Definitionen von Freiheit

Von Daniel Zuber, April 15, 2011
Mit Pessach wird die Befreiung aus der Knechtschaft in Ägypten gefeiert und es soll daran erinnert werden, dass der Kampf für die Freiheit in jeder Generation fortgesetzt werden muss. Schweizer Persönlichkeiten und ihre Gedanken zu Pessach, dem Konzept der Freiheit und dem Geschehen der Zeit.
FREIHEIT ALS CHANCE UND VERANTWORTUNG Rolf Bloch, René Bloch, Alfred Boden­heimer, Charles Lewinsky, Buddy Elias, Ronnie Bernheim, Brigitta Rotach und Ladislaus Löb (v.l.o.n.r.u.) machten sich Gedanken zum Thema

Kaum ein Begriff ist ähnlich positiv geladen wie der Begriff der Freiheit. Schlagwort für Revolutionen und Revolutionäre, Leitidee für Romantiker, Ideologien und Lebensentwürfe. Auch dem jüdischen Fest Pessach liegt der Freiheitsgedanke zugrunde. Der Auszug aus Ägypten bedeutet für die Kinder Israel den Auszug aus der Knechtschaft in die Autonomie. Dass diese Autonomie auch in Verirrung oder Sackgassen führen kann, hat sich in der Folge zur Genüge gezeigt. Der Kampf für Freiheit und die Befreiung aus Diktatur und Unterdrückung sind auch heute aktuelle Themen, gerade im Nahen Osten. Verschiedene Persönlichkeiten haben auf Nachfrage von tachles formuliert, was Freiheit für sie persönlich, auch hinsichtlich der aktuellen politischen Geschehnisse, bedeutet.

Gedenken mit Aktualitätswert

Der Unternehmer und ehemalige Präsident des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds Rolf Bloch sagt: «Freiheit durch Befreiung von einem entwürdigenden und rechtlosen Sklavendasein zu einem eigenständigen Volke Israel brachte der Auszug aus Ägypten, dessen wir an Pessach gedenken, und zwar so, als ob wir mit dabei gewesen wären – also ein Gedenken mit Aktualitätswert. Und nun findet in diesem Ägypten wie auch in anderen Ländern des Maghreb und Arabiens ein ähnlicher Aufbruch statt zur Befreiung von Despotie und Willkür, in der Hoffnung, er bringe dem einzelnen Bürger bessere Entfaltungsmöglichkeiten, Würde und Menschenrechte sowie den Völkern mehr Mitbestimmung. Freiheit durch Befreiung; am diesjährigen Pessach erleben wir damaliges und heutiges Geschehen als verwandte Ereignisse.»
Brigitta Rotach, Gesprächsleiterin der Sendung «Sternstunden» des Schweizer Fernsehens, beschreibt Freiheit als langwierigen Prozess: «Mir gefällt der Gedanke, dass Freiheit einen grossartigen Befreiungsschlag beinhaltet, wie wir ihn uns am Seder in Erinnerung rufen, aber auch den langen Prozess der Befreiung von Sklavenmentalität zu einem freien Volk, das nach 40 Jahren erst ins verheissene Land einziehen darf. Entsprechend wünsche ich den Revolutionen in verschiedenen nahöstlichen Ländern, dass nach der mutigen Befreiung von Diktatoren besonnene Politiker den langen Weg in demokratische Freiheit anführen, und vor allem genug Zeit, damit der Befreiungsschlag nicht unter der Fuchtel des nächsten Herrschers endet, sondern zu einem Prozess echter Befreiung wird.»

