Der Aufklärung verpflichtet
Am 13. September 1886 war es endlich soweit. Nach mehr als vier Verlobungsjahren schlossen Sigmund Freud und die Hamburgerin Martha Bernays im Rathaus in Wandsbek, heute ein Stadtteil von Hamburg, den Bund der Ehe. Tags darauf trat das Paar in Wandsbek unter die Chupa, der Abneigung Freuds gegen religiöse Zeremonien zum Trotz. Der Bräutigam musste sich, da die Jungvermählten in Wien leben würden, den dort herrschenden Gesetzen beugen. Und diese verlangten für eine rechtsgültige Eheschliessung mehr als eine standesamtliche Unterschrift. Auch die 25-jährige Braut musste sich einem Kompromiss beugen. Das Jawort unter dem Hochzeitsbaldachin war für sie zugleich ein bewegender Abschied. Freud hatte von seiner Zukünftigen verlangt, der Religionsausübung nach der Vermählung zu entsagen. Die strenggläubige Jüdin hielt sich daran, schweren Herzens. Erst ein halbes Jahrhundert später, als Witwe in London, besann Martha Freud sich ihrer religiösen Prägung und Frömmigkeit: Am Sabbat nach dem Tod ihres Mannes im September 1939 entzündete die Rabbiner-Enkelin erstmals wieder die Kerzen.
Sigmund Freud war ein ehrgeiziger Arzt und Forscher, ein atheistischer Jude, als Schüler schon ein geistiger Oppositioneller und als Student ein aufgeklärter Naturwissenschaftler, ein Aufsteiger und Überflieger, der seine Überzeugungen rigoros zu vertreten verstand. All das hatte seine junge Braut gewusst. Die vielen hundert Briefe, die der fünf Jahre ältere Freud während der Verlobungszeit aus Wien an seine Angebetete im fernen Wandsbek schrieb, zeugen von unerschütterlicher Liebe – und von Kampf. Von Freuds leidenschaftlichem Kampf für seine radikalen Ideen, aus denen schliesslich die Psychoanalyse erwuchs. Und davon, wie sein Ringen um Martha, dieses für ihn fast unerreichbare Mädchen, seine «Märchenprinzessin», ihn und sein Denken beeinflusste. Dass die von ihm heftig Umworbene aus der hochangesehenen Intellektuellenfamilie Bernays stammte, spielte dabei eine wichtige Rolle. Denn dass der unbeirrbare Freud die Abkehr vom Glaubensbekenntnis ausgerechnet von einer Bernays forderte, zeugt von mehr als dem Ausgang vorehelicher Machtkämpfe: Indem er den demonstrativen Bruch mit der Religion von einer Jüdin erwartete, deren Grossvater einer der bedeutendsten Rabbiner Deutschlands gewesen war, erhob Freud seine Forderung zu einer Symbolhandlung. Seine private Kampagne gegen die religiöse Tradition war gewissermassen auch ein Angriff auf orthodoxe – nicht nur jüdische – Geisteswelten, ein Appell an die Vernunft und eine Offensive für die Idee der Aufklärung.
Für Vernunft und Integration
Marthas Grossvater Isaac Ben Jacob Bernays (1793–1948) war 1821 aus dem Raum Mainz nach Hamburg gekommen, wo er als Oberrabbiner wirkte und den Titel Chacham (Weiser) führte. Er hatte 1812 dank der von den französischen Besatzern eingeführten Gleichstellungsgesetze in München das Studium aufnehmen können und war einer der ersten deutschen Rabbiner, die neben dem Talmud- auch ein universitäres (Philosophie-) Studium absolvierten. Er blieb dem orthodoxen Judentum verbunden, aber reformierte den Gottesdienst. So predigte er – absolutes Novum – auf Deutsch. Auch den Unterricht an der Talmud-Thora-Schule passte er stärker der sozialen Wirklichkeit an. Unter der Ägide des talmudisch wie weltlich gleichermassen gebildeten Rabbiners Bernays wurde der Lehrplan 1822 umgestaltet, ein Teil des jüdischen Lehrstoffes gestrichen. Fortan wurde die Allgemeinbildung der Schüler gefördert und beruflich nützliche Fähigkeiten wie Rechnen auf kaufmännischem Niveau wurden verstärkt unterrichtet. Vor allem auf das Erlernen der deutschen Sprache wurde mehr Wert gelegt. Da es nicht möglich war, orthodox eingestellte jüdische Lehrer zu finden, die Deutsch in ausreichendem Masse beherrschten, wurden junge christliche Theologen als Deutschlehrer berufen. Die moderne jüdische Schule erfreute sich rasch grosser Beliebtheit. Als 1851 die Schülerzahl auf 230 angewachsen war, musste die Schule in ein grösseres Gebäude an den Kohlhöfen in der Innenstadt umsiedeln. Dort befand sich auch eine Synagoge.
