Der Blick in den Himmel
Er nahm seine dicke Brille von der Nase, legte den Kopf leicht in den Nacken, sein dichter, assyrisch geformter weisser Bart hob sich von der Brust ab, er verankerte seine blauen Augen irgendwo schräg vor sich in der Höhe und hob zu sprechen an. Es war, als sähe er nicht nur wegen starker Kurzsichtigkeit etwas anderes deutlicher als das Zimmer, in dem er stand. Er sprach eine Stunde lang frei, dann noch eine, und in Seminaren ging das eine Woche lang so weiter, nie schienen ihm die Worte auszugehen; er sprach über das Ewige und seinen Bezug zum Hiesigen, wie sollte man da an ein Ende kommen.
Am 18. November 1910 in Lemberg geboren und in Holland aufgewachsen, stammte Friedrich Weinreb aus der chassidischen Tradition Galiziens, die jedoch seine Eltern bereits abgelegt hatten. Dass sich ihr Sohn in Holland, wohin die Familie im Ersten Weltkrieg geflüchtet war, nach dem bereits überwunden Geglaubten sehnte, beglückte sie nicht. Martin Buber gab schon die Zeitschrift «Der Jude» heraus und auch Franz Kafka spähte in die untergehende Welt des Chassidismus. Auch Weinreb suchte in Osteuropa Unterweisung. Doch musste er in der Not einen Brotberuf erlernen und studierte Volkswirtschaft. Daneben vertiefte er sich in die jüdische Überlieferung und in abendländische Philosophie.
Einführung in die jüdische Mystik
Seine späteren Vorträge über heilige Schriften, über kabbalistische Deutungen und Visionen verliefen in assoziativ wirkenden Spiralen, weitab von wissenschaftlich rationaler Strukturiertheit. Dennoch verlor er sich nicht. Seine Auslegungen waren Projektionen ins Innere der Seele. Jegliches Geschehen, ob zwischen Adam und Eva, Gog und Magog oder etwa den Zahlen eins und vier, deutete er intrapsychisch und so für jeden Menschen unmittelbar relevant. Das Göttliche liess er mitten im Leben, als verborgenen Kern, abstrakt, als Grundstruktur aufscheinen, die Weinreb anhand seines immensen Wissens in mannigfaltigen Bezügen erläuterte. Er lehrte ein Judentum, das es mit dem Wort genau nahm, mit dem hebräischen allem voran, denn dass diese Sprache insofern heilig ist, als sich in ihr und ihren verborgeneren Schichten die ganze Schöpfung lesen lässt, das ist die Basis, von der Weinreb ausging. Nicht so sehr die eindeutige Wörtlichkeit kam dabei ins Spiel als verschiedene Methoden, das Wort mit Sinn anzureichern, unter der obersten Bedeutungsschicht Muster und Bezüge zu sehen und fruchtbar zu machen. Es schien, als habe er die abschweifend anreichernde Struktur von Talmudseiten vollkommen verinnerlicht. Die Reise bestand aus lauter Exkursionen. Das Ziel liess sich in der Gegenwart nieder.
Weinreb, der Grundzüge seiner Synopsis jüdischer Schriftinterpretation in seinem Buch «Schöpfung im Wort. Die Struktur der Bibel in jüdischer Überlieferung» (1963; dt. 1994) darlegte, zeigte die geistigen Moleküle des Erschaffenen, wie sie jüdische Denker und Dichter konzipiert hatten. Weinreb hat Dutzende von Büchern veröffentlicht, Hunderte von Stunden Vortragsaufzeichnungen sind auf Tonträgern erhalten.
Dieser jüdische Mystiker sprach und schrieb auch über Geschichten aus der christlichen Lehre, und er tat dies nicht anders als wenn er über Jüdisches sprach. Er vertrat keine Institution, sondern lebte aus einem religiösen Empfinden, das konsequent monotheistisch war. Alle Phänomene waren ihm durchscheinend auf die der Zeiträumlichkeit nicht nur gegenüberstehende, sondern mit ihr jederzeit paradoxal verbundene göttliche Ureinheit. Für christliche Anhänger ist sein müheloser Brückenschlag – für Weinreb kein zu Überwindendes – bis heute ein Faszinosum. Manchen kam das, was Weinreb vortrug, wirr und unzugänglich vor. Es eröffnete allerdings auch die Poesie der jüdischen Überlieferung. Juden hörten Friedrich Weinreb aber nur vereinzelt zu.
