Der Auftrag der Erinnerung

August 31, 2009
Bundespräsident Horst Köhler zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus.

Die Nationalsozialisten kamen weit mit dem Versuch, das Volk zu vernichten, das nach biblischer Überlieferung von Gott die Zehn Gebote erhalten hat, und sie wollten diese Gebote selbst und den Respekt vor der Heiligkeit des Lebens auslöschen. Sie wollten den Deutschen das Gewissen austreiben. So ist die Schoah mehr als ein ungeheuerlicher Verstoss gegen moralische Prinzipien, die alle Kulturen und Religionen verbinden. Sie ist der Versuch, alle Moral abzuschaffen.
Das Menschheitsverbrechen der Nationalsozialisten hat gezeigt, wie dünn der Firnis der Zivilisation ist, wie zweischneidig die Errungenschaften von Wissenschaft und Technik, wie zerbrechlich die kulturellen Sicherungen, auf die wir uns täglich wie selbstverständlich verlassen.

Hitler und seine Leute hätten ihre Verbrechen nicht begehen können, wenn es nicht so viele Mittäter und Mitläufer gegeben hätte: glühende Fanatiker, aber auch «ganz normale» Männer und Frauen, stumpfe Befehlsempfänger und bedenkenlose Profiteure, in denen uns die Banalität des Bösen begegnet. Und schliesslich die vielen, die wegschauten und schwiegen. Diese Vergangenheit in eine Beziehung zur eigenen Gegenwart und Zukunft setzen und Lehren aus ihr ziehen – das ist der Sinn unseres Erinnerns. Wir erinnern uns aus Respekt vor den Opfern. Wir erinnern uns, um aus der Geschichte zu lernen. Und wir erinnern uns um unserer selbst willen. Denn Erinnerung bedeutet auch: Nach der Wahrheit, nach einem festen Grund für das eigene Leben suchen.

Bekenntnis zu Menschlichkeit und Freiheit

Wer sich der eigenen Vergangenheit nicht stellt, dem fehlt das Fundament für die Zukunft. Wer die eigene Geschichte nicht wahrhaben will, nimmt Schaden an seiner Seele. Das gilt für jeden Menschen. Und ich bin überzeugt: Es gilt auch für Völker und Nationen. Denn nur mit der Erinnerung leben, birgt die Chance, mit sich und anderen ins Reine zu kommen.
Die Verantwortung aus der Schoah ist Teil der deutschen Identität. Die Trauer über die Opfer, die Scham über die furchtbaren Taten und der Wille zur Aussöhnung mit dem jüdischen Volk und den Kriegsgegnern von einst – sie führen uns zu den Wurzeln unserer Republik: «Die Würde des Menschen ist unantastbar.» So lautet der erste Artikel unseres Grundgesetzes. Dieser Satz ist die Antwort auf die Erfahrung der Hitler-Diktatur. Er ist ein Bekenntnis zu Menschlichkeit und Freiheit.
Es geht um die Frage, wie Menschen – also: wie wir miteinander umgehen: Wie wollen wir miteinander leben – in unserem Land, in unserer Welt? Wie gelingt es uns, wenn wir einander begegnen, bei all unserer Verschiedenheit nie zu vergessen: Der andere, das ist ein Mensch. Einzigartig. Gleichwertig. Teil der Schöpfung, wie du und ich.
Das geht uns alle an; ganz gleich, wann und wo wir geboren sind; ganz gleich, ob wir zur Generation der Kinder, der Enkel oder Urenkel gehören.
Wir Deutschen haben uns unserer Geschichte gestellt. Und wir lassen in unserem Ringen mit ihr nicht nach. Ich bin froh, dass gerade auch junge Menschen weiter Fragen stellen. Sie wollen wissen: Was geschah mit den Juden in unserer Stadt? Was wurde aus den Patienten der örtlichen Psychiatrie? Wie lebten Christen und Juden in den Jahrzehnten und Jahrhunderten vor 1933 zusammen? Welches Schicksal hatten die überlebenden Opfer nach 1945 – welches die Täter? Und: Wie gehen wir heute mit Minderheiten um? Was können wir dagegen ausrichten, wenn neuer Ungeist sich regt? Diese Fragen sind nicht neu. Aber es ist wichtig, dass sie immer neu gestellt werden.

Aufklärung als gemeinsames Ziel

Millionen von Kindern und Jugendlichen sind mit dem «Tagebuch der Anne Frank» und Judith Kerrs Roman «Als Hitler das rosa Kaninchen stahl» gross geworden. Und in den vergangenen Jahren gab es auch beeindruckende Versuche für neue literarische Zugänge zu diesem schwierigen Thema. Ich denke zum Beispiel an Art Spiegelmans Bildgeschichte «Maus» oder die Comic-Reihe des Anne-Frank-Hauses, die auf grosses Interesse gestossen sind.

Ich sehe hier eine gemeinsame Aufgabe für alle in Deutschland, denen die Zukunft der Erinnerung wichtig ist. Sie sollten zusammenfinden und zusammen arbeiten. Wir wollen dafür viele Wege bahnen, und für junge Menschen auch viele Wege ausserhalb des Klassenzimmers. Wir wollen erreichen, dass alle Schulen in ihrem Umfeld gute Partner für den Geschichtsunterricht finden können.
Die Anstrengung lohnt sich, das wissen alle Lehrerinnen und Lehrer, die sich in diesem Bereich schon engagieren und denen ich an dieser Stelle von Herzen danke. Die Anstrengung lohnt sich auch deshalb, weil diese historische Bildung zugleich ein Baustein für die Humanität der Gesellschaft ist, in der wir morgen leben werden. Das Ziel ist hoch gesteckt: Wir wollen erreichen, dass die Seele jedes Menschen berührt wird vom Leid der Opfer, vom Mut der Helfer und von der Niedertracht der Täter.

Das ist unser gemeinsamer Auftrag.   

Dieser Beitrag ist der Rede von Bundespräsident Horst Köhler zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar 2009 entnommen.