Denker des Undenkbaren

Von Jonathan Stevenson, April 11, 2011
Schwarzer Humor, kühne Ideen und kaltblütige Kalkulationen liessen Herman Kahn zu einem Star des Atomzeitalters werden. Seine Verdienste als Stratege und Zukunftsforscher sind unbestritten.
HERMAN KAHN Teilnehmer am European Management Symposium in Davos, der ersten Ausgabe des WEF, 1971

In den fünfziger Jahren wurde der US-Staat Nevada primär für atmosphärische Atomwaffentests benutzt, amerikanische Wasserstoffbomben sprengten ganze Pazifikinseln von der Landkarte und in den Nachrichten gehörten Bilder von Feuerbällen und Atompilzen zum Alltag. In den Schulen Amerikas wurden merkwürdige «Strahlungsschutz-Übungen» so selbstverständlich wie Brandschutzübungen. Im Jahr 1961 löste der sowjetische Versuch, die Kontrolle über die gesamte Stadt Berlin zu übernehmen, beinahe einen Bodenkrieg zwischen den zwei Supermächten aus, der gemeinhin als erster Schritt zu einem atomaren Schlagabtausch betrachtet wurde. Ein Jahr später führte die Kuba-Krise Washington und Moskau noch näher an den Abgrund eines Nuklearkriegs, als die USA eine See¬blockade über die Insel verhängten, um Fidel Castro zum Verzicht auf sowjetische Raketen zu bewegen.
Nun spürten auch die Bürger auf der Strasse die herzzerreissende Spannung zwischen «atomarer Erniedrigung und Holocaust», von der Präsident John F. Kennedy gesprochen hatte. Damit stand die Möglichkeit eines Atomkriegs ständig im Raum, während die Regierung nach Konzepten suchte, um diesen zu vermeiden. Die Aussicht auf das Ende der Menschheit durch einen nuklearen Waffengang schuf in der amerikanischen Öffentlichkeit eine derart angespannte Stimmung, dass es selbst einflussreiche strategische Denker wie Albert Wohl¬stetter und Thomas C. Schelling vorzogen, ihre Arbeit vorwiegend hinter verschlossenen Türen zu diskutieren. Nicht so Herman Kahn.
Massig von Statur und im Habitus ein klassischer «Eierkopf» – er war übergewichtig, trug Brillen mit dicken Gläsern und pflegte heftig zu schwitzen, während sein hektischer Redefluss mitunter von Stottern unterbrochen wurde –, wurde Kahn zum Symbol der Untergangsstimmung und der gesellschaftlichen Paranoia, die für den Kalten Krieg so charakteristisch waren. Körperlich völlig untüchtig, erschien Kahn als ein exzentrischer Professor und damit als Gegentyp des klassischen Soldaten. Dieses Bild gab Mythen Vorschub, die ohnehin in der amerikanischen Öffentlichkeit zirkulierten: Der Dritte Weltkrieg wurde nicht von Generälen vorbereitet, sondern von verrückten Genies an Schreibtischen. Und sollte der nukleare Ernstfall je eintreten, dann würde die Entscheidung nicht Truppen mit dem Finger am Abzug zufallen, sondern sinistren Männern, die in unterirdischen Bunkern Knöpfe drückten. Nur sie würden das atomare «Arma¬geddon» überleben, während die Normalsterblichen in ihren Städten auf der Erdoberfläche der Vernichtung anheim fallen würden.
Kahn ging derartige existentielle Fragen mit einer gewissen intellektuellen Freude an. Seine Spezialität waren weitschweifende, mit Statistiken befrachtete Analysen, in denen er sich die Folgen eines Atomkriegs ausmalte. Dabei durften mit leichter Hand gesetzte Einschränkungen, wie seine Lieblingsphrase «sofern Pech und Missmanagement ausbleiben», nicht fehlen. Kahn wurde notorisch bekannt für die Kaltblütigkeit, mit der er Abermillionen von Menschenleben zur Disposition stellte und über das «gegenseitige Wegnehmen von Städten» oder von «akzeptablen» Tragödien sprach. Kahns schwarzer Humor klang an, wenn er seine bekannte Frage stellte: «Werden die Überlebenden die Toten beneiden?»

