Davidstern und Halbmond

November 4, 2011

Kopfsteuern, spitze Hüte und statt Pferden Esel als Reittiere – dies sind nur einige der Auflagen für Juden im muslimischen Spanien, das als «goldenes Zeitalter der Toleranz» gilt. Doch wie Oberrabbiner Mordechai Piron in seinem Beitrag über «Die Beziehung der Juden zu Christen und Muslimen» weiter ausführt, «ist es eine historisch bewiesene und sehr merkwürdige Tatsache, dass im praktischen täglichen Leben in der Regel all diese Anordnungen nicht eingehalten wurden.» Piron führt dies auf die Überzeugung arabischer Stämme zurück, von Abraham abzustammen und mit dem Islam «den reinen Monotheismus im abrahamischen Sinne zu verkünden.»

Der ehemalige Oberrabbiner der israelischen Streitkräfte berüht damit den roten Faden, der sich durch diese Ausgabe über das Verhältnis von Judentum und Islam zieht. Dieses wird heute allzu oft mit dem Schlagwort «Krieg der Kulturen» als quasi naturgegebener Konflikt beschrieben. So betreibt eine Handvoll – nicht selten jüdischer – Agitatoren heute in den USA eine erstaunlich effektive Hetzkampagne gegen Muslime, die Amerika angeblich unter die Knute der Scharia zwingen wollen. Fachleute wie der Orientalist und Schriftsteller Navid Kermani betonen dagegen die Nähe jüdischer, christlicher und muslimischer Traditionen: «Die Literaturen, die Künste und die religiösen Traditionen des arabisch geprägten Kulturraums sind historisch so eng miteinander verflochten – oft bis zur Ununterscheidbarkeit –, dass sie nur im Zusammenhang studiert und dargestellt werden können. So setzt sich die islamische Theologie zu einem beträchtlichen Teil aus Antworten auf Fragen zusammen, die vom Judentum und vom Christentum an sie herangetragen worden sind… Nicht viel anders steht es mit dem Judentum.»

Dass diese Geschichte gerade in Europa weithin unbekannt ist, erklärt Kermani mit der sachfremden Aufspaltung der wissenschaftlichen Untersuchung dieses Kulturraums in Disziplinen wie Judaistik und Islamwissenschaft. Doch zunächst nimmt der Basler Journalist Andreas Schneitter den «Mythos Al-Andalus» näher unter die Lupe und erklärt, dass dieser für Christen, Juden und Muslime heute ganz unterschiedliche Bedeutungen trägt. Der niederländische Judaist Emile Schrijver untersucht dagegen den Alltag und die wissenschaftlichen Leistungen der Juden unter dem Islam im Mittelalter. Fokussiert Schrijver auf den arabischen Raum, wendet sich die Slawistin Regula Heusser-Markun der Geschichte der Juden im zentralasiatischen Buchara zu. Sie kamen unter muslimischer Obrigkeit bedeutend besser davon als später unter der stalinistischen und ­haben das heutige Turkmenistan daher meist nach dem Ende des Sowjetimperiums verlassen.

Dass die Grenzen zwischen Islam und Judentum zumindest durchlässig sind belegt derweil Katja Behling mit der spannenden Lebensgeschichte von Muhammad Asad. Dieser wurde im Jahr 1900 als Leopold Weiss im galizischen Lemberg geboren und konvertierte 1927 zum Islam. Asad entwickelte eine enge Freundschaft zum späteren König Ibn Saud und machte nach 1946 Karriere im diplomatischen Dienst Pakistans. Seine Biographie gibt Anlass zu einer Hoffnung, die auch Mordechai Piron äussert. Er sieht zwar «verschlossene Tore» für einen jüdisch-islamischen Dialog. Aber ein Blick zurück in die Vergangenheit lässt den Rabbiner trotzdem auf bessere Zeiten hoffen.    ●