Der Beschwichtiger

June 4, 2009
Der Bürgermeister Amsterdams, Job Cohen, führt seine Stadt ganz in der Tradition des Philosophen Baruch Spinoza. Religiöser Frieden und die Integration von Neueinwanderern sind dabei oberste Priorität.

Nach den Anschlägen von «9/11» führte der wachsende islamische Fundamentalismus zu Spannungen im multikulturellen Amsterdam. Der Mord an Filmemacher Theo van Gogh durch einen jungen Niederländer marokkanischer Herkunft im November 2004, der über van Goghs provokativen Film «Submission» und dessen Kritik am Islam erzürnt war, wäre fast zum Funken im Pulverfass geworden. Während es in anderen Teilen der Niederlande daraufhin Vergeltungsmassnahmen gab, blieb es in Amsterdam überwiegend ruhig. Dies war vor allem der raschen Reaktion des Bürgermeisters der Stadt, Job Cohen, zu verdanken, der sofort nach dem Mord eine Toleranz-Kundgebung organisierte und alle Amsterdamer dazu aufrief, mitzumachen. Sowohl Cohens erfolgreiche Intervention als auch seine späteren Bemühungen um Ruhe in der Stadt machten ihn zu einer international anerkannten Persönlichkeit. 2005 nahm ihn das «Time Magazine» auf die Liste von «Europas Helden», 2006 wurde er unter den 50 Finalisten beim Wettbewerb um den weltbesten Bürgermeister Zweiter und 2008 wurde ihm als erstem Nicht-Amerikaner der Martin-Luther-King-Preis verliehen.  
Amsterdams Bürgermeister ist kein gewählter Politiker. Er wird vom Stadtrat als Bürgermeister ernannt und amtet für jeweils sechs Jahre. Zudem wird er von der Königin ins Amt berufen. Cohen wurde 1947 geboren und hat ein Ph.D. in Jura. Er verfolgte zuerst eine akademische Laufbahn, bevor er für kurze Zeit als Erziehungsminister und stellvertretender Justizminister amtete. Im Januar 2001 trat er sein Amt als Bürgermeister an und wurde 2006 angefragt, eine zweite Legislatur zu machen. Kurz nach seinem ersten Antritt demonstrierte er die gelebte Toleranz, die für seine Amtsführung so zentral werden sollte, als er die erste Homosexuellen-Hochzeit durchführte.

Erinnerung an einen Helden

Im Jahr 2002 sprach er an der jährlichen Cleveringa-Vorlesung an der Universität Leiden über die Verbindung zwischen seinem eigenen assimiliert-jüdischen Background und dem Mann, nach dem der Vorlesungszyklus benannt ist. Im November 1940 hatte der Rechtsprofessor Rudolph Cleveringa gegen die Entlassung des berühmten Rechtsgelehrten Eduard Meijers und anderer jüdischer Kollegen durch die deutschen Besatzer in Holland protestiert. Cleveringa war eines Tages mitten in Meijers Vorlesung geplatzt und hatte die anwesenden Studenten daran erinnert, dass «die holländische Verfassung jeden Niederländer dazu berechtigt, jedes Amt und jede Funktion zu übernehmen, und dass jeder Niederländer unabhängig von seiner Religion dieselben Bürger- und Zivilrechte hat». Unter den Studenten, die Cleveringa zuhörten, war auch Job Cohens Mutter. Sie hat diese Unterstützung auf dem Höhepunkt der holländischen Judenverfolgung nie vergessen. Hetty Cohen überlebte den Krieg in einem Versteck. 62 Jahre später erinnerte ihr Sohn an diesen Moment in seiner Familiengeschichte, während er Hollands Neueinwanderern beteuerte, dass sie trotz vorübergehender Spannungen auch «dazugehörten».
Cohens Hauptanliegen bleibt es, die Spannungen zwischen Amsterdams verschiedenen ethnischen Gruppen zu dämpfen und die verschiedenen Kulturen einander näherzubringen. Viele der Neueinwanderer leben in ausschliesslich von Ausländern bewohnten Quartieren, die mit Satellitenschüsseln zugepflastert sind, dank denen die Bewohner mit ihrem Heimatland verbunden bleiben. Da die räumliche Trennung auf den tiefen Einkommen der Einwanderer gründet und nicht etwa auf Ausländerhass, versucht der Bürgermeister die Wohnquartiere der Ausländer aufzuwerten, indem er dort Wohnhäuser für den Mittelstand bauen lässt. In einem weiteren Bestreben um Integration hat Cohen es dem Bürgermeister von Rotterdam, Ahmed Aboutaleb, einem Holländer marokkanischer Herkunft, gleichgetan. Aboutaleb hat die Liste mit marokkanischen Namen abgeschafft, welche Eltern marokkanischer Abstammung jeweils bei der Registrierung ihrer neugeborenen Kinder bei der Stadt berücksichtigen mussten. Die Namen sollten spätere allfällige juristische Angelegenheiten mit Marokko vereinfachen, aber das Prozedere war ganz klar diskriminierend. Cohen schlug vor, dass die Liste beim marokkanischen Konsulat hinterlegt werde, aber dass Konsultationen freiwillig sein sollen.
Dass der Umgang mit Amsterdams muslimischer Gemeinschaft für den Bürgermeister jedoch auch immer wieder eine Gratwanderung ist, wurde jüngst wieder augenscheinlich, als Cohen sieben Mitglieder der marokkanischen Gemeinde aufgrund von Terrorwarnungen verhaften liess. Alle Verdächtigen wurden mit früheren Zwischenfällen in Europa in Verbindung gebracht. Als die Terrorwarnungen fallen gelassen wurden, liess man auch die Verdächtigen wieder frei. Die muslimische Gemeinschaft forderte daraufhin eine Entschuldigung, was der Bürgermeister ablehnte. Er müsse sich für nichts entschuldigen, sagte Cohen, denn seine oberste Priorität sei es immer noch, die Sicherheit in der Stadt zu gewährleisten.

