«Den Betroffenen zur Ehre, den Lebenden zur Mahnung»

von Tanja Kröni, October 9, 2008
Diese Worte des Berner Ständerats Samuel Schmid bei der Einweihung der Gedenkstätte auf dem Areal des Interniertenlagers Häftli galten vor allem den während des Zweiten Weltkriegs dort internierten polnischen, russischen, italienischen und französischen Soldaten. Erstellt worden war es 1940, um möglichst viele ausländische Soldaten auf kleinem Raum, in 120 Baracken, unterzubringen. Ab 1942 kamen auch zivile Flüchtlinge, darunter knapp 1000 Jüdinnen und Juden, dazu, die Schmid mit keinem Wort erwähnte.

Es waren vor allem jüdische Flüchtlinge, die oft nach mehren Fluchtjahren und Aufenthalt im französischen Lager Gurs, bei Genf illegal über die Grenze kamen. Nach Historiker Jürg Stadelmann, der letztes Jahr ein Buch über das Bürener Internierungslager veröffentlichte, war bereits die Bauplanung alles andere als optimal, was immer wieder zu katastrophalen Zuständen in Unterbringung und Versorgung führte. Strikt trennte man die Jüdinnen und Juden im Lager von den anderen Insassen. Niemand, auch die Wachmannschaften nicht, durften mit ihnen Kontakt aufnehmen: «Die jüdischen Internierten befanden sich quasi in Isolationshaft in diesem hermetisch abgeschlossenen Lager mit Gefängnischarakter.» An den beiden Gedenksteinen beim Lager Häftli und beim dazugehörigen Spitallager Oberbüren legten Vertreter der polnischen, russischen, italienischen sowie der US-Botschaften Kränze und Blumen nieder. Da die Einweihung der Gedenksteine am Shabbat stattfand, hatte die israelische Botschaft keine Vertretung geschickt und eingeladene Mitglieder der Israelitischen Gemeinde Biel ihre Teilnahme, mit Hinweis auf die Shabbatgebote, abgesagt. Für die Organisatoren, Gemeinderat Büren und Vereinigung für Heimatpflege, war dies aber kein Grund, die Einweihung auf Sonntag zu verlegen.
So hörte man denn, neben mehreren ehemaligen polnischen Internierten, als einzigen jüdischen Zeitzeugen Harry Herz aus Zürich, der nur ganz kurz auf die spezielle Situation der jüdischen Zivilflüchtlinge hinweisen durfte, die froh waren, nicht zurückgeschickt zu werden. Hinter drei Meter hohem Stacheldraht, bewacht von bewaffneten Soldaten mit aufgepflanztem Bajonett, hatten sie jedoch grosse Angst, sich bei einem Einmarsch der Deutschen in die Schweiz in einer Falle zu befinden, aus der es kein Entrinnen geben könne.
Die Gedenkausstellung im Rathaus Büren thematisiert mit 45 Karteikarten die jüdischen Lagerinsassen, allerdings meist nur solche, die zu jüdischen Schweizer Familien liberalisiert wurden. Stadelmann, der die Texte zur Ausstellung verfasste, ist der Meinung, dass das Lager für alle, Internierte und Bevölkerung, eine schlechte Erfahrung gewesen sein muss: «Es braucht Erinnerung! Aber ich bin hin- und hergerissen. In der Ausstellung wird das Lager aus der Sicht der Bürener gezeigt. Trotzdem ist es wichtig, dass man hier nun zu etwas steht, was alle als Fehlplanung angesehen haben.»

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Zeitzeugen erinnern sich

Büren a. Aare / T.K. - Als Achtzehnjährige waren Toni Linder und Reinhard Rohr aus Biel bei den Pfadfin-dern und Messdiener bei Vikar Otto Sprecher, der auch die polnischen Katholiken im Lager Häftli betreute. Wie alle anderen durften der Vikar und seine beiden Helfer mit den jüdischen Flüchtlingen nicht sprechen, ihre Baracke nicht betreten. Im Dezember 43 bat sie ein alter Mann flehentlich um Hilfe. Trotz grosser Angst vor den Wachmannschaften gingen sie mit zur Baracke, wo in einer Ecke eine Frau am Gebären war. Der Vikar, als Sanitäter ausgebildet, leistete Geburtshilfe. Für diese Hilfeleistung wurde Vikar Sprecher zu Bischof Franziskus von Streng nach Solothurn zitiert, schwer gerügt und energisch verwarnt.
Noch schlimmer erging es der Lager-Krankenschwester Ruth, wie Harry Herz zu berichten weiss. Da sie sich trotz des Verbotes von persönlichem Kontakt auch mitmenschlich um die jüdischen Flüchtlinge kümmerte, drohte ihr eines Tages Lagerleiter Hauptmann Lindt beim morgendlichen Appell vor versammelter Wachmannschaft, er werde beim Eidgenössischen Militärdepartement ihre Entlassung aus der Armee bewirken. Als Disziplinarstrafe erhielt sie mehrere Tage Lagerarrest. Dringend notwendige Medikamente für schwerkranke Lager-Patienten durfte sie in diesen Tagen nur unter der Bewachung von zwei Soldaten mit aufgepflanztem Bajonett in Büren holen.
Trotz Lebensmittelspenden war das Lageressen äusserst dürftig, da rationierte Esswaren entnommen wurden, bevor sie in die Flüchtlingsküchen kamen. Einmal waren die Versorgungsverhältnisse so prekär, dass sogar Bundesrat von Steiger sich genötigt sah, eine Lagerinspektion vorzunehmen. Er bekam von Schwester Ruth eine Kostprobe, mit der Bitte, es selbst zu versuchen und dann zu beurteilen. Auch die Presse durfte nur mit bundesrätlicher Erlaubnis über das Bürener Lager berichten, wie Kaspar Haupt vom Grenchner Tagblatt erzählte.
Eine Frau teilte 1945 der Berner Zeitung «Der Bund» mit, dass es im Häftli Missstände gäbe. Der damalige Chefredaktor musste erst Bundesrat Karl Kobelt um die Erlaubnis zur Veröffentlichung bitten, was dann eine weitere Untersuchung der Zustände im Lager zur Folge hatte.