Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm…

May 16, 2008
In der NHL, der stärksten Eishockey-Profiliga, hat ein weiterer jüdischer Profi den Durchbruch geschafft: Eric Nystrom will, wie sein berühmter Vater, eines Tages den Stanleycup in die Luft stemmen.
<strong>Voller Einsatz </strong>Eric Nystrom (r.) im Zweikampf mit Matt Carle von den San Jose Sharks

Im Jahre 1980 wurde Bob Nystrom zu einem Eishockey-Helden. Er erzielte das entscheidende Tor zum ersten Stanleycup-Sieg der New York Islanders. In Spiel sechs der Best-of-Seven-Finalserie gegen die Philadelphia Flyers machte er mit dem 5:4 nach sieben Minuten und elf Sekunden der Verlängerung alles klar. Es war zudem der Beginn einer neuen «Ära» in der NHL: Die Islanders begannen damals ihre vier Jahre dauernde Regentschaft in der stärksten Liga der Welt und lösten die Montreal Canadiens als bestbesetztes Team ab, bevor sie dann wiederum abgelöst wurden – von den Edmonton Oilers mit einem gewissen Wayne Gretzky in ihren Reihen. Bob Nystroms Stern ging 1980 auf, im Jahr, als auch dem blutjungen US-Olympiateam in Lake Placid mit einer College-Nationalmannschaft die vielleicht grösste Sensation im modernen Sport gelang.

Einer der ersten grossen jüdischen NHL-Stars

Bob Nystrom war ein echter Schwerarbeiter auf dem Eis. Bei den Gegnern war er wegen seiner aufsässigen Spielweise und seines losen Mundwerks gefürchtet – und unbeliebt. Aber in seinem Team wurde er umso mehr geachtet, er nahm innerhalb der Mannschaft eine wichtige Funktion ein: Er konnte nämlich nicht nur die Stars des Teams unterstützen oder die Topspieler der Gegner einschüchtern, sondern auch wichtige Tore schiessen sowie als Wortführer und Motivator in der Kabine Akzente setzen.

Der Kanadier war mit vier Jahren aus Schweden nach Kaloops Alberta, unweit von Calgary, gezogen. Nystrom war zwar nicht der erste NHL-Star jüdischen Ursprungs, aber er war wohl der erste, der es in der Liga zu Weltruhm brachte. Seine Mutter hatte jüdische Wurzeln und Bob Nystrom wollte diese Tradition wahren.

Die Familie sollte jüdisch geprägt -werden – auch sein talentierter Sohn Eric. Dieser wollte in die grossen Fussstapfen seines Vaters treten, und nach einer Anlaufzeit in den unteren Ligen schaffte er es tatsächlich: Im Verein seines Herzens, bei den Calgary Flames, in der Region, wo sein Vater aufgewachsen ist, bevor er in New York Eishockeygeschichte schrieb, schaffte der 25-jährige Eric Nystrom den Durchbruch als NHL-Profi.

Wie der Vater, so der Sohn?

In dieser Saison wurde er in immerhin 44 von 82 Partien eingesetzt und erzielte zehn Punkte. Er war danach in den Playoffs Stammspieler und bestritt alle Partien. Der junge Nystrom erinnere an seinen Vater, sagt sein Trainer Mike Keenan, der Nystrom senior gut kannte. Keenan ist ein NHL-Veteran und eine Trainerlegende, einer der unbequemsten und strengsten seiner Zunft. Ihm gefällt die Spielweise von «Eric the Viking» (sein Vater wurde aufgrund seiner Herkunft und seinem ursprünglichen Vornamen «Thor» gerufen). Wie einst sein Vater ist er einer, der bei -jedem Einsatz immer alles gebe und ein unangenehmer Gegenspieler sei. Eric Nystrom hat viel von seinem Erzeuger geerbt. Auch das Talent, aus relativ wenig Talent das Optimum herauszuholen. Denn Eric Nystrom besticht nicht durch Showeinlagen oder eine herausragende Technik, sondern durch Fleiss, sehr gute Laufarbeit, ein grosses Kämpferherz und taktisches Verständnis. Was er jedoch noch entwickeln muss, um ein «Abbild seines Vaters» zu werden, ist sein Torriecher. Denn Bobby Nystrom war nicht nur als Gegenspieler eine «Pest» und zudem ein sehr guter Defensivstürmer, sondern auch ein solider Punktemacher. Besonders in wichtigen Partien, wenn die Spannung und die Belastung am grössten waren.

Aber die Voraussetzungen für eine Weiterentwicklung sind gegeben. Der junge Nystrom leidet nicht unter der Last, es seinem überaus erfolgreichen Vaters gleichtun zu müssen. Unter den Fittichen von Owen Nolan, einem NHL-Veteranen, kann er sich in dessen Offensiv-Trio – gemeinsam mit Mat Lombardi – entwickeln. In einem Interview meint Nystrom: «Ich halte es so, wie alle Söhne berühmter Väter, die im gleichen Sport tätig sind: Der Vater ist eine Hilfe, ein Berater und ein Vorbild, aber man darf nie den Vergleich anstreben oder das Ziel haben, jemandem nachzueifern. Ich bin Eric, er Bob Nystrom.»

Joël Wüthrich