Isaac Bernays hatte drei Söhne. Im Jahre 1826 wurde Berman Bernays, Martha Freuds Vater, geboren. Er war als Kaufmann tätig. Jacob und Michael Bernays hingegen schlugen akademische Laufbahnen ein. Vom neuorthodoxen Vater in rabbinischen Lehren unterwiesen, gehörte Jacob Bernays wie sein Bruder, der Germanist Michael Bernays, später zu den jüdischen Intellektuellen, die zugleich in der jüdischen und der deutschen akademischen Welt hervorragten. Als im Talmud und in den klassischen Sprachen ausgebildeter Sohn des Hamburger Oberrabbiners war Jacob Bernays – noch vor der Revolution von 1848 – eine Ausnahmeerscheinung an der preussischen Universität in Bonn. Bernays immatrikulierte sich dort 1844 und studierte Klassische Philologie und Philosophie, die er historisch und kritisch zu erneuern verstand. Universitär und kulturell setzte Bernays sich ab. Gerade die relative Aussenseiterposition ermöglichte ihm die Integration neuer Ideen und die Entwicklung einer neuen Methodik, schreibt Jean Bollack in seinem Buch «Ein Mensch zwischen zwei Welten. Der Philologe Jacob Bernays». Was wie ein Spagat anmutet, war eine bahnbrechende geistige Integrationsleistung: Indem die vollkommene Akkulturation in Form einer Verschmelzung jüdischer und klassischer Hochkultur gelang, erwies sich die jüdische Tradition durch ihre rationalistische, emanzipatorische Kraft als der eigentliche Kern der seinerzeit neuen deutschen Kultur, einer modernen Kultur, die sich zusehends den Positionen der Aufklärung gegenüber öffnete und sich der Idee der «Vernunft» stellte. Für Bernays war die Universität der Ort der Vernunft, und diese Vernunft jüdisch.
Zwischen zwei Welten
Jüdisch und zugleich sehr deutsch, seinerzeit war das etwas Paradoxes. Da Jacob Bernays darauf verzichtete, zum Christentum zu konvertieren, blieb ihm die Ernennung zum ordentlichen Professor versagt. Lange unterrichtete der Altphilologe in Breslau im Jüdisch-Theologischen Seminar angehende Rabbiner. Der auch dort tätige – und ebenfalls von Sigmund Freud bewunderte – führende Historiker Theodor Mommsen sprach von Bernays als einem, der «immer zugleich anregt und abstösst», schreibt Till van Rahden in seinem Buch «Juden und andere Breslauer». Während Jacob schliesslich zum ausserordentlichen Professor und zum Hauptbibliothekar an der Bonner Universitätsbibliothek berufen wurde, verlief der Werdegang seines Bruders Michael Bernays in anderen Bahnen. Auch Michael, ein bedeutender Germanist und Goethe-Forscher, war ein prägender Intellektueller des 19. Jahrhunderts, er hatte einen bedeutenden Lehrstuhl in München inne. Im Gegensatz zu Jacob konvertierte er vom Judentum zum Protestantismus, was zum letztlich nicht lösbaren Konflikt mit dem Bruder führte. Doch ob Rabbiner oder Universitätsprofessor, ob orthodox oder konvertiert, eines einte Isaac und seine Söhne: Die Bernays waren frühe Vertreter eines neuen Verständnisses vom Umgang mit dem Judentum.
Heute sind noch Spuren der Intellektuellen-Familie Bernays in Hamburg zu finden: Das Grab des Chacham Isaac auf dem Jüdischen Friedhof Ilandkoppel, der, 1883 angelegt, der einzige der erhaltenen jüdischen Friedhöfe der Stadt ist, der heute noch als Begräbnisstätte genutzt wird. An der Ilandkoppel in Hamburg-Ohlsdorf liegt auch Sophie Halberstadt-Freud begraben. Sophie, eine Tochter von Sigmund Freud und Martha Bernays, starb 1920 in Hamburg. Die mit dem Hamburger jüdischen Fotografen Max Halberstadt verheiratete junge Mutter war der damals grassierenden Grippewelle zum Opfer gefallen. Viele andere Spuren der Bernays in Hamburg indes sind verwischt. Der Name ist mit der deutschen Geistesgeschichte untrennbar verbunden. Die Synagoge Kohlhöfen aber, wo der Rabbiner Isaac Bernays einst wirkte und das Judentum reformierte, steht nicht mehr.
Katja Behling ist Journalistin und Publizistin und lebt in Hamburg.