Diffuse Beschuldigungen
War die Tatsache, dass kabbalistische Inhalte publik gemacht wurden, der Grund, dass sich jüdische Hörer kaum einstellten? Es war noch etwas anderes. Weinreb war recht eigentlich tabu. Seinen Namen auch nur schon zu erwähnen kam nicht gut an. Man erfuhr auf Umwegen, dass dieser stille Mann mit dem biblisch anmutenden
Innenleben nach dem Krieg in den Niederlanden verurteilt worden war. Haarsträubende Fetzen flogen durch verschwiegene Lüfte, es ging um Listen, mit denen Deportationen manipuliert wurden, von Vergewaltigungen war die Rede, niemand sprach in ganzen Sätzen.
Weinreb hat offenbar ein unglaubliches Unterfangen gewagt. Als in den Niederlanden Anfang 1942 Deportationen ins Sammellager Westerbork begannen, erfand er eine Anlaufstelle, die angeblich im Auftrag der Wehrmacht befugt war, Juden von der «Verschickung» freizustellen, denen erlaubt werden sollte, gegen viel Geld zu emigrieren. Wer auf der «Weinreb-Liste» stand, was 100 Gulden kostete, hatte auf jeden Fall Zeit gewonnen, denn Weinreb trat so furchtlos auf, dass die Deutschen die Sache bedenkenlos schluckten. Er empfahl den unter solchem Schutz Stehenden, sich nicht darauf zu verlassen und unterzutauchen. Als es dazu kam, dass jemand gefasst wurde und Weinreb nannte, wurde er verhaftet. Er verwies dreist auf fiktive Auftraggeber und erfand einen Generalleutnant Herbert Joachim von Schumann beim Oberkommando der Wehrmacht in Berlin sowie zwei Mittelspersonen bei der Haager Kommandantur. Man glaubte ihm. Doch als von Schumann nicht auffindbar war, dämmerte dem Sicherheitsdienst (SD), dass Weinreb betrogen worden war.
Dass nämlich ein Jude die Unverfrorenheit gehabt haben könnte, das alles seiner Fantasie und seinem Kampf für das Leben entspringen zu lassen, das kam ihnen nicht in den Sinn. Man wollte daher über Weinreb an die Hintermänner gelangen – Weinreb wird entlassen; er taktiert weiter, schindet Zeit. Am Ende sieht er sich gezwungen, eine der erfundenen Gestalten zum Beweis auftreten zu lassen, er heuert einen Kriminellen an, den er für die Rolle trainiert, doch der versagt. Weinreb wird erneut verhaftet, seine Familie wird nach Westerbork deportiert. Aber noch immer will man im SD nicht glauben, dass das alles ein Hirngespinst war, doch am Ende trifft auch Weinreb im Mai 1943, von Verhören und Misshandelungen gezeichnet, in Westerbork ein. Sein ältester Sohn ist inzwischen gestorben. Weinreb sollte aber weiter verwendet werden, um an das Geld untergetauchter Juden zu kommen. Er sollte nun auf Geheiss der Nazis weiter seine Liste führen und Versteckte überführen. Wieder spielte er auf Zeit und es gelang ihm, über 1000 Personen für den Weitertransport aus Westerbork zu sperren. Es heisst, Züge seien leer nach Auschwitz gefahren. Als man ihm Anfang 1944 auf die Schliche kam, tauchte er mit seiner Frau Esther Guthwirth und den Kindern im letzten Moment unter.
Nach dem Krieg wurde ihm der Prozess gemacht. Während der Besetzung der Niederlande war es Weinreb nach eigenen Angaben gelungen, rund 1500 Menschen vor der drohenden Ermordung zu bewahren. Die niederländischen Behörden wollten in ihm vor allem einen Kollaborateur sehen, einen Verräter und jemanden, der sich an der Not der anderen bereicherte; er wurde inhaftiert, verurteilt und sass bis Ende 1948 im Gefängnis.
Anhaltende Tabuisierung
Dieses Jahr ist die englische Ausgabe von Jacques Pressers «Ondergang» als Taschenbuch herausgekommen, die im Auftrag der niederländischen Regierung erstellte Studie über den Holocaust in den Niederlanden aus dem Jahr 1965: «Ashes in the Wind. The Destruction of Dutch
Jewry». Der 1970 verstorbene Presser hat darin das Urteil gegen Weinreb angezweifelt, sah in ihm einen Sündenbock, der für anderes, lieber nicht Untersuchtes, hinhalten musste, und er sprach von beinahe einer zweiten Dreyfus-Affäre. Doch das sucht man heute in dieser grundlegenden Abhandlung vergeblich. Das Kapitel über Weinreb ist verschwunden; der Name Weinreb kommt im Index nicht mehr vor.