Investition in die Wirtschaft

Wie andere moderne Städte wächst auch Amsterdam kontinuierlich. Eines der grossen Dossiers, die der Bürgermeister betreut, ist die Erweiterung rund um den Flughafen Schiphol, eine Gegend, die zu einem neuen kommerziellen Zentrum für lokale und internationale Firmen werden soll. Das Geschäftsviertel namens Zuidas ist ein Gemeinschaftsprojekt der Stadt Amsterdam, des holländischen Finanzministeriums und von privaten Investoren. Auch der Norden der Stadt erlebt zurzeit eine Wiederbelebung dank neuen kulturellen Einrichtungen (wie zum Beispiel die Zentralbibliothek, ein Konzertsaal oder ein Wissenschaftsmuseum) und modernen Wohnhäusern. Diese beiden Quartiere Amsterdams hätten eigentlich durch die Nord-Süd-Linie verbunden werden sollen, die erste U-Bahn in Amsterdams Innenstadt, an welcher seit Jahren gebaut wird. Kürzlich aber mussten die Bauarbeiten gestoppt werden, weil die Tunnelgrabungen schwere Schäden an einigen historischen Gebäuden entlang einer der Grachten angerichtete hatten. Cohen ist überzeugt, dass die Nord-Süd-Linie Amsterdam einen wirtschaftlichen Aufschwung bescheren würde, doch zurzeit ist die Finanzierung des Projektes in Frage gestellt. Der Bürgermeister ist das öffentliche Gesicht der Stadt Amsterdam. Er empfängt ausländische Gäste, führt Paraden an oder nimmt an Vernissagen teil. Als der Grundstein für eine neue Reformsynagoge gelegt wurde, hielt er eine leidenschaftliche Rede über die Geschichte der Juden in den Niederlanden. Er erinnerte seine Zuhörer daran, dass «die Juden in Holland bis zum Zweiten Weltkrieg besser integriert waren als sonstwo in Europa». Hier konnten sie ihr Geld verdienen, frei leben und ihre Religion ausüben – und dies alles mit einem Minimum an Antisemitismus. Zudem waren sie in diesen Jahren praktisch nie Opfer von antisemitischen Übergriffen oder Verfolgung. Umso schockierender kam für sie dann der Krieg …Unter dem Fenster des Büros des Bürgermeisters steht die Statue des Philosophen Baruch Spinoza. Um die Tradition der Stadt, Aussenseiter zu integrieren, zu symbolisieren, hat der Künstler Nicolas Dings Sittiche auf den Umhang des Philosophen gegossen. Die exotischen Vögel, Abkömmlinge von entwichenen Haustieren, haben sich in den letzten Jahren vermehrt in Amsterdam angesiedelt. Auf dem Sockel der Statue Spinozas steht dessen Aussage: «Das Ziel des Staates ist die Freiheit.» In den acht Jahren als Bürgermeister von Amsterdam hat Job Cohen seinen selbst gewählten Auftrag, Neueinwanderer zu integrieren, ausgeführt, ohne dabei Spinozas Erbe zu vergessen.    ●


Monica Strauss ist Journalistin und lebt in New York.