Denkschule gegen wissenschaftlichen Konformismus
Die Essaysammlung, die der sowjetische Literaturwissenschaftler und Historiker Juri Lotman 1992, ein Jahr vor seinem Tod, veröffentlicht hat, heisst «Kultur und Explosion». Das Buch widerspiegelt eine theoretische Wende, die der an der estnischen Universität Tartu wirkende Gelehrte unter dem Eindruck der Perestroika vollzog. Er entwickelt darin das auf semantischen Oppositionen und binären Kategorien basierende Kulturmodell der von ihm mitbegründeten Schule für Semiotik weiter zu einem triadischen System, das auch für Diskontinuität, ja für abrupten Wandel offen ist.
Der 1922 geborene Lotman, der uns kultur- und sozialgeschichtliche Episoden neu lesen lässt und uns ein Instrument zur Erkundung der Realität in ihrer ganzen Mehrdeutigkeit in die Hand gibt, besticht durch seine ungeheure Belesenheit. Sie erlaubt ihm, seine originellen Thesen und Perspektiven mit Material aus zahlreichen Disziplinen, Kulturen und Epochen zu illustrieren. Der Semiotiker verwandelt gemäss Lotman die ihn umgebende Welt, indem er deren zeichenhafte Strukturen beleuchtet. Wie sich alles, was König Midas berühre, in Gold verwandle, werde, was immer der Semiotiker als Untersuchungsobjekt ins Auge fasse, semiotisiert.
Um ein neues Sehen ging es bereits in der Formalen Schule. Die Gruppe von Literaturwissenschaftern um Boris Eichenbaum, Roman Jakobson, Viktor Schklowski und Juri Tynjanow, die sich 1915 formiert hatte, kannte in der Sowjetunion der zwanziger Jahre, der Zeit der künstlerischen Freiheit und des Methodenpluralismus, ihre Blütezeit, um dann 1934 der Einheitsdoktrin des sozialistischen Realismus geopfert zu werden. Formalismus war fortan eine negative Etikettierung im gedrosselten künstlerischen Wettstreit, seine Verfechter wurden in die Nähe von Staatsfeinden gerückt und kaltgestellt, wenn nicht gar verfolgt.
Der Linguist und Kulturwissenschaftler Roman Jakobson war bereits 1920 emigriert. Eichenbaum, der 1918 mit der Analyse des Strukturprinzips von Nikolai Gogols Novelle «Der Mantel» gleichsam ein Manifest der Formalen Schule verfasst hatte, durfte zwar noch unterrichten, wurde aber später zeitweilig Opfer der Stalin’schen Kampagne gegen den «Kosmopolitismus». Michail Bachtin, der seine wichtigsten Arbeiten in den zwanziger und dreissiger Jahren verfasste, bevor er aus Moskau verbannt wurde, und dessen 1940 eingereichte Dissertation über Rabelais erst 1965 erscheinen konnte, verdankt die Kulturwissenschaft Konzepte wie «Karnevalisierung» – zeitweise Aufhebung der Grenze zwischen Hoch- und Populärkultur – und «Chronotopos» – Materialisierung der Zeit im Raum als Strukturprinzip des Romans.
Die Gruppe um Lotman brachte in den sechziger Jahren zunächst Ansätze des Formalismus mit der struktu¬ralen Linguistik Ferdinand de Saussures (der erstmals die Unterscheidung in «langue» und «parole» getroffen hatte) und dem Modellierungskonzept der Kybernetik zusammen. Lotman erweiterte den gängigen historisch-diachronen Ansatz um eine synchrone, struktur-semiotische Dimension bei der Analyse von Texten – wobei «Text» jetzt jede kulturelle Äusserung meint. Erst im Alter rückte er mit dem Begriff der «Explosion» das historische Moment wieder in den Vordergrund, ohne seine Vision von der «Semiosphäre» zu verraten.
