«Den Steinen einen Sinn geben»

von Igal Avidan, October 9, 2008
Nachdem der Bundestag mit deutlicher Mehrheit am Freitag dafür votiert hatte, in Berlin den Entwurf des US-Architekten Peter Eisenman für ein Mahnmal für die ermordeten Juden Europas zu errichten, konzentriert sich nun die Debatte auf technische Details des Mahnmals. Gleichzeitig schlug Bundestagspräsident Wolfgang Thierse vor, am 27. Januar 2000, dem Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz, den Bau zu beginnen.

Berlins Bürgermeister Eberhard Diepgen, der den Eisenman-Entwurf abgelehnt hatte, sagte, dass der Beschluss des Bundestages «noch Fragen offen lässt, die weiterer Erörterungen bedürfen». Unter anderem geht es um die ergänzenden Informationen zum Mahnmal sowie um die Stiftung, die das Projekt tragen soll. Diepgen (CDU) lehnte es ausserdem ab, im Stadtzentrum zusätzliche Mahnmale für weitere Opfergruppen des NS-Staates zu installieren: «Dafür ist kein Raum.» Der Zentralrat der Sinti und Roma forderte, zwischen Brandenburger Tor und Reichstag ein Denkmal für die 500 000 ermordeten Sinti und Roma aus elf europäischen Ländern zu plazieren.
Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Ignatz Bubis, begründete die Entscheidung des Bundestages. «Es ist wichtig, dass dieser Beschluss ohne Druck von aussen getroffen wurde», sagte Bubis der JR. Der Eisenman-Entwurf, ein Feld mit 2700 Betonsäulen, erinnere ihn an das Holocaust-Mahnmal im KZ Treblinka, die alle die Namen vernichteter jüdischer Gemeinden tragen. Damit «das jüdische Motiv» auch beim Berliner Denkmal betont werde, schlug Bubis vor, im benachbarten Informationszentrum die 4,2 Millionen Namen der ermordeten Juden, die in Yad Vashem gesammelt wurden, aufzustellen. «Auf diese Weise werden die Steine einen Sinn bekommen», so Bubis. Die Entscheidung, allein der jüdischen Opfer zu gedenken, finde er weiterhin richtig, «denn wir waren die Hauptopfer und die einzigen, die schon bei der Geburt zum Tode verurteilt wurden. Auch die Sinti und Roma sollten ein eigenes zentrales Mahnmal erhalten, so Bubis weiter. Falls Bürgermeister Diepgen seinen Widerstand gegen das Denkmal aufrechterhält, «soll es ohne Berlin errichtet werden». Bubis fürchtet nicht, dass ein Denkmal zugleich ein Ende der Debatte um den Holocaust bedeutet. «Je mehr dieser Wunsch geäussert wird, vom Schriftsteller Martin Walser zum Beispiel, desto weniger wird er erfüllt.» Die Angst Diepgens vor Schmierereien oder gar Anschlägen auf das Mahnmal sei, so Bubis, kein Grund, es nicht zu errichten. «Soll auch das Grab von Heinz Galinski, dem ehemaligen Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde, verlegt werden, weil es Ziel von Anschlägen war?» fragte Bubis.
Der evangelische Landesbischof von Berlin-Brandenburg, Wolfgang Huber, begrüsste die Grundsatzentscheidung des Bundestages, kritisierte aber erneut den konkreten Entwurf des Mahnmals. «Ich teile die Vorbehalte, dass die Grösse nicht schon ein Ausweis von Gewicht ist und dass man das Mahnmal nicht betrachten kann unabhängig von den Orten des Gedenkens, die es in Berlin schon gibt.» Der Bischof sprach sich erneut dafür aus, das Denkmal allen Opfern der Nazi-Herrschaft zu widmen.
Der Leiter der KZ-Gedenkstätte Buchenwald, Volkhard Knigge, wertete als positiv, dass überhaupt ein Mahnmal gebaut werde. Er bezeichnete es aber als «potentiell falsch», dass das Denkmal ausschliesslich den ermordeten europäischen Juden gewidmet werde.