Bomben und Nuklearstrategie

Zu Beginn des Kalten Krieges war die Rand Corporation im kalifornischen Santa Monica Amerikas Labor für das «Nachdenken über das Undenkbare». Als Prototyp aller nachfolgenden, quasioffiziellen «Denkfabriken» war Rand der Vision eines Luftwaffengenerals und einem Forschungszuschuss der Ford-Stiftung entsprungen. Kahn traf dort 1948 zu einem perfekten Zeitpunkt ein. 1922 als Sohn jüdischer Immigranten aus der Arbeiterschicht in Bayonne, New Jersey, geboren, wuchs Kahn in der Bronx auf. Nach der Scheidung seiner Eltern zog er als Zehnjähriger mit seiner Mutter und seinen Geschwistern nach Los Angeles. Dort besuchte er die University of California, ehe er während des Kriegs als Fernmeldeunteroffizier in Burma diente. Bei seinem Eignungstest hatte Kahn mit einem ausserordentlich hohen Intelligenzquotienten abgeschnitten. Nach dem Krieg setzte er als Doktorand in Physik am California Institute of Technology sein Studium fort. Allerdings ging ihm dann das Geld aus. In seiner Not stand Kahn kurz davor, sich als Immobilienmakler zu versuchen, als ihm ein Freund vorschlug, sich doch bei Rand zu bewerben. Bis Mitte der fünfziger Jahre arbeitete er weitgehend verdeckt am Design von Bomben und beschäftigte sich mit den Folgen von Atomexplosionen. Dann schlug Kahns grosse Stunde, als er sich, angeregt von Wohlstetters wegweisenden Studien über Zweitschlagkapazitäten, der Nuklearstrategie zuwandte.
Zu diesem Zeitpunkt hatte sich bei Rand und im Pentagon der Gedanke durchgesetzt, dass die Sowjets von einem Nuklearangriff absehen würden, sofern die USA sicherstellen könnten, dass ihr atomares Arsenal nach einer Attacke noch zu einem vernichtenden Gegenschlag fähig wäre. Obwohl die Zivilverteidigung der Entwicklung einer glaubwürdigen Zweitschlagkapazität als Abschreckung nicht grundsätzlich widersprach, bevorzugte die Air Force – der wichtigste Rand-Klient – Investitionen in ihr offensives Potenzial. Als Kahn die Prioritäten der Air Force in Frage stellte, stand er damit zunächst allein auf weiter Flur bei Rand.
Für Kahn stellte die Vernachlässigung der Zivilverteidigung jedoch keine untergeordnete Frage im ewigen Streit um die Verteilung von Ressourcen im Verteidigungsbudget dar. Er betrachtete die ernsthaften Anstrengungen der Sowjets auf diesem Gebiet als Indiz für deren Überzeugung, dass ihre Gesellschaft und ihre Infrastruktur in die Lage versetzt werden konnten, einen Atomangriff zu überstehen. Für Kahn war dies ein klarer Hinweis auf die ernsthafte Bereitschaft Moskaus, einen Atomkrieg in Betracht zu ziehen. Dies bedeutete aber, dass die Sowjets in der Hoffnung, die amerikanische Reaktion zu überstehen, einen Erstschlag riskieren könnten.
Kahn las daraus die Notwendigkeit für die USA ab, ihrerseits eine glaubwürdige Erstschlagkapazität aufzubauen, um die Sowjets in Schach zu halten. Angesichts des wachsenden Arsenals der Gegenseite mussten die Amerikaner in Kahns Augen die Frage angehen, wie sich ein
sowjetischer Zweitschlag überstehen liesse. Nur so würden sich gegnerische Kalkulationen auf einen einfachen Sieg konterkarieren lassen. Wenn es den USA zudem gelänge, ihre Bevölkerung für den Ausbau der Zivilverteidigung zu mobilisieren, würde dies nicht nur das amerikanische Abschreckungspotenzial stärken, sondern auch die Handlungsfreiheit Washingtons weltweit vergrössern. Der Preis dafür wäre schlicht, dass die Amerikaner in einem konstanten Alarmzustand zu leben hätten. Kahn hatte diese Ideen im Gepäck, als er Rand im Jahr 1961 verliess, um in Croton-on-Hudson, New York, das Hudson Institute zu gründen. Bis zu seinem Tod 1983 wurde die Denkfabrik zur Plattform für die einfallsreichen und extravaganten Studien Kahns über Nuklearstrategie, Guerilla-Bekämpfung in Vietnam und Zukunftsforschung. 