Aufgeklärte jüdische Existenz
Juri Michailowitsch Lotman wurde 1922 in Petrograd (wie Petersburg damals hiess) in eine gebildete Familie – die Mutter war Ärztin, der Vater Jurist – hineingeboren. Im selben Jahr formierte sich nach den Wirren von Revolution und Bürgerkrieg die Sowjetunion als Staat. Sein Literaturstudium begann Lotman 1939 in der Stadt, die inzwischen Leningrad hiess. Er hörte auch Vorlesungen des Folkloristen Wladimir Propp, Autor der «Morphologie des Märchens» (1928), und des Ethnographen Mark Asadowski, und nahm an den Kursen von Boris Eichenbaum teil. Dann wurde der 18-Jährige in die Armee eingezogen, diente bis 1945 an der Front und wurde 1946 demobilisiert – nur fünf Prozent der Soldaten seines Jahrgangs hatten überlebt. 1950 schloss er sein Studium mit Auszeichnung ab, erfuhr aber als Folge des herrschenden Antisemitismus keine weitere akademische Förderung. Er fand eine Anstellung am Lehrerseminar in Tartu in Estland, welches – nachdem es über 200 Jahre ein Gouvernement des Zarenreichs gewesen und nach 1918 unabhängig geworden war – seit dem Zweiten Weltkrieg eine Sowjetrepublik war. Die Russifizierung des der UdSSR eben erst einverleibten Baltikums stand an. Noch zu Stalins Lebzeiten wurde Lotman die Nachfolge eines verhafteten estnischen Kollegen angeboten, was er ausschlug. Ab 1954 war er Professor für russische Philologie und hielt erste «Lektionen zur strukturalen Poetik», deren Druck von der Zensur um Jahre verzögert wurde. Er gab die Reihe «Arbeiten zu Zeichensystemen» heraus, die zum Publikationsforum für Vertreter verschiedener Forschungsgebiete wurde, die dem unter dem Diktat des historischen Materialismus stehenden Wissenschaftsbetrieb eine andere Methode entgegensetzte. Die ab 1964 organisierten Sommerschulen brachten Philologen, Psychologen, Biologen, Mathematiker und Philosophen, auch aus Moskau und Leningrad, zusammen. Die Kunde von der Tartu-Moskauer Schule für Semiotik, die sowohl neue kulturwissenschaftliche Instrumentarien als auch die Überwindung der Trennung von Natur- und Geisteswissenschaften versprach, gelangte über die Slawistik in den Westen.
In den siebziger Jahren weitete Lotman sein Forschungsfeld aus auf Theater, Film und bildende Kunst, aber auch auf Alltagsbräuche und Moralvorstellungen sowie auf die Asymmetrie der Hirnhälften und die künstliche Intelligenz. 1973 erschienen in Warschau die «Thesen zum semiotischen Studium der Kulturen», an denen auch Alexander Moissejewitsch Pjatigorski (der als Orientalist Mitbegründer der Semiotischen Schule war, aber 1973 emigrierte und 2010 in London, wo er gelehrt hatte, hochbetagt starb) oder Boris Uspenski (der mit Lotman die «Semiotik der russischen Kultur» verfasste und inzwischen in Italien und an der Universität Lugano wirkt) mitgearbeitet haben. Die Sommerschule von 1970 sollte bereits die letzte sein, hatte doch die Partei den Rektor der Universität Tartu angehalten, diesen «provokativen Demonstrationen des freien Willens» ein Ende zu setzen.
Lotman, obwohl als Professor vom Russischen Departement auf das Estnische verschoben, arbeitete weiter. 1977 wurde er – in erzwungener Abwesenheit – Mitglied der Semiotic Society of America und der British Academy. Sein theoretisches Werk schien abgeschlossen, doch war es ausgerechnet in seiner Heimat schwer aufzutreiben. In den USA wurde unter dem Titel «The Universe of the Mind. A Semiotic Theory of Culture» 1990 die Summe von Lotmans Arbeiten aus der Zeit zwischen 1960 und 1980 publiziert, mit einem Vorwort von Umberto Eco, einem Geistesverwandten. Erst zehn Jahre darauf erschien die Textsammlung in Petersburg auf Russisch, weitere zehn Jahre später, 2010, lag sie in der Wissenschaftsreihe bei Suhrkamp vor. Das Interesse an dem Autor ist ungebrochen.
