Den Frieden verbauen
Ideologisch-religiöser Streit. Gerne wird der Siedlungsbau als das Problem hingestellt, das den Frieden zwischen Israeli und Palästinensern verhindert. Das ist absoluter Mumpitz, denn erstens gab es palästinensische Abwehr gegen israelische Interessen lange bevor jenseits der «grünen Linie» der erste jüdische Ziegel auf den zweiten gelegt wurde, und zweitens lassen die heute zwischen den Kontrahenten herrschende Missstimmung und das abgrundtiefe Misstrauen befürchten, das auch die Räumung der letzten jüdischen Hütte in der Westbank nicht den ersehnten Frieden bringen wird, sondern nur weitere palästinensisch-arabische Forderungen. Diese basieren auf der vom Westen immer noch weitgehend verkannten und ignorierten Tatsache, dass der Konflikt sich schon lange von einer grundsätzlich lösbaren politischen Auseinandersetzung zum ideologisch-religiösen Streit gewandelt hat, der immun ist gegen logische, rationale Argumente. Vielleicht werden die Palästinenser dann zufrieden sein, wenn Israel sich auf die «zentrale Busstation von Tel Aviv» zurückgezogen hat, wie dies einst ein israelischer Politiker formuliert hat. Vielleicht …
Ein innerisraelisches Problem. Der Siedlungsbau, einschliesslich der jüngsten Bauausschreibungen für Wohnungen jenseits der
«grünen Linie» im Einzugsgebiet von Jerusalem, ist natürlich ein Problem, aber nicht in erster Linie ein israelisch-palästinensisches, sondern ein innerisraelisches. Da werden seit Jahrzehnten Milliarden und Abermilliarden in umstrittene Gebiete östlich des israelischen Kernlands investiert. Das verwirrende Netz von Umfahrungsstrassen «for Jews only» ist dabei nur ein Beispiel für die potemkinschen Dörfer, mit denen Jerusalemer Regierungen von links bis rechts sich bleibende Denkmäler – vielleicht spricht man dereinst von Mahnmalen – gesetzt haben. Logisch braucht es heute diese Strassen, denn für Israeli ist die Fahrt durch palästinensische Bevölkerungszentren schon längst zum lebensgefährlichen Risiko geworden. Die Frage aber, was denn diese israelische Präsenz in einem Gebiet, in dem man Israeli nicht haben will, überhaupt soll, wird vom jüdischen Mainstream in aller Welt heute schon fast mit Nestbeschmutzung gleichgesetzt. Ähnliches gilt für die Frage, ob es nicht die innere moralische Hygiene Israels gestärkt und die Einwohner gelehrt hätte, sich zur Problemlösung endlich einmal auf ihr intellektuelles Potenzial zu verlassen, wenn die im Osten verbutterten Milliarden in den Norden und den Süden des Landes umgelenkt worden wären. Sowohl in Galiläa im Norden als auch im Negev im Süden (immerhin 60 Prozent von Israels Landreserve) ist eine jüdische Mehrheit entweder nicht existent oder sie steht auf höchst wackligen Beinen. Und der Autor David Grossman, der im Libanon-Krieg einen Sohn begraben musste, wird im Ausland zwar gefeiert, gilt in der Heimat selber aber immer noch als verdächtiger Aussenseiter.
Von der Erschliessung von Galiläa und Negev würde Israel zwar profitieren, doch würde das keine Kontroversen auslösen. Ohne diese kommen aber Binyamin Netanyahu & Co. offenbar nicht aus, scheinen sie doch entschlossen zu sein, sich selber und der Nachbarschaft
den Frieden im wahrsten Sinne des Wortes verbauen zu wollen.