Der aus der Stadt der Toten sang
Wenn ich an Hermann Adler denke, denke ich auch an seine Frau Anita Distler. 56 Jahre waren sie verheiratet, als Anita im Oktober 1997 starb, und die Hochzeit war eine Registrierung im Ghetto von Wilna 1941. Es war schön, den beiden zuzuhören, wenn sie über diese Episode ihres Lebens berichteten. Es gibt eine Radiosendung mit dem Titel «Die Geschichte einer Liebe», in der Anita und Hermann Adler sich erinnern, wie alles zwischen ihnen in einer Milchbar in der polnischen Ukraine anfing, wo Anita deutsche Schlager sang, wie sie dann zusammen nach Litauen flohen, sich in den Ghettos von Wilna und Warschau am Widerstand gegen die deutschen Eroberer und Mörder beteiligten, nach Budapest fliehen konnten, schliesslich aus Bergen-Belsen freigehandelt wurden und in einem Militärlager in der Schweiz landeten. Es war auch schön, ihnen bei diesem Erinnerungsbericht zuzuschauen. Dann sah man leuchtende Augen und zwei alte Menschen, die ganz eins waren, und man hörte sie fröhlich lachen, ab und an.
Hermann Adler wurde am 2. Oktober 1911 in Deutsch-Diosek geboren. Der Ort gehörte damals zu Ungarn, später zur Tschechoslowakei, und Hermann Adlers Grossvater lebte dort als Lehrer. Die Eltern, der Vater Gymnasiallehrer, die Mutter Journalistin, wohnten in Nürnberg. In Nürnberg wuchs Hermann Adler auf, dort ging er zur Schule, und er wurde ebenfalls Lehrer. Sein Vater hatte ihm gesagt: «Weisst du, Hermann, ich bin Gymnasiallehrer, das kann ich sein. Hausmeister in der Schule wäre ich nie geworden. Da hätte man mich als Juden nicht genommen.» Hermann Adler bekam 1933 seine erste Stellung im schlesischen Nest Landshut in einer Schule für schwachbegabte Kinder. Bereits ein Jahr später warnte ihn der mit dem Vater bekannte Schulrat, es seien zwar blödsinnige, aber sehr ernst zu nehmende Gerüchte im Umlauf, und Hermann Adler müsse so schnell wie möglich das Land verlassen. Er ging in die Tschechoslowakei und fand bald Beschäftigung als freischaffender Journalist bei der deutschsprachigen Presse in Prag, Pressburg und anderen Orten. In den Blättern schrieb Hermann Adler über Themen, die er lebenslang verfolgen würde: Psychologie, vergleichende Religionswissenschaft und Symbolik. Gerade die Symbolik war sein Lebensthema: «Der Jude war in der Nazizeit selbst ein Symbol. Es ging ja nicht um den Juden Cohn, Levy oder Rosenbaum. Es ging um ein Symbol des angeblich Bösen.» Dafür interessierte sich auch Max Brod, der beim «Prager Tageblatt» Adlers Artikel redigierte.
1938 besetzten Hitlers Wehrmacht und Verwaltung die Tschechoslowakei. Hermann Adler floh nach Polen, schloss sich dort der tschechischen Legion an und ging nach dem deutschen Überfall auf Polen über das russische Lwow (Lemberg) ins litauische Wilna, und auf diesem Weg lernte er Anita Distler kennen.
Der Rhythmus eines Gedichts
In Wilna gab es vor dem Einmarsch der Deutschen und der Errichtung des Ghettos einen Kreis junger Dichter, «Jung Wilna». Sie schrieben weiter über das, was um sie herum und mit ihnen geschah. Hermann Adler schloss sich dem Kreis an.