Exzentriker und Medienstar
Mit Beginn der Perestroika durfte Lotman endlich ins westliche Ausland reisen. Sein 70. Geburtstag wurde in England gefeiert, im Kreis der internationalen Forschergemeinde. Zu Hause wurde er 1988 eingeladen, in einer 35-teiligen Fernsehserie «Gespräche über die russische Kultur» zu führen und seine semiotischen Untersuchungen zum Adel im Russland des 18. und 19. Jahrhunderts (von Peter I. bis Nikolaus I.) darzulegen. In Petersburg erschienen die Gespräche 1994 in Buchform. Lotman steht jetzt für jene wenigen Angehörigen der Intelligenzija, die sich in der Epoche der Stagnation trotz widriger Umstände und Verkümmerung des Buchmarktes wie des Bibliothekenwesens eine umfassende Bildung anzueignen und Forschungsarbeiten mit internationaler Resonanz vorzulegen vermochten.
Bis zur Perestroika hatte Lotman in seiner Kulturtypologie Russland als diadisches Gebilde dargestellt, das infolge der manichäischen Spaltung in Gut und Böse, in wir und die anderen, in Himmel und Hölle sich stets nur oberflächlich verändern könne, in der Grundstruktur aber konstant bleibe. Grund dafür sei die Orthodoxie. Den Westen, den er als Vergleichsfolie umriss und irrtümlicherweise pauschal als römisch-katholisch geprägt sah, hat Lotman als triadisch (mathematisch «ternär») beschrieben, als Organismus, der neben Himmel und Hölle einen dritten Raum, das Purgatorium, umfasse. Dort sei jene Vermittlung möglich, die zu kontinuierlichem und bleibendem Wandel befähige.
Erst gegen sein Lebensende zeichnete sich für Lotman auch in Russland ein Wechsel vom binären zum ternären System ab. Er nahm nun selber
eine exzentrische Beobachterposition ein und meinte, die Aussenseiterperspektive sei die für den Kultursemiotiker adäquate.
Die New Yorker Dozentin für vergleichende Literaturwissenschaft Amy Mandelker bringt die Aussenseiteroptik, die sich der späte Lotman zulegte, in die Nähe einer geschichtsphilosophischen Position des «Anderen», wie sie auch Walter Benjamin, Gershom Scholem oder Franz Rosenzweig entwickelt hätten.
Abgehobene Theorie?
Mit der «Semiosphäre» hatte Lotman 1984 einen Raum-Zeit-Organismus entworfen, in dem heterogene Kräfte und Zeichensysteme mit unterschiedlicher Geschwindigkeit und Ausrichtung gleichzeitig wirken. Er prägte den Begriff in Anlehnung an die 1926 vom Biologen Wladimir Wernadski konzipierte «Biosphäre», die in der Komplexität ihrer Struktur Leben überhaupt erst zulässt. Die Semiosphäre als kultureller und mythologischer Raum, der auch das kollektive Gedächtnis bewahrt, ist von Grenzen umgeben, jenseits derselben andere Codes gelten. An der Peripherie sorgen Vermittler (Nomaden beispielsweise) für die Übersetzung von Nichtbedeutung in Bedeutung. Übersetzung überwindet die Grenze und bestätigt sie zugleich. Die Grenze ist immer zwei- oder mehrsprachig, ein Gebiet beschleunigter semiotischer Prozesse, die in das Kerngebiet dringen. Dabei ist es gerade die fehlende Deckungsgleichheit von Dekodierung und Kodierung, die neue Information generiert und so zur Weiterentwicklung der Kultur beiträgt. Wo hingegen Sender und Empfänger einen identischen Code verwenden, verstehen sie sich zwar gut, haben aber keinen Gesprächsstoff.
Die Kultursemiotiker hatten ein methodisches Instrument entwickelt, das auf jedes Phänomen, jeden Zeitraum anwendbar war. Gemeint war jedoch oft die sowjetische Realität. Ein Subtext wurde mitgeliefert und mitgelesen. Werden etwa die Motive «Haus», «falsches Haus» und «Unbehaustheit» in Michail Bulgakows Roman «Der Meister und Margarita» auf ihre Semiotik untersucht, denkt man unwillkürlich an die Wohnsituation in der UdSSR. Wenn Iwan der Schreckliche und seine Willkürherrschaft semiotisch seziert und rekonstruiert werden, lässt sich gewonnene Erkenntnis auch auf andere Zeiten, Gegenden und Herrscher transponieren. Eichenbaum hatte 1929 gesagt, Geschichte sei eine besondere Methode zur Erforschung der Gegenwart mit Hilfe von Fakten der Vergangenheit. Wie er war Lotman dem Regime nicht nur als Jude, sondern auch als Denker suspekt.
