalb widmete er sein Leben einer Zukunft der Harmonie zwischen Juden und Nicht-Juden und demzufolge auch der Juden untereinander, das war der einzige Weg, denjenigen ein ehrenvolles Andenken zu bewahren, die geschlachtet wurden, weil die Welt sie zurückwies.

Von Yad Vashem - Har Herzl wurde der Sarg zu dem Friedhof getragen, den Juden zu allen Zeiten am meisten begehren. Eine lange Reise ging zu Ende. Sie begann in Dresden und sie konnte nur in Jerusalem enden.

Yitzchak Mayer ist Botschafter des Staates Israels