Von Gott gegeben

Die besonderen Aspekte des jüdischen Freiheitsbegriffs betont der Ordinarius für Religionsgeschichte und Literatur des Judentums am Institut für Jüdische Studien der Universität Basel Alfred Bodenheimer: «Das Besondere am jüdischen Freiheitsbegriff, wie er in Pessach symbolisiert wird, ist, dass es sich um eine Freiheit handelt, die von Gott gegeben und die Gott verpflichtet ist. Damit wäre Freiheit idealiter nicht bloss ein ausgehandelter Handlungsspielraum oder gar ein eher zufälliges Vakuum zwischen den Sonderinteressen verschiedener Gruppen, sondern sie ist, in ihrer Gewähr wie in ihren Grenzen, absolut gesetzt. Angesichts der Revolutionen in muslimischen Staaten befürchten viele, die vorübergehende Freiheit könnte in die Diktatur der nächsten Interessengruppe führen, nicht zuletzt der Begriff der religiösen Herrschaft oder der Theokratie taucht als Schreckgespenst auf. Pessach lehrt uns: Freiheit ist nicht das, was wir bestenfalls den Klauen göttlichen Rechts entreissen, es ist das von Gott ursächlich gemeinte und garantierte Recht des Menschen, sich souverän und aufrechten Ganges bewegen und artikulieren zu können.»
Der Präsident der Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus Ronnie Bernheim formuliert derweil etwas allgemeinere Gedanken: «Der natürliche Egoismus und Überlebensdrang aller Wesen wird durch angelerntes, gesellschaftlich und auch religiös kultiviertes Verhalten in Grenzen gehalten, die auch die Gemeinschaften zivilisiert überleben lassen. Egoistische und fanatische Exponenten an der Spitze und im Untergrund von Gesellschaften zerstörten und zerstören Gemeinschaftliches, so auch die ethischen, humanistischen und wirtschaftlichen Werte in der heutigen Zeit. Moderne Technologien geben Unterdrückten neue Mittel in die Hand, um das eigene, menschenwürdigere Leben zu erkämpfen. So ist die Rückbesinnung auf den Auszug aus Ägypten auch Symbol zum Befreien von Unterdrückung durch fremde und eigene Herrscher, egal welcher Couleur. Der beschwerliche, letzthin aber befreiende Auszug ist, nebst religiösem Gehalt, auch ein Beispiel, wie Glaube und Durchhaltekraft das als unmöglich Erscheinende zum Wohl der Unterdrückten erreichen lässt.»

Aktueller Bezug zu Israel

«Als in England lebender jüdischer Auslandsschweizer beobachte ich schon lange, wie einseitig hier im öffentlichen Gespräch über den Nahost-Konflikt Israel als Aggressor erscheint», so der Holocaust-Überlebende Ladislaus Löb, Germanist und Autor, welcher einen Bezug zur Israel-Feindlichkeit unserer Tage herstellt: «Vor allem bei der intellektuellen Linken – in Universitätskreisen und unter den Lesern gewisser Zeitungen – gehört es beinahe zum guten Ton, für jeden Zwischenfall Israel verantwortlich zu machen. Robuste Notwehr gilt als Unverhältnismässigkeit, Vorsicht als Intransigenz. Das einzige freie, demokratische Land in der Region – und so wird es wohl trotz arabischem Frühling auch bleiben – wird mit Nazideutschland verglichen. Mir kommt dabei immer der französische Spruch in den Sinn: ‹Dieses Tier ist sehr bösartig, wenn man es angreift, verteidigt es sich.› Hinter dieser neuen Israel-Feindlichkeit steckt nur zu oft der alte Antisemitismus. Es wäre an der Zeit, dass ausgerechnet die Kreise, die England gern als klassisches Land der Freiheit preisen, Israel die Freiheit zugestehen, sich in Wort und Tat gegen seine Angreifer zu wehren.»

Die Freiheit der Anderen

Für René Bloch, Professor für Judaistik am Institut für Judaistik und am Institut für Klassische Philologie der Universität Bern, bedeutet Freiheit sowohl Chance als auch Verantwortung: «Freiheit bedeutet Möglichkeiten: Die Möglichkeit zur Veränderung und die Möglichkeit zur Beibehaltung. Freiheit verlangt von uns Gestaltung. Freiheit zwingt uns, selbst Grenzen zu setzen. Freiheit eines Menschen ist nur Freiheit, wenn die Unfreiheit anderer nicht akzeptiert wird», so Bloch, welcher damit ähnliche Aspekte betont wie Schriftsteller Charles Lewinsky: «Freiheit ist immer die Freiheit des anderen. Das Ende einer Unterdrückungszeit, wie wir sie am Pessach feiern, bedeutet noch nicht Freiheit. Die haben wir erst erreicht, wenn wir auch andere nicht mehr unterdrücken.»
Auch Schauspieler Buddy Elias sieht in wahrer Freiheit vor allem eine Handlungsverpflichtung. Der Cousin von Anne Frank formuliert prägnant: «Für mich bedeutet Freiheit humanistisches Denken und vor allem Handeln in allen Belangen, ob in Bezug zu aktuellem Zeitgeschehen oder religiösem Leben.»