Vorlage für «Dr. Strangelove»

Kahn leistete massgebliche Beiträge zur Sicherheitspolitik. Aber der Eifer, mit dem er sich für seine Version der Nuklearstrategie einsetzte, machte ihn sowohl zur Zielscheibe von Kritikern innerhalb seines Kollegenkreises als auch von Atomgegnern. Warfen ihm Kollegen vor, dass er ihr Fachgebiet mit seinen flamboyanten Auftritten dem Spott preisgab, so wurde Kahn für Rüstungsgegner zum Inbegriff des Grössenwahns und allen Übels, das Nuklearwaffen für sie darstellten. Seine geistreichen Bemerkungen über den nuklearen Holocaust erschienen weithin als zynisch und unmenschlich. So prägte Kahn Begriffe wie «wargasm» für seine Beschreibung eines unbegrenzten nuklearen Schlagabtausches. Um die perverse Logik der Abschreckung zu illustrieren, diskutierte er in seinem Klassiker «On Thermonuclear War» eine «doomsday machine» (Weltuntergangsmaschine), die «das gesamte menschliche Leben» auslöschen würde, sobald fünf Atombomben über den USA explodiert seien. Stanley Kubricks Drehbuch für «Dr. Strangelove» bediente sich ausgiebig bei «On Thermonuclear War» und Kahn fühlte sich zu dem Witz bewegt, Dr. Strangelove sei «zu kreativ», um es auch nur drei Wochen im Pentagon auszuhalten.
Aber Kritiker hielten ihm auch die «eisige Rationalität» vor, mit der er so ungeheuerliche Menschenopfer diskutierte. Darauf reagierte er in seinem Besteller «Thinking About the Unthinkable» mit der höhnischen Bemerkung, von Experten könne nicht verlangt werden, dass sie jeden Satz mit der Phrase «Gott bewahre, dass …» beginnen. In einem unter Experten legendären Verriss im Fachblatt «Scientific American» nannte der Mathematiker James Newman «On Thermonuclear War» ein «moralisches Traktat über Massenmord – wie man diesen vorbereitet und durchführt und wie man damit davonkommt und sein Verbrechen rechtfertigt».
Tatsächlich war Kahn jedoch alles andere als ein Unmensch. Er betonte die Bedeutung der Irrationalität von Menschen und der daraus folgenden Unberechenbarkeit für die Entwicklung handlungsweisender Szenarien. Kahn bedachte das Unvorstellbare nicht aus einer grausamen Todessehnsucht heraus, sondern weil er sich der Möglichkeit nur allzu bewusst war, dass fehlbare Menschen selbst angesichts des Weltuntergangs nicht vor Krieg zurückschrecken müssten. Thomas Schelling gab sein Abonnement für «Scientific American» auf, nachdem sich der Chefredaktor geweigert hatte, Kahns Reaktion auf die Attacke Newmans zu publizieren. 40 Jahre später wurde Schelling für Forschungen, die in eine ähnliche Richtung gingen wie die Arbeit Kahns, mit dem Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften ausgezeichnet.
Aber Kahn hatte sich stets sehr viel stärker um Breitenwirkung bemüht als Schelling. Diese Neigung brachte ihm die mit Abstand grösste Publizität unter den Nuklearstrategen ein. Kahn liess sich auf eine für seine Sparte absolut aussergewöhnlich intensive Diskussion mit der Öffentlichkeit ein. So antwortete er auf den Brief eines Mannes, der einen seiner Vorträge besucht hatte, mit diesen düsteren Zeilen: «Ich wünsche mir, Ihnen als ein ‹Bürger von schlichtem Gemüt› versichern zu können, dass ich zuverlässig in der Lage bin, einen sinnlosen Holocaust zu verhindern. Doch leider hat niemand ein solches Vertrauen verdient. Aber ich hoffe, dass Sie meine Versicherung akzeptieren, dass unsere analytische Arbeit auf dieses Ziel ausgerichtet ist und diesem womöglich sogar tatsächlich dient.»

