«Der Engel der Geschichte»
Von Peter Abelin
Die grosse «documenta» in Kassel erhielt eine Absage, und auch die ersten Anfragen des Zentrums Paul Klee (ZPK) in Bern wurden negativ beantwortet: Wegen seines fragilen Zustands hatte das Israel-Museum in Jerusalem das Werk «Angelus novus» von Paul Klee bisher noch nie an ein anderes Museum ausgeliehen. Doch für ZPK-Direktor Juri Steiner hat sich das Insistieren gelohnt: Am 4. September 2007, so erinnert er sich genau, traf die Zusage aus Jerusalem ein, das Bild während fünf Tagen im Rahmen der Ausstellung «Lost Paradise – Der Blick des Engels» in Bern zu zeigen. Vom 31. Mai bis zum 4. Juni bleibt das Museum aus diesem Anlass rund um die Uhr geöffnet – verbunden mit einem Nachtprogramm mit Lesungen, Diskussionen und Musik.
Die Engelsperspektive
«Wir wollen das Maximum aus den fünf Tagen herausholen», begründet Steiner gegenüber tachles diese auch international gesehen einmalige Aktion. In der Nacht habe man zudem «andere Sensoren für die Begegnung mit einem Engel», fügt er bei – und verhehlt auch nicht seine Hoffnung, damit ein junges Publikum anzusprechen und «ans Museum zu gewöhnen». Für -Jugendliche zwischen 16 und 26 Jahren ist der Eintritt von 18 bis 6 Uhr denn auch gratis.
Ebenfalls aus dem üblichen Rahmen fällt die Möglichkeit, mit dem «Angelus novus»-Fesselballon in 60 Metern Höhe zu schweben und «die Welt aus der Engelsperspektive zu betrachten», so Juri Steiner. Dies fügt sich in die Gartenschau «Jenseits von Eden» ein, welche vom 17. Mai bis zum 26. Oktober dauert. «Damit spiegelt sich die Dualität zwischen Paradies und Hölle», erklärt der ZPK-Direktor den Zusammenhang zwischen dem «Paradiesgarten» im Aussenraum und dem im Untergeschoss des Bauwerks von Stararchitekt Renzo Piano gezeigten «Angelus novus» als Symbol für die Katastrophen des 20. Jahrhunderts.
Walter Benjamin und Gershom Scholem
Dass das im Jahr 1920 in Weimar geschaffene, nur 31,8 mal 24,2 Zentimeter grosse Werk zu einer der «grossen Kunst-Ikonen des 20. Jahrhunderts» wurde, so die stellvertretende ZPK-Direktorin Ursina Barandun, hängt wesentlich mit zwei jüdischen Denkern zusammen. Der Philosoph und Literaturkritiker Walter Benjamin entdeckte das Bild 1921 in einer Ausstellung in München, wo er seinen Freund, den Religionsphilosophen Gershom -Scholem besuchte. Er kaufte den «Angelus novus», überliess ihn aber vorerst Gershom Scholem zur Aufbewahrung. Dieser äusserte seine Gedanken dazu im Geburtstagsgedicht «Vom Engel» für seinen Freund. Dieses wiederum inspirierte Benjamin zu berühmt gewordenen Kernsätzen über das Werk, welche gemäss Juri Steiner auch das Leitmotiv für die Berner Ausstellung bilden. «Der Engel der Geschichte muss so aussehen», schreibt Benjamin darin und stellt so einen Bezug zu den Katastrophen seiner Zeit her.
Diese Sichtweise nimmt das Zentrum Paul Klee nun mit seiner Ausstellung «Lost Paradise – Der Blick des Engels» auf, in der sich rund um den «Angelus novus» 150 Exponate gruppieren, welche die -Tragödien des 20. Jahrhunderts aus unterschiedlichsten Perspektiven thematisieren. Dazu gehören Kunstwerke, Fotografien, Video-Installationen oder Filmausschnitte von Jean-Luc Godard und Alain Resnais. Nach dem 6. Juni wird dabei das Original des «Angelus novus» durch die Bleistiftzeichnung der Figur ersetzt, -welche Paul Klee als Vorlage für sein spezielles Öldruckverfahren diente.
Paris, USA, Jerusalem
Bis das Gemälde «Angelus novus» seinen Platz im israelischen Nationalmuseum fand, erlebte es eine Odyssee, die eng mit der Geschichte jener Zeit verbunden war: Walter Benjamin trug das Bild in einem Koffer bei sich, als er 1933 ins Exil nach Paris ging. Als er dann 1940 seine Flucht in Richtung Spanien fortsetzen musste (und dabei den Tod fand), deponierte er den Koffer bei seinem Freund Georges Bataille. Auf dem Umweg über die USA gelangte das Bild dann nach dem Krieg wieder zu Gershom Scholem, der nun in Israel lebte. Nach dessen Tod 1982 wurde es dort erstmals öffentlich ausgestellt, und 1987 ging es als Schenkung ans Nationalmuseum in Jerusalem. Auch dort lässt sein Zustand nur eine beschränkte Öffentlichkeit, unter kontrollierten Bedingungen, zu, wie Ilan Elgar, Botschafter Israels in der Schweiz, gegenüber tachles erklärt. Er hat deshalb Verständnis für die negative Antwort auf seinen Versuch, eine längere Ausstellungszeit in Bern zu erwirken. Dass der «Angelus novus» aber überhaupt in der Schweiz gezeigt werden kann, erfülle ihn mit grosser Freude – ganz besonders im 60-Jahr-Jubiläum des Staates Israel.
Ausstellung «Lost Paradise – Der Blick des Engels» unter dem Patronat von Bundes-präsident Pascal Couchepin vom 31. Mai bis 26. Oktober im Zentrum Paul Klee in Bern. Sonderöffnung rund um die Uhr bis zum 4. Juni. Rahmenprogramm unter www.zpk.org.