Hermann Adler schrieb in Wilna «Gesänge aus der Stadt des Todes» als «Selbstaussprache», als «psychotherapeutische Selbstbehandlung». Bald darauf entstand «Ostra Brama - Legende aus der Zeit des grossen Untergangs». Diese Prosaarbeit schrieb Adler «aus tiefem Dankbarkeitsgefühl für ein Kloster, von dem ich wusste, dass dort zehn prominente Mitglieder der Jüdischen Gemeinde von Wilna versteckt waren.» Veröffentlicht wurde «Ostra Brama» 1945 in Zürich, und bald darauf gab es eine Ausgabe in Polen. Die «Gesänge» kursierten schon zuvor in einem Privatdruck. Franz Fritsch, Mitglied des jüdischen Widerstands in Wilna, verbreitete sie 1943 in Ungarn und schickte sie als Warnung vor kommendem Unheil an etliche Politiker. «So», erinnerte sich Hermann Adler, «wurde ich zum deutschen Widerstandsdichter, etwas, woran ich überhaupt nie gedacht hätte. Ich habe diese Gedichte für mich geschrieben. Ich dachte auch gar nicht, dass ich den Krieg überleben könnte.»
Melodien des Krieges
Offiziell erschienen die «Gesänge aus der Stadt des Todes» noch vor Kriegsende in Zürich und bald darauf auch im britischen Mandatsgebiet Palästina. Das war dann auch ein Grund dafür, dass Hermann Adler mit einer Nachdichtung des grossen letzten Werkes des jiddischen Lyrikers und Bühnenautors Jizchak Katzenelson (1886-1944), «Dos lid funem ojsgehargetn jidischn folk», betraut wurde, als die in Gründung befindliche israelische Regierung 1945 gerade dieses «Lied vom letzten Juden» (Adlers Titel) in der Sprache der Mörder veröffentlicht sehen wollte. Es erschien 1951 in Zürich bei Oprecht.
In Wilna trafen Anita und Hermann Adler den Wehrmachtsfeldwebel Anton Schmid. Mit ihm organisierten sie die Flucht von 350 Menschen aus dem Ghetto, bis Schmids Fluchthelfertätigkeit aufgedeckt wurde. Ein Kriegsgericht verurteilte den Feldwebel zum Tode durch Erschiessen. Zum Gedenken an ihn pflanzte Hermann Adler 1988 einen Baum in der «Allee der Gerechten der Völker» in Jerusalem. Er hatte dem hilfsbereiten Wiener bereits zuvor ein Fernsehdokumentarspiel gewidmet, für das er den DAG-Fernsehpreis zugesprochen bekam.
Nach Schmids Hinrichtung gelang den Adlers die Flucht nach Budapest, wo sie beim Presseattaché der schwedischen Botschaft, Waldemar Langlet, Unterschlupf fanden.
Glück, Wunder und Zufall
Eine geplante Flucht nach Palästina über Rumänien scheiterte. Die Adlers wurden inhaftiert und nach Bergen-Belsen deportiert. Wie durch ein Wunder gehörten sie dann zu den 1700 Juden, die durch einen Eichmann-Handel mit Lastwagen in die Schweiz gelangten. Es war ihre Rettung, auch wenn die erste Zeit im Militärlager in Caux-sur-Montreux alles andere als angenehm war.
Anita Adler-Distler wurde an das Basler Opernhaus engagiert, Hermann Adler begann zunächst illegal, dann legal, für den Schweizer Rundfunk zu arbeiten, später auch für westdeutsche Radiostationen. Hermann Adler hat mehr als fünfhundert Vorträge vor allem in Schulen gehalten.
Er war kein sehr gepriesener Autor. 1946 bekam er für seine «Gesänge aus der Stadt des Todes» den Literaturpreis der Stadt Zürich, 1991 (zum 80. Geburtstag) den Salomon-David-Steinberg-Preis für Literatur und Kunst in der Israelitischen Gemeinde Basel. Und Hermann Adler musste erleben, dass eines seiner Hauptwerke, die Nachdichtung von Katzenelsons «Lied vom letzten Juden», zwei Jahre nach der Neuauflage durch eine mit beispiellosen Knalleffekten garnierte Übersetzung von Wolf Biermann an den Rand gedrängt wurde.
Wenn ich an Hermann Adler denke, höre ich seine Stimme. Sie ist leise und hat einen fränkischen Akzent, sie bringt Dinge zu Gehör, die verstören können. Aber was er mit seiner Stimme sprach, war wahr. Er war ein wundervoller Mensch. Seine Ruhe möge friedlicher sein als sein Leben.