Ideen am Laufmeter

Doch die theatralische Freude, mit der Kahn die Aussichten auf einen Atomkrieg – und zumal die Chancen, einen solchen zu gewinnen – diskutierte, machte ihn als Befürworter des Zivilschutzes unglaubwürdig. Da Liberale den Zivilschutz als weniger anstössig betrachteten als Angriffswaffen, wurde dieser nach dem Wahlsieg John F. Kennedys ausgebaut. Dieser liess den Bau von Atombunkern ankurbeln und zwei Millionen Dosimeter zur Messung von Radioaktivität verteilen. Aber bis 1965 verlor der Zivilschutz deutlich an Boden. Bunker erschienen angesichts einer atomaren Verheerung als sinnlos, zudem war ein wirklich umfassendes Zivilschutzprogramm teurer als die Produktion von offensiven Raketen, und die politisch-militärische Führung befürchtete nun, ihr Fokus auf den Zivilschutz könne ein fehlgeleitetes Sicherheitsgefühl schüren. 
Ausserdem produzierte Kahn fleissig andere «grosse Ideen». Seine berühmte «Eskalationsleiter» mit ihren 44 Sprossen umriss eine fein definierte Ausweitung von Konflikten, die den USA am Ende einen Sieg ermöglichen würde. In diesem Szenario baute die amerikanische «Leiter» auf nuklearer, die sowjetische jedoch auf konventioneller Überlegenheit auf. Diese Eskalation sollte schliesslich in einem entscheidenden «Spasmus» der ungezügelten gegenseitigen Vernichtung gipfeln. In Kahns «Leiter» stellte der Ersteinsatz von Atomwaffen bereits Stufe 15 dar, wobei die folgenden «Sprossen» nicht in jedem Fall mit nuklearen Arsenalen zu tun hatten. Die Fähigkeit einer Konfliktpartei, die andere von der Eskalation auf die nächste Stufe abzuhalten, hing von der Einschätzung der Kräfteverhältnisse auf der entsprechenden «Sprosse» ab. So schien eine Eskalation nur sinnvoll, wenn die eigene Seite danach militärisch überlegen sein würde. Kahn prägte für dieses Konzept den Namen «Eskalationsdominanz». Diese Überlegungen waren nicht nur clever, sondern auch nützlich und führten zu dem nach wie vor gültigen Prinzip der amerikanischen Globalstrategie, eine «Dominanz im gesamten Spektrum» («full-spectrum dominance») militärischer Fähigkeiten zu etablieren. Unglücklicherweise machte die Kahn’sche Leiter die Herstellung einer Asymmetrie auf jeder Eskalationsstufe notwendig. Dies drohte die überlegene Seite jedoch zu einer erhöhten Konfliktbereitschaft zu verführen, die dem von Kahn als Grundpfeiler der Stabilität angestrebten nuklearen Gleichgewicht widersprach. Kahn zog deshalb die weitgehend unberechtigte Kritik auf sich, mit dem Feuer zu spielen.
An onkelhafte Generäle wie Eisenhower oder verwegene Draufgänger wie Patton und Mac¬Arthur gewohnt, liessen sich die Amerikaner vor der Vietnam-Ära nur ungern von fettleibigen Eierköpfen in Zivil über Krieg belehren. Daher nahm der öffentliche Widerstand gegen die apokalyptischen Gedankenspiele Kahns rasch zu, obwohl sein bombastischer Stil einen eigenwilligen Charme ausstrahlte und ihm ein Mass an feierlichem Ernst nicht abging. Dennoch mag es Kahns bedeutendster Beitrag zur Diskussion um Nuklearstrategie gewesen sein, dass er seine Landsleute auf die von Gedankenlosigkeit drohenden Gefahren hinwies. Er füllte die Rolle des Warners mit grösserem Elan aus, als dies etwa Schelling oder Wohlstetter taten. Doch gegen Ende der sechziger Jahre hatten sich die Theorie und die Arsenale der nuklearen Abschreckung zu einem ausgereiften und stabilen Gleichgewicht des Schreckens fortentwickelt. Da die gegenseitige Vernichtung beim Einsatz von Atomwaffen nun zu einem Glaubenssatz geworden war, verlor Kahns sprudelnde Kreation von Untergangsszenarien ihre Notwendigkeit. Andere Nuklearstrategen hatten den Weltuntergang von der Tagesordnung nehmen können. Gleichzeitig bewiesen weniger spektakuläre, aber dafür umso vertrautere Formen von Gewalt ihr Stehvermögen. Herman Kahn und sein kunstfertiger Alarmismus waren nun nicht mehr gefragt.    ●


Jonathan Stevenson ist Professor für strategische Studien am Naval War College der US-Kriegsmarine in Newport, Rhode Island. Er ist Verfasser zahlreicher Zeitungsbeiträge und hat 2008 mit «Thinking Beyond the Unthinkable» eine grundlegende Studie der Arbeit von Herman Kahn und anderer Nuklearstrategen vorgelegt.