In einer Würdigung schrieb Julia Kristeva, die Semiotik-Schule von Tartu sei für die französischen Kulturtheoretiker und Literaturwissenschafter eine Offenbarung gewesen. Denn sie seien des Mainstreams der französischen Intelligenz, welche die metaphysischen Gemeinplätze des Existenzialismus nur notdürftig mit ein paar Strichen von Hegelianismus und Marxismus verbrämte, überdrüssig gewesen. Für die Verfechter des Strukturalismus und des Poststrukturalismus war die vertiefte Analyse, die Lotman vorschlug, bestärkend und wegweisend. Kristeva publizierte 1968 erste Texte der Tartuer Semiotiker in französischer Übersetzung. Im Jahr darauf wurde die International Semiotics Association gebildet. Und obwohl Lotman zum Gründungskongress in Warschau nicht ausreisen durfte, wurde er zum Vizepräsidenten gewählt, wofür er zu Hause schon bald mit Schikanen bestraft werden sollte. «Dieser bescheidene, immens kultivierte Mann, dieser sorgfältige Techniker, der gleichzeitig ein Improvisator ungewöhnlicher verbaler Verführungskunst war und ein unermüdlicher Produzent neuer Ideen, nahm die Dynamik kultureller Fakten vorweg, auch die Auflehnung, die die russische Kultur zurzeit erlebt», erinnerte sich Kristeva 1994.
Erst mit der Perestroika wurde der Makel der Verdächtigung von Lotman genommen. Seine feinsinnige Subversion hatte ihre Gefährlichkeit eingebüsst. Doch würde er wohl bei der Dekodierung der Gegenwart erschreckende Parallelen zu Mechanismen freilegen, die definitiv überwunden schienen.
Lotman hat die Auflösung der Sowjetunion in ihre Teilrepubliken noch erlebt, doch der Petersburger blieb in Tartu, wo er am 28. Oktober 1993 starb. Der damalige estnische Präsident Lennart Meri hielt die Grabrede für den jüdischen Russen, der engagiert worden sei, um die Russifizierung Estlands voranzutreiben, und der zu einer Säule des estnischen Nationalstolzes geworden sei.
Seine Schüler und jene, die ihn erst jetzt entdecken, entwickeln seine Theorien weiter, in Tartu, wo Ljubow Kisseljowa sein Erbe angetreten hat, und in vielen Ländern der Welt. An manchen Universitäten – sei es in Wisconsin, Toronto, Paris, Bergamo, Graz, Bochum oder Konstanz – wird sein Werk nicht mehr nur von Slawisten, sondern von Kulturologen erforscht, werden ihm Symposien gewidmet. Im Nachwort zum Band «Lotman and Cultural Studies – Encounters and Extensions», der 2006 in Wisconsin erschien, schreibt William Mills Todd III, der Ort von Lotmans Wirken, die Universität Tartu, sei lange der europäischste aller Forschungsplätze der Sowjetunion gewesen. Während 40 Jahren habe Lotman trotz erschwerter Umstände Texte publiziert, die den Weg zu einem Elitepublikum fanden. Aber der öffentliche Dialog sei den Thesen verwehrt gewesen. Lotmans Theorien seien ungebrochen produktiv und würden auch im 21. Jahrhundert rezipiert und weiter entwickelt. Wie Sigmund Freud in die Hermeneutik, die Erzähltheorie, die Kulturwissenschaften und in die unterschiedlichsten psychoanalytischen Schulen Eingang gefunden habe, werde Lotman mit vergleichbarer Vitalität über seinen angestammten wissenschaftlichen Kontext hinaus in neue Wissensgebiete hinein wirken. ●
Regula Heusser-Markun ist Slawistin und Journalistin in Zürich.