Seine Motivationen und beherzten Rettungsversuche hat Weinreb selber auf über 3000 Seiten im dreibändigen Werk «Collaboratie en verzet» 1969 (dt. «Die langen Schatten des Kriegs», 1989) auf seine Weise beschrieben. Der erste Band wurde mit dem Literaturpreis der Stadt Amsterdam ausgezeichnet. In die breite Diskussion schalteten sich Medien, Politiker und Intellektuelle ein. So kurz nach den provokanten Thesen in Hannah Arendts «Eichmann in Jerusalem» wurde die Rolle der Judenräte und anderer Ohnmächtiger, die zu helfen versuchten, heftig erörtert. Die Diskussion ist bis heute verfahren, ein sachlicher, die ausserordentliche Lage dieser verzweifelten Menschen mitbedenkender Modus hat sich nicht eingestellt.
1976 stellte ein Bericht des niederländischen Reichsinstituts für Kriegsdokumentation (von D. Giltay Veth und A. J. van der Leeuw) Weinreb als Schwindler und Verräter hin. Zuletzt hat Regina Grüter 1998 solche Anschuldigungen wiederholt, und ihr schliesst sich auch Yad Vashem mit Dan Michman an – der selber aus den Niederlanden stammt und Teil der aufgeheizten Diskussion ist.
2003 berichtete René Zwaap in «De Groene Amsterdammer» von einer sich langsam abzeichnenden Rehabilitation Weinrebs. Doch heute sagt er: «Im Moment ist die Weinreb-Diskussion in den Niederlanden so gut wie tot. Regina Grüters Buch wird – aus meiner Sicht völlig ungerechterweise – allgemein als das letzte Wort in dieser Sache angesehen. Interessant ist das Buch von René Marres, der tiefschürfend erklärt, auf welche Weise der offizielle Weinreb-Bericht von Van der Leeuw und Giltay Veth eine Verfälschung von Tatschen darstellte. Ein wichtiges Buch ist zurzeit bei Jan Werkman in Arbeit. Weinreb ist einerseits ein Opfer des niederländischen Antisemitismus, anderseits hat er aber in der hiesigen jüdischen Gemeinde kaum Verteidiger. Die ganze Affäre ist in diesem Land ein grosses Tabu.» Zwaap selber hat auf seine Artikel über Weinreb äusserst gehässige Reaktionen erhalten. Und in einem aufschlussreichen Artikel von Yair Sheleg, der am 5. Mai 2005 in «Haaretz» erschienen ist, («The continuing mystery of Friedrich Weinreb») berichtet ein Sohn Weinrebs unter anderem, dass bis heute die Feindseligkeiten nicht aufhören: Vor jeder Hochzeit einer seiner Töchter erhielt die Familie des Bräutigams Anrufe, die sie davon abhalten sollten, in «die Familie eines Mörders» zu heiraten.
Die Zeit scheint immer noch nicht gekommen, mit diesen Geschichten einen verantwortungsvollen Umgang zu finden. Weinreb wird verteufelt als Verräter und Halunke, Weinreb wird als Held und Retter gesehen. Die Fronten sind versteift wie in einem Glaubenskrieg. Die feindliche Atmosphäre trieb Weinreb – der nach dem Krieg von der niederländischen Regierung nach Indonesien geschickt worden war und in Jakarta und Kalkutta, später in der Türkei Hochschulprofessor und von 1961 bis 1964 Berater bei den Vereinten Nationen in Genf war, aus Holland. Nach zwei Jahren in Israel liess er sich in der Schweiz nieder. Hier entwickelte er seine intensive Vortragstätigkeit. 1980 wurde die Friedrich-Weinreb-Stiftung in Zürich gegründet. Sie will das schriftliche und auf Tonträger gesprochene Werk für künftige Generationen erhalten.
«Weinrebs Liste» hat ihren Film noch nicht gefunden – es ist noch nicht möglich, mit der ungeheuren, verwirrenden, zutiefst ungemütlichen Komplexität der Kriegsrealität umzugehen. Sie als Realität zu akzeptieren auch dort, wo ein allzu einfaches Opfer-Täter-Schema nicht mehr funktioniert.