Der Ärger geht weiter
Die Aufhebung der Exkommunikation der vier Bischöfe der Priesterbruderschaft
Pius X. hat weit höhere Wellen geworfen, als man im Vatikan wohl erwartet hatte. Nachdem auch von ranghohen Katholiken Protest laut wurde und am Ende sogar die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel Papst Benedikt XVI. kritisiert hatte, reagierte Rom endlich. Mitte letzter Woche distanzierte sich der Papst schliesslich deutlich von Williamsons Aussagen und erklärte, dieser könne erst wieder als Bischof eingesetzt werden, wenn er seine Leugnung des Holocaust widerrufe. Doch von einem Widerruf will Williamson, der in Argentinien lebt, vorerst nichts wissen. In einem Interview mit «Spiegel Online» liess er vielmehr verlauten, dass er die «historischen Beweise» noch einmal prüfen wolle. «Es geht um historische Beweise, nicht um Emotionen. Und wenn ich diese Beweise finde, dann werde ich mich korrigieren.» Wieso Williamson sich befähigt sieht, in dieser Frage ein Urteil fällen zu können, bleibt offen. Nach Auschwitz werde er auf jeden Fall nicht reisen, er habe aber ein Buch zu dem Thema bestellt, erklärte er im Interview.
Auch wenn sich nach der letzten Erklärung des Papstes die Gemüter nun etwas beruhigt haben, fragen sich nicht zuletzt viele Katholiken, wie es überhaupt zu der ganzen Affäre hatte kommen können. Handelte es sich um eine gezielte Provokation des Papstes oder wusste Papst Benedikt XVI. am Ende gar nicht, wen er da begnadigte? Oder hat man dem Papst mutwillig Informationen vorenthalten und ihn blind in eine Falle tappen lassen? Bereits kursieren wilde Theorien, wer eigentlich an dem Debakel Schuld trägt.
Verschwörungstheoretiker mögen solche Spekulationen interessieren, aber im Grunde ist es unerheblich, ob Williamsons Rehabilitierung eine Panne oder ein bewusster Entscheid war – der Vatikan steht in keinem Fall gut da. Vor allem ist es nicht das erste Mal, dass Papst Benedikt XVI. die jüdische Gemeinschaft vor den Kopf stösst. Dieser Ansicht ist auch David Bollag, Lehr- und Forschungsbeauftragter des Instituts für Jüdisch-Christliche Forschung an der Universität Luzern: «Für uns Juden ist es äusserst alarmierend, dass Papst Benedikt XVI. mit dieser Entscheidung zum wiederholten Mal das Verhältnis der katholischen Kirche zum Judentum schwerstens belastet.» Bollag reagierte mit einem offenen Brief auf eine Erklärung seiner Kollegen der Theologischen Fakultät. Darin halten die Luzerner Theologen fest, dass Williamsons Äusserungen «unerträglich» seien, mit seiner Position stehe er «klar ausserhalb der kirchlichen Gemeinschaft». Doch diese Erklärung mag Bollag, der auch Mitglied der Jüdisch-Römisch-Katholischen Gesprächskommission ist, nicht recht überzeugen, der Dialog zwischen der katholischen Kirche und dem Judentum könne nur fortgeführt werden, «wenn der Vatikan beweisen wird, dass er endlich verstanden hat, dass wir Juden nicht nur die Vorgänger des Christentums sind».